Bezirksgericht Bremgarten

«Du würdest besser deine Schulden zahlen, als diese Schlampe zu unterstützen»

Zwischen zwei Männern kam es in einer Bar zu einem Handemenge. (Symbolbild)

Zwischen zwei Männern kam es in einer Bar zu einem Handemenge. (Symbolbild)

Ein 40-Jähriger wurde nach einem Streit in einer Bar wegen einfacher Körperverletzung verurteilt – das Strafmass ist noch offen, gegen den zweiten Beteiligten läuft ein Verfahren.

Die Vorwürfe gegen Thomas in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft sind happig. Der 40-jährige, kräftige Mann soll im Frühling seinen Kollegen Stefan (beide Namen geändert) derart stark gewürgt haben, dass dieser in Lebensgefahr geriet. Stefan sei es schwindlig geworden, weil die Sauerstoffzufuhr ins Gehirn durch den Würgegriff gestört wurde, zudem habe ihn Thomas mit Faustschlägen und Fusstritten traktiert.

Für die Staatsanwaltschaft ist der Straftatbestand der schweren Körperverletzung erfüllt und eine unbedingte Haftstrafe von 11 Monaten für Thomas fällig. Sie hält dem 40-Jährigen zugute, dass er in Notwehr gehandelt habe – Thomas habe aber das Mass des Vertretbaren überschritten.

Schulden in der Höhe von 3000 Franken

Zur tätlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden kam es Anfang April in einer Bar in der Region. Hintergrund des Streits waren Schulden in der Höhe von rund 3000 Franken, wie Thomas bei der Befragung durch Einzelrichter Peter Thurnherr am Bezirksgericht Bremgarten erklärte. Stefan habe von ihm CBD-Hanf bezogen und sei mit den Zahlungen im Verzug gewesen, sagte er.

«Wir haben uns an jenem Abend in der Bar getroffen, um Lösungen zu suchen, wie er mir die Schulden zurückzahlen könnte», sagte Thomas vor Gericht. Stefan habe ihm gesagt, er habe kein Geld, zugleich eine 100er- Note aus dem Sack gezogen, diese seiner Freundin gegeben und ihr gesagt, sie solle in der Bar Getränke kaufen.

Thomas reagierte mit dem Satz: «Du würdest besser mir die Schulden zurückzahlen, statt die Schlampe zu unterstützen.» Danach habe Stefan ihn attackiert, herumgeschubst und gegen ein Geländer gedrückt. Das liess sich Thomas, der zehn Jahre Kampfsport betrieben, mehrere Selbstverteidigungskurse absolviert und im Sicherheitsdienst gearbeitet hatte, allerdings nicht gefallen. «Ich habe seinen Arm abgewehrt, ihn am Kopf gepackt und dann am Hals zu Boden gedrückt» – so schilderte er das Geschehen.

Er habe Stefan aufgefordert, ruhig zu bleiben, ihn für vielleicht 20 Sekunden niedergedrückt, «aber ich habe ihn definitiv nicht geschlagen, das würde ich nie tun», sagte er. Verletzungen bei Stefan, die laut einem rechtsmedizinischen Gutachten auf Schläge zurückzuführen sind, hätten ihm wohl andere zugefügt.

Richter sieht keine Notwehr – und kann Strafmass nicht festlegen

Stefan, der momentan im Zentralgefängnis Lenzburg in Untersuchungshaft sitzt, muss sich in einem separaten Verfahren verantworten. Er verlangte mit schriftlicher Eingabe eine Genugtuung von 5000 Franken, weil er noch lange nach der Auseinandersetzung mit Thomas an Angstzuständen gelitten habe.

Dieser betonte wiederholt, er habe in Notwehr gehandelt: «Ich sah in seinen Augen eine extreme Aggression, als er auf mich losging.» Als er Stefan losgelassen habe, sei dieser rasch aufgestanden, habe ein Messer gezogen und ihn bedroht, ergänzte Thomas.

«Dass ich seine Freundin als Schlampe bezeichnete, war vielleicht unüberlegt, aber keine starke Provokation», sagte er. Der amtliche Verteidiger von Thomas forderte einen Freispruch für seinen Mandanten. Die Aussagen von Stefan seien widersprüchlich, zudem habe dieser ausgesagt, er habe nie das Gefühl gehabt, er sei in Lebensgefahr. Ohnehin habe Stefan selber das Gerangel ausgelöst, weil er Thomas geschubst habe, sagte der Verteidiger.

Richter konnte kein Strafmass festlegen

Einzelrichter Thurnherr sah das anders: «Sie haben die Auseinandersetzung mit der Beleidigung ausgelöst», sagte er zu Thomas. Dieser habe damit rechnen müssen, dass Stefan auf ihn losgehe, wenn er dessen Freundin als Schlampe bezeichne. Darum könne sich Thomas nicht auf Notwehr berufen und die Staatsanwaltschaft liege mit ihrem Vorwurf der schweren Körperverletzung ebenfalls falsch. Zwar könne Würgen lebensgefährlich sein, bei Stefan gebe es aber keine gravierenden Verletzungen.

Auch der Tatbestand der Gefährdung des Lebens sei nicht erfüllt. Thomas sei nicht skrupellos vorgegangen, er habe Stefan nur ruhigstellen wollen. So blieb ein Schuldspruch wegen einfacher Körperverletzung – und eine ungewöhnliche Situation: Thurnherr konnte kein Strafmass festlegen. Dies, weil Thomas am Tag zuvor im Kanton Nidwalden zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden war.

Davon muss er ein Jahr in Halbgefangenschaft absitzen, die restlichen zwei Jahre wurden bedingt ausgesprochen. Erst wenn dieses Urteil rechtskräftig ist, kann das Bezirksgericht Bremgarten die Höhe der fälligen Gesamtstrafe festlegen.

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