Sein Dieselmotor stampft wieder wie damals, als er 1938 in Wohlen ausgeliefert wurde: Der Käppeli-Traktor, eine weitere Freiämter Exklusivität im Traktorenbau, zeigt, anders als der komplett restaurierte «Murianer», sein Alter und seine Geschichte.

Er wurde in der Garage Louis Frey in Muri nur technisch, nicht aber optisch auf Vordermann gebracht. Die Rarität wird erstmals öffentlich am Oldtimer-Traktoren-Treffen am Dörflerfest Muri am nächsten Sonntag, 28. August, zu sehen sein.

Der heutige Besitzer, Franz Käppeli aus Zürich, der über das Freiamt hinaus als überaus grosszügiger Gönner bekannt ist, wird das Fahrzeug als Leihgabe dem Museum zwischen Pflug und Korn in Muri überlassen.

Er lief nach 22 Jahren Ruhe

Der «Käppeli» ist rostig. Er hat Beulen und trägt noch die inzwischen verblichene und dreckige Originalfarbe von 1938, wie er in Wohlen als Neufahrzeug aus der Garage rollte. Der neue Traktor wurde zuerst an einen Bauern im Unterfreiamt ausgeliefert, der jedoch nur mit Pferden, nicht aber mit Traktoren umgehen konnte.

Ueli Küng von der Vorbesitzerfamilie freut sich, dass der Käppeli-Traktor nach der technischen Restaurierung wieder läuft.ES

Ueli Küng von der Vorbesitzerfamilie freut sich, dass der Käppeli-Traktor nach der technischen Restaurierung wieder läuft.ES

Danach kam der noch nagelneue Traktor zu Bauer Josef Küng-Zbinden in der Türmelen in Muri. Dort zog er die Dreschmaschine oder die schwere Schnaps-Brönni und wurde für alle möglichen Arbeiten eingesetzt.

Die letzten 22 Jahre schlummerte die auch optisch eindrückliche Maschine in einem Unterstand in der Türmelen, bis Franz Käppeli, Begründer des Labors medica in Zürich, Sponsor zahlreicher Schweizer und vor allem Freiämter Projekte und ebenfalls in der Türmelen aufgewachsen, auf das Fahrzeug seiner Jugend stiess.

Er konnte den Traktor der Familie Küng abkaufen. «Wir zogen ihn aus dem Unterstand», sagt Ueli Küng, selber Freund alter Motoren und Maschinen, «und staubten ihn mit dem Besen ab.» Dann leerte der gelernte Automechaniker und Veteranen-Motorradrennfahrer ein paar Liter Diesel in den Tank und versuchte, den Motor anzuwerfen. Er staunte nicht schlecht: «Nach vier Kurbelumdrehungen hustete der Motor und lief.»

Ueli Küng kennt den Traktor nicht nur seit seiner Kindheit aus den 50er-Jahren und fuhr ihn sogar selber, sondern ist auch mit dessen Geschichte und den technischen Details eng vertraut. Die Fabriknummer 11 suggeriert, dass es sich um den elften «Käppeli» handeln würde.

Die Wahrheit ist, dass es sich um den einzigen Prototyp, also um die Seriennummer 1 handelt. Findigerweise gaukelten die Hersteller mit der Seriennummer 11 den misstrauischen Bauern vor, dass schon zehn andere gebaut waren und zur Zufriedenheit der Kunden liefen. Küngs Grossvater, der zuvor nur einen viel Benzin verbrennenden Autotraktor besass, hatte jedenfalls an seinem neuen, mit Diesel sparsam umgehenden Traktor nichts zu bemängeln.

«Der ‹Käppeli› lief immer, auch im tiefsten Winter. Man konnte mit ‹Zündfix› nachhelfen. Mit dem ‹Käppeli› hat der Grossvater jeweils später den neueren und moderneren Bührer-Traktor angeschleppt, wenn dessen Motor wegen der Kälte nicht ansprang.»

Damit bewahrheitete sich der Werbespruch des Herstellers Käppeli: «Dem Diesel gehört die Zukunft.» Um den «Käppeli» zum Laufen zu bringen, brauchte es allerdings einige Kraft an der Kurbel. «Wenn die Knechte das nicht schafften, liess mein Grossvater den Motor am Morgen an, der dann bis am Abend einfach laufengelassen wurde.

So konnten ihn die Knechte nutzen, wann sie ihn brauchten.» Es wurden bis 1943 etwa 35 «Käppeli» gebaut, weiss Küng. Sie kosteten über 10 000 Franken das Stück, «viel Geld damals».

Ausgerüstet ist der Traktor mit einem deutschen Güldner-Einbaumotor, ein damals gängiger Einbau-Dieselmotor mit 22 Pferdestärken, der in allen möglichen Maschinen und Fahrzeugen zum Einsatz kam.

Auch das Getriebe war aus Deutschland zugekauft, Chassis und Hinterachse haben die Käppelis hingegen selbst konstruiert. Eine Spezialität des «Käppeli» waren unter anderem die Einzelradbremsen und ein seitlich angebrachter Kühler.

Speziell ist ein Schlitz im rechten Kotflügel, der die Sicht auf die Ackerfurche (Spur) erlaubte. Der «Käppeli» Nr. 11 ist vollständig original erhalten und komplett. Kürzlich – glücklicher Zufall – stiess Küng in der alten Scheune auf den verloren geglaubten Messerbalken, an den Dachsparren mit Garbenseilen aufgehängt. Jetzt fehlt nur noch der dafür notwendige Aufzug.

«Aber vielleicht treibe ich den noch irgendwo auf», gibt sich Küng zuversichtlich. Das Originalgetriebe, eines der ZF Zahnradfabrik Friedrichshafen, erzählt mit gänzlich abgeschliffenen Zähnen im zweiten Gang, der am meisten genutzt wurde, eindrücklich von der schweren Arbeit des Traktors.

Patina bleibt

Franz Käppeli erinnert sich, wie er als Bub wegen des «Ungetüms Käppeli» gehänselt wurde. «Der Traktor war laut und grob, ich schämte mich fast, dass er den gleichen Namen trug wie wir.»

Längst hat er Freude an diesem Gefährt, das er zwar im Familienbesitz behalten will, aber dem Museum zwischen Pflug und Korn als Leihgabe übergibt. «Ich habe mich bewusst dafür entschieden, dem Traktor seine Patina, die vielen Schrunden seiner Geschichte, zu lassen.

«Es wäre unwiederbringlich, wenn dem ‹Käppeli› durch Überrestauration sein natürliches Alter genommen würde. Die Bauern haben ihre Maschinen nicht geschont, und davon darf und soll dieser Traktor erzählen», sagt Käppeli.