Dokumentarfilm im Kino Muri
Wenn Täter und ihre Opfer zusammentreffen: Der Gefängnisseelsorger weiss, wie wichtig für beide Zuhören und Reden sein kann

Der Schweizer Dokumentarfilm «Je ne te voyais pas» behandelt die restaurative Justiz, in der Täter und Opfer ins Gespräch kommen. Zum Saisonschluss lud das Kino Mansarde Muri dazu den Lenzburger Gefängnisdirektor Marcel Ruf sowie den Freiämter Pfarrer und Gefängnisseelsorger Hansueli Hauenstein zum Gespräch ein.

Andrea Weibel
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Poststellenleiter Paul kommt nichts ahnend in seine Filiale. Durchs Fenster in der Tür sieht er jenes Bild, das ihn sein Leben lang begleiten wird: Zwei Männer halten seiner Frau und seiner Tochter eine Waffe an den Kopf. Paul schliesst den Kriminellen den Tresor auf, er will nur, dass seine Familie wieder in Sicherheit ist. Es sind die schlimmsten Sekunden seines Lebens

22 Jahre später sitzt Paul Robert gegenüber. Robert war einer der beiden Männer, die Pauls Liebsten mit den Pistolen gedroht hatten. Mittlerweile hat es Robert geschafft: Nach seiner Haft konnte der ehemalige Banker, der wegen Geldsorgen kriminell geworden war, ein Programm aufbauen, das jugendlichen Straftätern zurück auf den richtigen Weg hilft.

Zum Thema restaurative Justiz diskutierten Gefängnisseelsorger Hansueli Hauenstein (Mitte) und Gefängnisdirektor Marcel Ruf im Kino Mansarde mit Karin Buess, Mitglied der Kinoleitung.

Zum Thema restaurative Justiz diskutierten Gefängnisseelsorger Hansueli Hauenstein (Mitte) und Gefängnisdirektor Marcel Ruf im Kino Mansarde mit Karin Buess, Mitglied der Kinoleitung.

Foto: Andrea Weibel

Paul und Robert sind nur zwei der Protagonisten, die der Schweizer Regisseur François Kohler in seinem Dokumentarfilm «Je ne te voyais pas» zu Wort kommen lässt. Es geht um restaurative Justiz, um Gespräche zwischen Tätern und Opfern, die beiden helfen können. Das Kino Mansarde in Muri zeigte zum Saisonabschluss am Donnerstag nicht nur den Film, sondern lud dazu auch den Gefängnisseelsorger und reformierten Pfarrer von Muri/Sins, Hansueli Hauenstein, sowie den Lenzburger Gefängnisdirektor Marcel Ruf zur Fragerunde ein.

«Selbstbild und Tat passen oft überhaupt nicht zusammen»

Hauenstein und Ruf sind sich nach dem Film einig: Reden und Zuhören kann sowohl Tätern als auch Opfern helfen. In der JVA Grosshof in Kriens, wo Hauenstein arbeitet, gibt es keine Projekte dazu. Das habe auch damit zu tun, dass dort viele Leute in Untersuchungshaft sitzen und noch gar nicht verurteilt sind. Dennoch hält er die restaurative Justiz für sinnvoll:

«Die Opfer können dadurch eine grosse Last an die Täter abgeben. Aber auch für die Täter kann es wichtig sein.»

Gerade bei Gewaltdelikten merke er oft, «dass die Täter im Affekt gehandelt haben. Sie können sich oft kaum vorstellen, dass sie das gewesen sein sollen».

Er ist überzeugt: «Wenn sie diese zwei Bilder, ihr eigentliches Selbstbild und das Bild von sich als Täter, zusammenbringen können, kann das wichtig für den Heilungsprozess sein.» Er benutzt extra das Wort Heilung, denn wie Moderatorin Karin Buess, Mitglied der Kinoleitung, recherchiert hat, ist sie eines der Ziele der restaurativen Justiz.

Nicht jedes Opfer kann dem Täter vergeben, selbst nach Jahren nicht

Marcel Ruf kennt die restaurative Justiz aus der JVA Lenzburg. Im dortigen achtwöchigen Projekt treffen sich mehrere Opfer und Täter wöchentlich zu Gesprächsgruppen. Ruf betont: «Im Normalfall sind das nicht Täter und Opfer desselben Falls. Die Opfer, die sich bei uns melden, werden so eingeteilt, dass sich die Fälle möglichst ähneln. Dann werden jene Täter, die sich freiwillig gemeldet haben und dazu passen, ausgewählt.» Er erklärt:

«Es bringt ja beiden nichts, wenn zum Beispiel Opfer von Gewaltverbrechen mit Drogenschmugglern über die Taten sprechen.»

Er kennt die Insassen und erzählt verständlich und mit viel Humor, dass nur reuige Täter, die Deutsch sprechen, zur Gruppe zugelassen werden. Auch Selbstdarsteller hätten dort beispielsweise nichts verloren.

Paul und Robert haben beide am Lenzburger Projekt teilgenommen. Paul bewunderte im Film, was Robert aus sich gemacht hat, konnte ihm aber dennoch nie vergeben. Ruf kommentiert im Murianer Kinosaal: «Da sieht man: Wenn der Körper verletzt ist, kann er heilen. Bei der Psyche ist das viel schwieriger.»

Ein Mörder sagte, die Gespräche seien wie ein «Chlapf a Grind»

Ein weiterer Punkt, der im Film deutlich wird: Manche Opfer glauben, sie seien Schuld an der Tat, weil sie sich falsch verhalten hätten. Hauenstein verdeutlicht: «In unserem Justizsystem haben Opfer keine Stimme, sie haben ja alles zu Protokoll gegeben, die Richter brauchen sie nicht mehr anzuhören. In einem solchen Gespräch können einige von ihnen eine grosse Last an den Täter zurückgeben.»

Ruf fügt hinzu: «Manchmal wünschen es sich aber auch die Täter, zu reden. Wir erhalten immer wieder Anfragen von Tätern, die ihren Opfern einen Brief schreiben möchten. Das geht natürlich nur, wenn das Opfer das auch möchte.»

Zu direkten Gesprächen mit Opfern wie bei der restaurativen Justiz würden sich nicht allzu viele Gefängnisinsassen melden. Ruf verstehe das, es sei kein leichter Schritt, «vor den Opfern die Hosen runter zu lassen und zu sagen: Ich habe das getan». Er habe mit einem Mörder gesprochen, der an den Sitzungen teilgenommen habe. «Er sagte, diese Abende seien für ihn wie ein ‹Chlapf a Grind› gewesen. Er sei Therapiesitzungen und viel reden gewohnt. Aber hier sitzen ihm nicht geschulte Therapeuten gegenüber, sondern Opfer, die in ihren Worten und mit ihren Gefühlen von der Tat berichten. Damit hätte der Mann nie gerechnet.»