Wohlen
Ehrenpreis für Freiämter Flugzeugschmiede: Das ist die fliegende Familie vom Rigacker

Die MSW Aviation von Max Vogelsang, Wohlen, hat als Flugzeug-Konstrukteurin und -Restauratorin weltweit einen guten Ruf. Im Juli ist die Familie Vogelsang von der Schweizer Stiftung Pro Aero mit dem Anerkennungspreis ausgezeichnet worden.

Toni Widmer
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Preisverleihung: Der Präsident der Stiftung Pro Aero, Markus Gygax (rechts) mit Max Vogelsang mit Gattin Margrit (mit Urkunde) und weiteren Familienmitgliedern vor dem von Max Vogelsang entwickelten Kunstflugzeug Votec Side by Side.

Preisverleihung: Der Präsident der Stiftung Pro Aero, Markus Gygax (rechts) mit Max Vogelsang mit Gattin Margrit (mit Urkunde) und weiteren Familienmitgliedern vor dem von Max Vogelsang entwickelten Kunstflugzeug Votec Side by Side.

ZVG

In einer kleinen Halle steht eine Votec 322, ein moderner Zweisitzer, der vorzugsweise für den Kunstflug eingesetzt wird. Davor eine Bücker Jungmann, eine von über 100 Maschinen, die von den Dornier-Werken in Altenrhein in Lizenz gebaut worden und ab 1936 bis 1971 bei der Schweizer Luftwaffe im Einsatz gestanden sind.

Im nächsten Raum eine aus Carbon gefertigte Drohne mit Solarpanel und Elektromotor und draussen im grossen Zelt eine Beechcraft Model 18 (kurz «Beech 18» genannt). Dieser 1944 gebaute Achtplätzer wurde früher für Vermessungs- und Fotoflüge von der Schweizer Landestopografie eingesetzt. Später stand die Maschine 20 Jahre lang im Verkehrshaus in Luzern und danach fast ebenso lang im Fliegermuseum in Dübendorf.

Jetzt steht sie in Wohlen, zusammen mit allen eingangs erwähnten Flugzeugen sowie einzelnen Komponenten weiterer Maschinen. Was die Öffentlichkeit kaum wahrnimmt, ist Insidern schon lange bekannt: Die Max Vogelsang AG ist nicht nur Spezialistin für alle Arten von Zimmereiarbeiten.

Auf ihrem Firmengelände im Wohler Gewerbegebiet Rigacker befindet sich auch eine der renommiertesten Flugzeug-Schmieden der Schweiz. Betrieben wird diese von den gleichen Leuten, die auch für die Zimmerei verantwortlich sind: Seniorchef Max Vogelsang und seine Familie.

Max Vogelsang in seiner Werkstatt vor der in Restauration befindlichen Bücker Jungmann, dahinter eine Votec 322 und der Ford GT 40 Replica, der von ihm entwickelt und gebaut worden ist.

Max Vogelsang in seiner Werkstatt vor der in Restauration befindlichen Bücker Jungmann, dahinter eine Votec 322 und der Ford GT 40 Replica, der von ihm entwickelt und gebaut worden ist.

Toni Widmer

In prominente Runde eingereiht

Im Juli ist die Familie Vogelsang von der Schweizer Stiftung Pro Aero mit dem Anerkennungspreis ausgezeichnet worden. Sie darf sich damit in eine prominente Runde bisheriger Preisträger einreihen: Astronaut Claude Nicollier, die Pilatuswerke Stans oder die Patrouille Suisse. «Dieser Anerkennungspreis wird seit 1985 an Personen verliehen, die in der Luftfahrt aussergewöhnliche Leistungen vollbracht haben. Aussergewöhnlich ist bei dieser Preisvergabe, dass sich eine ganze Familie – vom Grossvater bis zu den Enkeln – in einem hohen Masse engagiert», sagte Markus Gygax, Präsident der Stiftung Pro Aero, in seiner Laudatio.

Max Vogelsang hat sich einen Namen als Kunstflugpilot gemacht, mit seiner Firma MSW Aviation eigene Flugzeuge entwickelt und immer wieder verschiedene historische Maschinen in jahrelanger, aufwendiger Arbeit restauriert. Vor wenigen Tagen ist er 75 Jahre alt geworden, nach wie vor steht er täglich in der Werkstatt oder sitzt am Steuer eines Flugzeuges.

Mit im Cockpit in der Wohler Flugzeugschmiede sitzen Tochter Susanne und Sohn Urs, beide wie ihr Vater erfolgreiche Kunstflugpiloten. Auch Tochter Monika, Bruder Ruedi und natürlich Gattin Margrit, die ihren Mann seit je in allen Bereichen nach Kräften unterstützt, sind mit den Jahren zu wahren Könnern im Flugzeugbau und der Restauration von historischen Flugzeugen geworden.

