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Ruth Leuthard, die Mutter von Bundesrätin Doris Leuthard, hat vor 60 Jahren im Gasthof Zum Wilden Mann in Sarmenstorf mit ihrer Schwester zusammen gewirtet. Jetzt hat sie ihren «Wilde» zum ersten Mal nach der Totalsanierung wiedergesehen.
Schon auf dem Weg nach Sarmenstorf sprudelt es aus Ruth Leuthard heraus:
Das war 1957. In den folgenden fünf Jahren gab sich «im Wilde», wie die Einheimischen das Haus auch heute noch nennen, alles, was Rang und Namen hatte, die Klinke in die Hand. Die zwei forschen jungen Wirtinnen waren mit ihrer leutseligen Art weit über Sarmenstorf hinaus bekannt und beliebt. Wer fein essen oder ein gemütliches Feierabendbier trinken wollte, ging nicht in den «Wilden Mann», sondern zu den «Wilden Frauen».
All diese Geschichten hat Ruth Leuthard bei sich, als sie durch das frühbarocke Zierportal von 1669 ihren «Wilde» betritt. Hinter der Tür erwarten sie schon die neuen Besitzer des ehemaligen Gasthofs. Das sind Priska Kaufmann Roggwiller und ihr Mann, Daniel Roggwiller, sowie deren Söhne Tobias Kaufmann und Tobias Roggwiller. Sie haben im September 2015 den «Wilden Mann» gekauft und das stark renovationsbedürftige Haus vom Keller bis zum Dach umgebaut.
Gute zwei Jahre hat die Arbeit gedauert, und mehr als 9000 Stunden Eigenleistung hat das Familienunternehmen Kaufmann/Roggwiller in den Bau investiert. Dabei kamen den Bauherren ihre Berufserfahrungen als Bauführer, Ablauger, Schreiner und Elektromonteur sehr zugute. «Alles in allem haben fast 100 Leute an diesem Haus gearbeitet», fasst Tobias Kaufmann zusammen. «Viele Kollegen und Freunde von uns haben Hand angelegt. Dazu kamen die Fachleute: der Architekt, der die Baueingabe gemacht hat, der Bauberater von der Denkmalpflege, dann der Zimmermann, der Maurer, der Sanitärinstallateur und natürlich alle anderen Spezialisten, der Betonstatiker, der Holzbaustatiker und der Bauphysiker.»
Da es keine Pläne des Hauses gab, mussten sie sich bei der Renovierung Schritt für Schritt vorwärtstasten und ihre Pläne vornweg den neuen Gegebenheiten anpassen. «Diese vielen kleinen Teilerfolge haben dazu geführt, dass wir selber mit dem Projekt gewachsen sind», sagt Tobias Roggwiller, der für sein grosses Bemühen um den «Wilde Maa» an der diesjährigen Fasnacht geehrt wurde mit seinem Namen als Zunftmeister der Heuröpfel-Zunft: Roggi de Wild. «Zum Glück erlebten wir keine wirklich bösen Überraschungen. Es ging immer schön vorwärts. Das absolute Highlight war dann aber die erste Nacht im eigenen Haus.»
Auf der Führung vom Gewölbekeller bis hinauf unters Dach kommt Ruth Leuthard aus dem Staunen nicht mehr heraus. «Was ihr aus dem ‹Wilde› gemacht habt, ist grossartig», schwärmt sie. «Erst wenn man hier drin ist, sieht man, wie gross dieses Haus tatsächlich ist. Das ist mir früher nie so aufgefallen.» Tatsächlich ist der ganze Bau 14 Meter hoch und steht auf einem rund 1400 Quadratmeter grossen Grundstück, mitten in der Kernzone.
Im Parterre, wo früher die Gaststube war, ist heute der Gemeinschaftsraum für alle drei Parteien eingerichtet. Die Holzbank, der ganzen Wand entlang, ist immer noch die alte. «Wenn ich 30 Jahre jünger wäre, dann würde ich hier sofort wieder wirten», sagt Leuthard mit leuchtenden Augen.
Dann erzählt sie, wo hier der Zigarettenautomat stand. «Den Soldaten haben wir oft den Schlüssel gegeben, damit sie sich noch Zigaretten nehmen konnten, wenn wir zu Bett gingen. Am Morgen lag das Geld immer schön oben auf dem Kasten. So etwas war damals noch möglich.» Oben, wo früher das Säli war und die einfachen Gastzimmer, da wohnen jetzt in einem schicken Mix von alten Materialien und modernem Wohnkomfort die neuen Eigentümer des Hauses. «Manch einer unserer Gäste hatte am Anfang noch das Gefühl, wir zwei Wirtinnen gehörten so quasi mit zum Service, wenn sie ein Zimmer nahmen», erinnert sich Ruth Leuthard, «aber denen haben wir dann schnell erklärt, wo Gott hockt.»
Die Kegelbahn und die Hauskapelle fielen schon einer früheren Renovation zum Opfer. Für beides hätten die heutigen Besitzer wohl wenig Verwendung gehabt. Zum Kegeln würden sie auch kaum kommen, denn Garten und Vorplatz sind noch nicht fertig ...