Abtwil
Dieses Corps ist reif für den ersten Oscar

Grossartiges Jahreskonzert der Musikgesellschaft mit dem Besten, was das «Cinema» für Blech zu bieten hat.

Christian Breitschmid
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Hugo Felber führt die Musikgesellschaft Abtwil seit 31 Jahren mit unablässiger Energie und Freude. Christian Breitschmid

Hugo Felber führt die Musikgesellschaft Abtwil seit 31 Jahren mit unablässiger Energie und Freude. Christian Breitschmid

Christian Breitschmid

Wirklich neu ist die Idee nicht, ein Blasmusikkonzert aus lauter Filmmusik zusammenzustellen. In den vergangenen paar Jahren sind immer mehr Musikvereine auf den (Publikums-)Geschmack gekommen. Es gab einmal eine Zeit, da hätten Blasmusikfans Gift und Galle gespuckt, wenn an einem Jahreskonzert mehr als ein solches Stück gespielt worden wäre – zu modern, zu populär, zu wenig traditionell! Doch die Zeiten haben sich, zur Freude des breiten Publikums, geändert. Die Bravorufe und der tosende Applaus an zwei ausverkauften Abenden in der Mehrzweckhalle Abtwil bestätigten die Programmierung der Musikgesellschaft, die unter dem Titel «Cinema» ihrem Publikum wahrhaft den roten Teppich ausgerollt hatte.

Brass Band zu allem bereit

Mit «Starlight» von Alan Fernie gelang dem Corps unter dem flotten Stab von Hugo Felber ein fulminanter Einstieg. Auch in seinem 31. Jahr als Dirigent der Musikgesellschaft hat der 61-Jährige nichts von seiner Energie und unerbittlichen Präzision verloren. Den ersten Akkord, forte und hoch, den hätte eine weniger trainierte Truppe garantiert verblasen. In Abtwil kam er messerscharf und klar, gefolgt vom Quartsprung nach unten und den rasanten Läufen, hoch aufs klingende C. Strahlend, packend, ein Ohr-und-Herz-Öffner erster Güte. Felber dirigierte das Stück nur wenig langsamer, als es der Komponist vorgesehen hat, dafür aber in einer ausgefeilten Dynamik, die einem während zweieinhalb Minuten die reinste Achterbahnfahrt bescherte. Der Kapellmeister hielt die Zügel jederzeit fest in der Hand, und nach den vier präzis gesetzten Schluss-Achteln war allen im Saal klar, dass hier eine 1.-Klass-Brass Band auf der Bühne stand, die zu allem bereit war. Zum Beispiel auch für sehr feine und zerbrechliche Töne, wie dem Thema von «Dances With Wolves», das Bäni Bühlmann aus samtigem Flügelhorn in die Prärie hinausblies. Ihn trugen ganz sanft die Harmonien der tiefen Register, sodass seine Melodie niemals die Erde berührte. Eine Stimmung, die im «Feather Theme» aus der Filmmusik zu «Forest Gump» dann noch einmal und noch anrührender von Bühlmann erzeugt wurde.

Fit fürs Kantonale in Eschenbach

Alle Blasmusikdirigenten träumen davon, Felber hats erreicht: Wenn er den Stab hebt, dann atmet das ganze Corps ein. Die Abbeler taten das vor «Air Force One» sogar so einhellig, dass man sich vorstellen konnte, wie Uncle Sam Luft holt, bevor er die Feinde Amerikas niedermacht. Ein präzises, omnipräsentes, aber niemals aufdringliches Schlagzeug verlieh dem Stück seinen militärischen Schmiss und sorgte für einen mitreissenden Rhythmus im Wechsel von Wirbeln und Akzenten im romantisierten Marschthema des Stückes. Die unisono Staccati und das gemeinsame Wogen im Crescendo-Decrescendo des Wolgaliedes machten die Musikanten fit für die Herausforderung und den Höhepunkt des Abends: «Fire In The Blood», das Konzertstück, das die MGA am 2. Juni beim Kantonalen Musiktag im Luzerner Eschenbach spielen wird.

Dieses Stück fordert von Corps und Dirigent einiges. Es ist ungeheuer virtuos und ein wahres Feuerwerk an Harmonie- und Rhythmuswechseln. Auch wenn es in musikalischen Details noch zu feilen gilt, ist eines ganz klar: Mit diesem Stück wird die MGA in Eschenbach brillieren. Darauf konnten die Musikanten mit ihren vielen treuen Fans und Helfern nach dem gelungenen Jahreskonzert auch verdient anstossen in der Musig-Bar im Untergeschoss der Mehrzweckhalle. Wenn auch erst am Samstag so richtig, denn Insider wie der langjährige Bühnentechniker Markus Gächter wissen: «Die Musig-Bar ist gefährlich, denn da gibt es keine Zeit. Man geht nach dem Konzert noch kurz da runter, und wenn man wieder raufkommt, graut schon der Morgen.»