Freiamt
Düsteres Szenario: Aarau profitiert, Freiamt verliert – S-Bahn-Verbindung nach Zürich droht zu kippen

Bleibt sie oder bleibt sie nicht, die S42 als Direktverbindung für die Pendlerinnen und Pendler aus dem Freiamt nach Zürich? Diese Frage erhitzt seit ein paar Monaten die Gemüter. Die öV-Kommission der Freiämter Regionalplanungsverbände skizziert ein düsteres Zukunftsszenario.

Toni Widmer
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Regionalzug bei der Einfahrt in den Bahnhof Wohlen. archiv/az

Regionalzug bei der Einfahrt in den Bahnhof Wohlen. archiv/az

Walter Schwager

Die Fakten: Ende der 90er-Jahre gab es erstmals zwei Zugspaare, die aus dem Freiamt direkt nach Zürich verkehrten, 2003 wurde dieses Angebot auf drei Zugspaare verbessert. Ein weiterer Ausbau gelang nicht zuletzt dank den Bemühungen der öV-Gruppe Freiamt, die sich seit 2006 im Auftrag der drei Regionalplanungsverbände aus diesem Gebiet für bessere Verkehrsverbindungen von Bahn und Bus einsetzt.

Heitersberg-Halt gestrichen

Die Linie S42 Muri–Wohlen–Zürich wurde in der Folge ausgebaut. Sie ist sehr beliebt und wurde wegen der Umsteigemöglichkeit beim Halt in Mellingen-Heitersberg vor allem auch gerne von Pendlern genutzt, die vom Freiamt in den Raum Baden gelangen wollten. Wurde, denn seit dem Fahrplanwechsel vom 10. Dezember hält dieser Zug dort nicht mehr.

Das ist im Freiamt sauer aufgestossen. Mit einer Interpellation ist der Murianer Grossrat Herbert Strebel deshalb beim Regierungsrat vorstellig geworden. Er hat vom Kanton gefordert, sich vermehrt für bessere öV-Verbindungen im Aargau einzusetzen. Strebel hat in seinem Vorstoss die Vermutung geäussert, dass mit dem Verzicht auf den Halt in Mellingen-Heitersberg der schleichende Tod der S42 eingeläutet werde.

Jetzt liegt die Antwort des Regierungsrates vor, und sie ist recht konfus: «Die S42 ist weiterhin wichtiger Bestandteil der S-Bahn Aargau, und das Angebot soll in den nächsten Jahren unverändert weiterfahren», steht da geschrieben. Aber auch: «Ein gewisses Risiko besteht, dass aus gesamtschweizerischen Überlegungen die vergleichsweise schwach nachgefragten S42-Verbindungen auf der Heitersberglinie – dem grössten Kapazitätsengpass im Mittelland – mittel- bis langfristig infrage gestellt werden.»

Aarau profitiert, Freiamt verliert

Ja was denn nun? Erachtet der Kanton denn nun die S42 als wichtig und setzt er sich für ihren Erhalt ein oder ist ihm egal, was damit passiert? Aufschluss gibt es ein paar Zeilen weiter unten in der seltsamen Antwort auf Strebels Interpellation: «Im Konzept S-Bahn Aargau und im Referenzkonzept 2025 sind keine S42-Halte in Mellingen-Heitersberg mehr möglich. Im Gegenzug profitiert die Kantonshauptstadt Aarau von den zusätzlichen Fernverkehrshalten und von einem attraktiven Angebot nach Zürich und Bern.»

Und der Gotthard?

Unmut gibt es in der in der öV-Kommission auch über die Situation bei der überregionalen Anbindung des Freiamts an das Schienennetz. Obwohl es im Kantonalen Richtplan festgeschrieben ist, fehlt eine direkte Anbindung an den Nord-Süd-Verkehr. Durch das Freiamt fahren zwar Tag und Nacht die Güterzüge, beim Personenverkehr bleibt die Region aber weitgehend auf der Strecke. «Die Neat bringt uns zwar mehr Lärm vom Güterverkehr, aber bisher noch keine schnelleren Verbindungen in den Süden», sagt die Kommission. Auch in diesem Bereich will sie deshalb im Hinblick auf den Ausbauschritt 2030/35 noch vermehrt Druck machen und hofft dabei vor allem auch auf die Unterstützung der Freiämter Politiker. (to)

Damit wird der ohnehin schon bestehende Verdacht weiter genährt, das Freiamt müsse wohl bald auf eine komfortable Direktverbindung nach Zürich verzichten, damit es dafür den Bahnbenützern in der Region Aarau besser geht. Denn: Auch der Kanton weiss, dass mit dem Wegfall des S42-Haltes in Mellingen-Heitersberg dessen Frequenzen sinken. Die Befürchtung ist berechtigt, dass diese irgendwann auf einem so tiefen Niveau liegen, dass die SBB die Linie mit «gutem Gewissen» ganz aufheben kann.

Unterschiedliche Signale

Das, verbunden mit dem sich weiter verzögernden Ausbau des Heitersbergs, hat die Kommission öV-Gruppe Freiamt hellhörig gemacht. Sie hat sich beim Bundesamt für Verkehr nach der Zukunft der S42 erkundigt und zur Antwort erhalten, diese sei nach dem aktuellen Vernehmlassungsentwurf zum Ausbauschritt 2030/35 (AS 2030/35) sichergestellt. Doch kaum ist diese Antwort da, wirft eine Übersicht zum Bahnausbau Step 2030/35 in der AZ (AZ vom 6. Dezember 2017) neue Fragen auf. Unter dem Titel «Die Zukunft im Aargau heisst Umsteigen» skizziert Aargau-Redaktor Mathias Küng die Zukunft und titelt: «Weil dem Bund das Geld für den Bahnausbau zwischen Aarau und Zürich fehlt, will er die Linien besser nutzen. Was gut klingt, hat negative Folgen im Aargau.»

Vorgesehene Massnahmen im Step 2030-35

Vorgesehene Massnahmen im Step 2030-35

BVU

In der Grafik zum Artikel ist die S42 nicht aufgeführt, woraus die Verantwortlichen der öV-Kommission Freiamt schliessen: «Das kann eigentlich nur heissen, dass der Kanton einmal mehr das Freiamt zugunsten anderer Verbindungen opfern will», sagt der Bremgarter Fredy Zobrist, der seit ihrer Gründung in der Kommission mitarbeitet. Die Kommission, hält er fest, sei enttäuscht von der bisher lauen Reaktion der Politik, denn eine direkte Verbindung vom Freiamt nach Zürich sei für die Attraktivität dieser Wachstumsregion von grosser Wichtigkeit.

Kanton soll Druck ausüben

Vielleicht geht ja doch noch etwas: Am 12. Dezember hat die CVP-Grossrätin Marianne Binder zusammen mit ihren Grossratskollegen Herbert Strebel (CVP, Muri) und dem parteilosen Zofinger Stadtammann Hans-Ruedi Hottiger eine Motion zum Thema eingereicht. Darin wird der aargauische Regierungsrat «zwingend aufgefordert, im Laufe der Planarbeiten und Verhandlungen für den Bahnausbauschritt ‹Step 2030/2035› Druck auf den Bundesrat insofern auszuüben, als dass keine Verschlechterung für den Standort Aargau und dessen Einwohnerinnen und Einwohner zu akzeptieren sind.» Insbesondere, halten die Verfasserin und die Verfasser der von 22 Grossratsmitgliedern mitunterzeichneten Motion fest, bedeute dies auch keinen Verzicht auf die bisherigen wichtigen Direktverbindungen.