Bremgarten

Durch Gartenarbeit: So finden Asylsuchende einen Weg in den Schweizer Alltag

Eine Gruppe junger Asylsuchender gärtnern bei der reformierten Kirche Bremgarten. Das Projekt stösst auf positive Resonanz.

Es ist Ende Oktober, viel Gemüse wurde bereits geerntet. Dennoch gibt es im Garten auf dem Gelände der reformierten Kirche einiges zu entdecken. Federkohl, Kartoffeln und Stangensellerie sind noch in den Beeten. Kürbisse fallen ins Auge.

Subhi Alali, ein Syrer aus der Nachbarschaft, und der Asylsuchende Said Reza begutachten sie. «Demnächst können wir testen, ob die schon schmecken», sagt Erika Basin, die das Gartenprojekt mit Asylsuchenden ins Leben gerufen hat. Mitorganisatorin Ellen Wulfers nickt.

Die Stadt Bremgarten und verschiedene Gremien unterstützen mit einer Begleitgruppe Asylsuchende dabei, sich in der Schweiz zu integrieren. Die Asylsuchenden stammen aus Syrien, Afghanistan, Somalia, aus dem Irak und weiteren Ländern.

«Wir haben in regelmässigen Abständen Events organisiert, die etwa zwei bis drei Stunden dauerten», schildert Basin. «Auf Dauer war uns das zu wenig. Ein länger andauerndes Projekt kam uns sinnvoller vor.»

Beim Gärtnern kommen die Erinnerungen zutage

Inspiriert vom Gartenprojekt eines Bekannten, schlug die ausgebildete Landschaftsarchitektin und Gartentherapeutin Erika Basin vor, ein ähnliches Vorhaben mit den Asylsuchenden auf die Beine zu stellen. «Corinne Dobler, Pfarrerin der reformierten Kirche, hat uns angeboten, die Fläche hinter der Kirche dafür zu nutzen.»

Zum Projekt gehören natürlich Leute, die daran Freude haben. «Wir haben bei den Asylsuchenden eine Umfrage gemacht, ob Interesse an der Gartenarbeit besteht.» Acht junge Männer wollten dabei sein. «Also haben wir unser Vorhaben Anfang 2019 in Angriff genommen.»

Im Sommer habe man sich oft am Mittwochabend zur Gartenarbeit getroffen. Um alle zusammenzutrommeln, wurde ein Gartenchat eingerichtet. «Tagsüber haben die jungen Leute oft viel Programm, da besuchen sie Sprachkurse, machen Praktika oder erledigen Behördengänge», erzählte Ellen Wulfers, die auch eine Zusatzausbildung in Gartentherapie absolviert hat.

Bei der Gartenarbeit komme man gut ins Gespräch. «Da gibt es Momente, da kommen die Erlebnisse der jungen Leute zutage. Was sie in ihrer Heimat und auf ihrem Weg hierher erlebt haben.» Häufig sei das ergreifend und fördere das Verständnis für die schwierige Situation der jungen Männer.

«Es ist für uns als Betreuerinnen wichtig, flexibel zu bleiben und nicht allzu streng aufzutreten. Die Freude an der Gartenarbeit soll erhalten bleiben.» Das Interesse sei definitiv vorhanden. Said Reza schaut oft auf dem Weg zum Einkaufen im Garten vorbei: «Ich gebe den Pflanzen Wasser, sehe nach, ob alles in Ordnung ist, und nehme Gemüse mit.»

Schmunzelnd fügt er hinzu: «Salat habe ich schon lange nicht mehr im Supermarkt gekauft.» Oft und gern kommt auch Subhi Alali vorbei, er wohnt wenige Strassen entfernt. «Ich mag die Zusammenarbeit», erklärt er lächelnd.

Vom Krautstiel bis zur marokkanischen Minze

Im Herbst habe sich der Samstag für die Gartenarbeit eingebürgert. «Wir haben nach biologischen Richtlinien angebaut», legen Basin und Wulfers dar, «es gibt Tomaten, Zucchetti, Kartoffeln, Krautstiel und mehr.» Da komme der Bildungscharakter des Projektes ins Spiel, nicht alles an Obst und Gemüse sei den jungen Asylsuchenden bekannt. Aber auch Pflanzen wie marokkanische Minze wachsen im Garten.

Das Gemüse wird nicht nur zusammen angebaut, die Gruppe hat in der Unterkunft der Asylsuchenden auch gemeinsam gekocht. «Das ist das Schöne am Projekt», betont Wulfers, «dass wir voneinander lernen.»

Stadtrat Theophil Rau, der zur Begleitgruppe gehört, steht dem Projekt positiv gegenüber: «Es ist für mich erfolgreich. Die Asylsuchenden haben einen Ort mehr, an dem sie tätig sein können. Der Austausch mit den Einheimischen ist rege und freundlich.»

Über die entgegenkommenden Reaktionen der Nachbarschaft freuen sich Erika Basin und Ellen Wulfers besonders. «Unser gesamtes Gartenwerkzeug haben wir von Leuten aus der Umgebung geschenkt bekommen, das war enorm hilfreich und so nett.»

Ob es 2020 weitergeht, steht noch nicht fest. «Wichtig ist, dass die Asylsuchenden mit Begeisterung dabei sind. Ausserdem wäre es toll, wenn wir Unterstützung bekämen, sehr gern auch von gartenbegeisterten Männern.» Für die jungen asylsuchenden Männer seien männliche Ansprechpersonen hilfreich.

Zur Fortführung betont Rau: «Dafür muss das Interesse der Asylsuchenden gesichert sein, und die Begleitgruppe muss die Ressourcen zuteilen. Ich gebe dem Projekt gute Chancen, auch nächstes Jahr weitergeführt zu werden.»

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