Wohlen
Dieser Zeitzeuge überlebte in 500 Jahren viele Stürme

Die St.-Anna-Kapelle in Wohlen wurde am 6. Februar 1515 eingeweiht. Schon 14 Jahre später kam es zu Zerstörungen im Innern des Gotteshauses. Später diente die Kapelle auch als Lagerhaus oder Viehstall.

JÖRG BAUMANN
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Die St.-Anna-Kapelle wurde vor 500 Jahren geweiht. Jörg Baumann

Die St.-Anna-Kapelle wurde vor 500 Jahren geweiht. Jörg Baumann

Ein halbes Jahr, bevor die Eidgenossen 1515 bei Marignano vernichtend geschlagen wurden, erhielt Wohlen hohen Besuch: Am 6. Februar 1515 weihte Weihbischof Balthasar aus Konstanz die 1513 bis 1514 erbaute St.-Anna-Kapelle zu Ehren der Heiligen Anna, Fridolin und Barbara ein. Es handelte sich um einen Neubau. Die Türe und die Fenstergerichte stammten von einer älteren Kapelle aus dem 12. Jahrhundert, die an der Zentralstrasse stand.

Die erste Pfarrkirche in Wohlen stand schon längst, als die St.-Anna-Kapelle eingeweiht wurde. Die Kapelle erlebte gleich nach der Weihe schwere Schicksalsjahre. In der Reformation wurde 1529 im Bildersturm das kirchliche Mobiliar zerstört. Was die Plünderungen unbeschadet überlebte, verscherbelten die Vandalen unter der Hand. Vom kleinen Kirchlein blieb einzig das kleine, 1513 von Heinrich Füssli in Zürich gegossene Glöcklein unbehelligt und befindet sich noch heute im zarten, spitz behelmten Dachreiter. Die Glocke trägt die Inschrift «Ave Maria gratia plena Domenicus tecum», übersetzt: Gegrüsset seist du, Maria, voller Gnade. Der Herr ist mit dir.»

Ein Lagerhaus und Viehstall

Nach dem verhängnisvollen Bildersturm ging es mit der Kapelle zunächst steil bergab. Sie diente als Lagerhaus, zeitweilig gar als Viehstall. Wenn Wohlen nicht bereits 1532 vom reformierten zum katholischen Glauben zurückgekehrt wäre, dann wäre das kleine Gotteshaus wohl endgültig verloren gegangen. Aber dank der Rekatholisierung fassten sich die Wohler Katholiken ein Herz und stellten die Kapelle 1576 wieder instand. Der Murianer Abt Hieronimus hatte dabei seine Hände hilfreich im Spiel, sind doch die Arbeiten an der Kapelle in einer von ihm besiegelten Urkunde bezeugt. Ebenfalls 1576 führte Bernardus Frank, Leutpriester in Wohlen, in der Gemeinde den Annentag als Feiertag ein. Dieser wird bis auf den heutigen Tag am 26. Juli gefeiert. Dann und zu anderen sakralen Feiern ist die Kapelle geöffnet. Die junge Theologin Lara Tedesco, die als Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarrei in Wohlen arbeitet, hatte das Privileg, dass sie die Kapelle, die häufig geschlossen ist, von innen sehen durfte. «Ich nahm an einer kleinen familiären Feier teil», berichtet sie – und ihre Augen leuchten dabei.

Besonders im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Kapelle noch in Ehren gehalten und renoviert. So besserte man sie 1631 aus. Meister Thomas Lochinger aus Villmergen führte den sauberen Bau aus, Meister Durs Schwarz besorgte die Bedachung. 1711 erhielt sie wieder einen neuen Dachstuhl. Die Verbundenheit der Kirchgenossen mit ihrer Kapelle zeigt das Beispiel von Andreas Hümbeli, der für ihre Erhaltung verschiedene namhafte Vergabungen machte. Dem Eigentümer seines Hauses überband man 1753 die Pflicht, Ampeln und Kerzen anzuzünden und die Kapelle zu öffnen und zu schliessen. Reliquien von christlichen Märtyrern blieben bis 1894 in der Kapelle und kamen nachher in die Pfarrkirche.

Neues Leben aus einer Ruine

Aber zu dieser Zeit war die Kapelle bereits wieder arg zerfallen. Es war dem in Wohlen segensreich wirkenden Dekan Josef Nietlispach (1833–1904) zu verdanken, dass die Renovation, obschon sie fast aussichtslos schien, an die Hand genommen wurde. Wohlhabende Strohfabrikanten griffen tief ins Portemonnaie und halfen mit, das Werk zu vollenden. Man konnte sozusagen mit der grossen Kelle anrichten. Die Holzdecke wurde im neugotischen Stil erneuert und mit Malereien versehen. Neben einer Holzplastik der Heiligen Anna erwarb man aus dem Fundus des Goldschmiedes Bossard in Luzern einen kostbaren gotischen Flügelaltar, der um 1510 entstanden ist und ursprünglich in der Wallfahrtskapelle Hergiswald stand. In der Mitte des Altars steht demnach der Luzerner Stadtheilige Leodegar, flankiert von Mauritius und Paulus. In den Aussenseiten der Altartüren begrüssen uns der Erzengel Michael und die Heilige Maria. Bei einer späteren Innen- und Aussenrenovation wurde der Kapelle vor 68 Jahren ein Anbau angeklebt, der zwar mit dem Aargauer Heimatschutz abgesprochen wurde, aber aus heutiger Sicht als Fremdkörper wahrgenommen wird. Im Annexbau befand sich das Verkaufsgeschäft der Konsumgenossenschaft.

Wie der 500. Weihetag der Kapelle heuer in Wohlen gefeiert wird, müsse man sich noch überlegen, teilt Pfarrer Kurt Grüter mit. Wer sich für die St. Anna-Kapelle interessiert und sie besuchen möchte, kann sich beim Sekretariat der katholischen Kirchgemeinde Wohlen, Telefon 056 619 61 61, melden.

Quellen: Leo Wohler-Schmid: Broschüre «Katholische Kirche und Pfarrei St. Leonhard Wohlen» (1958) und Aargauer Kapellenführer (www.aargauerkapellen.ch).

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