International ein guter Ruf

Zusammen bildet die Familie Vogelsang ein Team, das international in Fliegerkreisen einen hervorragenden Ruf geniesst und bei komplexen Fällen immer wieder um Rat gefragt wird, vor allem, wenn es um Restaurationen geht.

Zurück zum Anfang: Von der Votec 322 (VogelsangTechnik) sind in Wohlen bisher über zwei Dutzend Exemplare gebaut worden. «Es ist kein Flugzeug für jedermann. In Fachkreisen wird der 320 PS starke Zweiplätzer auch Formel 1 der Lüfte genannt. Es ist eine sehr agile, sehr wendige Maschine, die nur von Piloten geflogen werden kann, die über genügend Können und Erfahrung verfügen», sagt Max Vogelsang. Eingesetzt wird sie vor allem auch als Trainingsflugzeug für angehende Kunstflieger.

Die Bücker Jungmann wiederum ist ein Restaurationsobjekt. Sie hat bei einer Panne bei einer Landung Totalschaden erlitten und wird in Wohlen von Grund auf neu aufgebaut: «Das ist mit viel Aufwand verbunden, aber es lohnt sich, denn diese Maschine ist Kulturgut. Wir haben schon mindestens zehn davon restauriert», erklärt Vogelsang.

Das Fachwissen für solche Projekte hat er sich über Jahrzehnte angeeignet: «Mich hat die Technik dieser Flugzeuge schon als Bub interessiert. Ich habe unzählige Bücher dazu verschlungen und später halt immer und immer wieder probiert, bis ich die entsprechende Lösung bei einer Restauration gefunden habe.»

«Flugzeuge sind mein Leben»

Flugzeuge zu bauen und zu restaurieren, sagt der 75-Jährige, sei eine Leidenschaft. Und obwohl er manchmal mit einem Problem einschlafe und damit wieder aufwache, ihn knifflige Aufgaben über Tage und Wochen beschäftigen, sei das für ihn nicht Arbeit: «Es ist unheimlich interessant und schön, das hat mit Chrampfen nichts zu tun, das ist einfach mein Leben.»

Max Vogelsangs Arbeitstage beginnen nach wie vor um 6.30 Uhr und enden frühestens um 21 Uhr. In der Werkstatt steht er meist auch am Samstag und Sonntag. Zumindest, wenn es regnet, sonst wird meistens geflogen. Projekte haben er und seine Familie noch viele, und Anfragen gibt es zuhauf.

Nicht verwunderlich, denn die Vogelsangs gelten auf vielen Gebieten als Spezialisten: Gattin Margrit und die Töchter Monika und Susanne in der Fertigung von Carbonteilen und Susanne auch in der Restauration von Holz- und Stoffteilen bei alten Flugzeugen. Dafür verfügt sie sogar über die entsprechende Lizenz vom Bundesamt für Zivilluftfahrt.

Unmögliches wird möglich

Die Vogelsangs machen mit ihrer Erfahrung, ihrer Begeisterung für die Fliegerei und ihrer unkonventionellen Art, an Probleme heranzugehen, auch Unmögliches möglich. Die eingangs erwähnte Drohne mit der Flügelspannweite von 25 Metern und dem lediglich 30 Kilogramm leichten Carbonrumpf beispielsweise wird in Wohlen gebaut, weil die Pläne des chinesischen Auftraggebers weltweit sonst niemand umsetzen wollte oder umsetzen konnte.

Max Vogelsang ist stolz auf solche Aufträge: «Solche Herausforderungen sind nach wie vor mein Leben, da habe ich gar keine Zeit, alt und krank zu werden», lacht er und schwärmt von seinem aktuell grössten Projekt, der 1944 gebauten Beech 18: «Wir sanieren diese achtplätzige Maschine mit ihren beiden 450 PS starken Pratt & Whitney-Sternmotoren in Wohlen von Grund auf. Danach wird sie in unserem Hangar auf dem Flugplatz Birrfeld zusammengestellt und getestet. Geplant ist, mit diesem Oldtimer Eventflüge durchzuführen.»

Max Vogelsang sagt nicht, dass er die nötigen Testflüge selber vornehmen und wohl auch später bei verschiedenen Events den Steuerknüppel bedienen wird. Muss er auch nicht. Bei der immer noch riesigen Begeisterung für die Fliegerei und der körperlichen und geistigen Fitness des 75-Jährigen liegt das ja wohl auf der Hand.