Sie machte eine hervorragende Figur in ihrem orangefarbenen Sommerkleid mit dem breiten, schwarzen Gurt und dazu passendem Ohrgehänge. CVP-Bundesrätin Doris Leuthard strahlte mit der Sonne um die Wette, als sie nach dem exklusiven 1.-August-Brunch kurz nach elf das Festzelt auf dem Villmerger Dorfplatz betrat.

Trotz brütender Hitze füllten sich die Festbänke innert Kürze bis auf den letzten Platz und rund um das Zelt standen noch weitere Besucher, um den Worten «ihrer» Bundesrätin zu lauschen.

Schon mit ihrer ersten Bemerkung hatte sie die Zuhörer im Sack: «Ihr habt ja schon einen etwas heissen Tag ausgesucht. Ich habe mir deshalb erlaubt, nicht im offiziellen Blazer hier zu erscheinen. Sie verzeihen mir aber sicher diese protokollarische Unkorrektheit.» Zack, waren die Lacher und das Mitgefühl der Zuhörer bei ihr.

Dann lobte sie Gemeindeammann Ueli Lütolf für seine Hartnäckigkeit, mit der er seit 2010 immer wieder versucht habe, sie als 1.-August-Rednerin nach Villmergen zu holen. Als dann der Gemeinderat zum Abschied von Gemeindeschreiber Markus Meier im Bundeshaus zu Besuch war, da habe sie zu ihnen gesagt: «Also gut, ich komme – und jetzt bin ich gekommen.»

Nationalismus bedroht Tugenden

Vor der Bühne und im ganzen Zelt tummelten sich viele Kinder. Bundesrätin Leuthard freute sich darüber, denn um deren Zukunft, um die Zukunft unseres Landes gehe es doch, wenn man sich über die Schweiz Gedanken mache.

Aus Briefen, die sie unlängst von Jugendlichen erhalten habe, konnte sie erfahren, dass diese beileibe weniger desinteressiert seien, als man gemeinhin annehme: «Diese jungen Menschen mögen weniger Lebenserfahrung haben als die Erwachsenen. Aber sie haben offenkundig schon etwas Wichtiges gelernt: Alle einbinden, gemeinsame Lösungen suchen, den Ausgleich pflegen und Augenmass halten. Das ist es, was die Schweiz ausmacht.»

Leider gerieten diese Tugenden durch den immer stärker werdenden Nationalismus «in letzter Zeit etwas in Vergessenheit», sagte Leuthard und mahnte: «Niemand kann selber vollständig bestimmen. Das geht weder in der Familie, am Arbeitsplatz noch im Verein oder in der Politik – und schon gar nicht auf dem internationalen Parkett. Wer die Bundesverfassung höher gewichtet als das Völkerrecht, der gefährdet die Stabilität und die Verlässlichkeit unseres Landes, der schadet dem Wirtschaftsstandort Schweiz und den Menschenrechten. Kurz: Der handelt gegen die Interessen der Schweiz.» Klare Worte, welche die Magistratin dann noch weiter vertiefte.

Doris Leuthard in Villmergen.

Doris Leuthard in Villmergen.

Doris Leuthard hielt am 1. August in Villmergen eine Rede.

Die Selbstbestimmung der Schweiz bestehe darin, viermal pro Jahr an die Urne zu gehen und über Lösungen zu befinden, die in hart umkämpften Prozessen erarbeitet wurden. Niemand könne im Alleingang die Herausforderungen der globalisierten Welt lösen. Als Beispiel nannte Leuthard die Klimaerwärmung, die keine Grenzen kenne und nur international gelöst werden könne.

«Denken Sie mit!»

Weiter erinnerte Leuthard daran, dass die Schweiz schon immer verbunden war mit der Welt, Austausch und Handel mit vielen Ländern pflegt. «Eine Politik der Strafzölle, der Abschottung, der Kündigung wichtiger internationaler Verträge, stellt dieses Erfolgsmodell infrage und destabilisiert die Weltlage», betonte die Vollblutpolitikerin aus Merenschwand mit deutlicher Anspielung auf das Verhalten des amerikanischen Präsidenten.

Dessen Wahlkampfslogan «America first» aufgreifend, verkündete Leuthard: «Ich sage: ‹Be first, but be right!› Das will der Bundesrat auch gegenüber der EU bleiben. Die Schweiz bekennt sich zu den bilateralen Verträgen mit Europa. Der Bundesrat arbeitet gezielt an einer Weiterentwicklung durch ein Rahmenabkommen. Es soll uns Rechtssicherheit bringen.» Gute Beziehungen zum europäischen Binnenmarkt seien wichtig für die Schweiz und gerade auch für den Aargau. Immerhin erziele der beidseitige Austausch von Waren und Dienstleistungen einen täglichen Umsatz von 1,2 Milliarden Franken.

Es gelte, noch viele Probleme zu lösen, etwa die Altersvorsorge und die Gesundheitskosten. Darum lade sie die Stimmbürger ein, sich zu engagieren: «Denken Sie mit! Suchen wir gemeinsam die beste Lösung, denn wir sind innovativ, kreativ, fleissig, mutig, dynamisch und neugierig! Ohne Sie geht in unserer direkten Demokratie gar nichts.» Dazu gehöre auch eine seriöse Information. «Es darf auch ruhig mal mehr sein als eine Gratiszeitung oder ein Häppchen im Internet.»

Überhaupt nicht langweilig: Kunterbunte 1.-August-Reden

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Im Aargau gab es aber gleich mehrere Ansprachen die es in sich hatten. Bei einigen wurde herzhaft gelacht.