Rottenschwil
«Dorflädeli» schliesst nach einem Jahrhundert – sie führte es 70 Jahre lang

Anna Rosenberg geht mit 90 Jahren in den Ruhestand – damit endet eine Ära. 70 Jahre lang hat sie das «Dorflädeli» in Rottenschwil geführt.

Sina Grieder
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Das «Dorflädeli» existierte über 100 Jahre - nächsten Dienstag schliesst es für immer.

Das «Dorflädeli» existierte über 100 Jahre - nächsten Dienstag schliesst es für immer.

Aargauer Zeitung

In Gedanken versunken sitzt die bald 90-jährige Anna Rosenberg unter dem Vordach ihres gemütlichen Gartenhäuschens. Sie hat das «Dorflädeli» in Rottenschwil 70 Jahre lang geführt.

Nun hat sie sich dazu entschieden, es zu schliessen. «Irgendwann wird man einfach etwas müde», sagt sie. Aufgewachsen im selben Dorf, nur zwei Häuser vom jetzigen Wohnhaus entfernt, hat sie damals mit einer Lehre als Verkäuferin begonnen.

Danach begann sie im kleinen «Tante-Emma-Lädeli» in Rottenschwil zu arbeiten. «Schon damals hat mir das Krämern Freude bereitet», erklärt Anna Rosenberg mit einem Schmunzeln.

Die Vorbesitzerin hatte starke gesundheitliche Probleme. Annas Mutter riet ihr, den Laden zu übernehmen. Doch eigentlich wollte sie das gar nicht. «Ich wollte noch etwas erleben», sagt Anna Rosenberg.

Mit 18 Jahren war es für sie noch etwas zu früh, um bereits den eigenen Laden zu führen. Als die Vorbesitzerin verstarb, kaufte Annas Vater den Laden für sie. «Ich war ja nicht ganz alleine. Meine Eltern halfen mir manchmal», erzählt sie.

Der Laden wurde neu eröffnet

Im Jahr 1952 heiratete sie ihren Mann. Von da an veränderte sich einiges. «Wir wollten den Laden vergrössern und alles umbauen», erzählt sie. Der Vater finanzierte das Wohnhaus, indem sie bis heute lebt.

Anna Rosenberg, Besitzerin des «Dorflädeli» «Die Arbeit wird mir fehlen, aber ich habe noch meinen Garten und vielleicht schreibe ich mein Buch.»

Anna Rosenberg, Besitzerin des «Dorflädeli» «Die Arbeit wird mir fehlen, aber ich habe noch meinen Garten und vielleicht schreibe ich mein Buch.»

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Nach dem Bau eines kleinen Warenlagers eröffneten sie dort den alten Dorfladen aufs Neue. Die ersten 38 Jahre lieferte Coop die Waren. Später wurden Eppan, Denner, und schliesslich Spar zum Hauptlieferanten. Dieser belieferte sie während rund 15 Jahren.

Aus der Ehe mit ihrem Mann gingen zwei Töchter und ein Sohn hervor. Während die eine Tochter in die Westschweiz gezogen ist und dort geheiratet hat, blieben die anderen zwei Kinder in der Umgebung von Rottenschwil.

Mit dem Nachwuchs wurde auch die Arbeit im Laden anstrengender. Der Mann, der zuvor bei Elro Werke in Bremgarten arbeitete, gab seine Arbeit dort auf, um ihr im Laden Vollzeit mitzuhelfen.

1973 hatten sie alle gemeinsam das Gartenhäuschen eingeweiht, in dem die 90-Jährige nun ihre Geschichte erzählt. «Nur das Dach mussten wir von einer Baufirma machen lassen, ansonsten hat mein Mann alles selber gebaut», erklärt sie stolz. In diesem Häuschen hätten sie schon viele Familienfeste gefeiert.

Schicksalsschläge häuften sich

Das letzte Fest, das alle gemeinsam feierten, fand 1995 statt. Die Rottenschwilerin hat jedes Fest in einem farbenfrohen Album mit Einträgen und Zeichnungen festgehalten.

Der Grund für das abrupte Ende des Zusammenkommens liegt in einer Reihe von Schicksalsschlägen, die die Familie ereilten. Zuerst starb ihr Sohn krankheitshalber. Daraufhin folgten ihr Mann, ihr Bruder und dessen Frau.

All diese Todesfälle ereigneten sich in einem Zeitraum von sechs Jahren. «Danach hatte ich einfach nicht mehr die Kraft, solche Feste wie früher zu organisieren», sagt Anna Rosenberg.

In ihren Augen weilt noch immer der Kummer von jener Zeit. Der Laden diente ihr auch als Ablenkung. Sie konnte sich auf ihre Kunden konzentrieren. «Es war das Schönste, wenn ich mit den Leuten reden konnte. Man kannte mich und wusste, was passiert war», erzählt die 90-Jährige.

Für die Zukunft hat sie diverse Pläne. «Gerne würde ich mit dem Car herumreisen.» Ihr Ausdruck wird wieder nachdenklich und sie fährt sich durch ihre schwarzen Haare. Sie habe sich überlegt, eine Biografie zu schreiben.

Existiert bereits seit 100 Jahren

Ab nächstem Dienstag schliesst das «Maxi Spar Lädeli» seine Pforten endgültig. Der Laden existierte über 100 Jahre und hatte während dieser Zeit lediglich zwei Leiter. Bis nächsten Dienstag findet der Totalausverkauf statt. Alle Artikel sind auf 50 Prozent reduziert. Von Lebensmitteln über Blumenerde bis hin zu Alkohol gab es bei Anna Rosenberg alles zu kaufen.

Wenn der Laden geschlossen ist, gibt es keinen mehr in Rottenschwil. «Auch die Post und die Bäckerei sind verschwunden», erzählt sie. «Die Arbeit wird mir fehlen, aber ich habe noch meinen Garten und vielleicht schreibe ich noch mein Buch», sagt sie. Den Leuten wird sie auf jeden Fall fehlen.