Es herbstet im Wald von Walter Schmutz. Das ist normal. Farbige Kronen glänzen in der Abendsonne. Wacholder und Lärchen, Buchen und Oliven. Aber – und das ist nicht normal – einige Bäume sind kaum fussgross. «Einen grünen Daumen hatte ich schon immer», sagt der 56-Jährige.

Vor 10 Jahren sprang der Funke

Seine Leidenschaft für Bonsai habe er aber erst vor gut zehn Jahren entdeckt. Die Pflanzen eines Arbeitskollegen entzündeten bei Schmutz den Funken der Begeisterung. Kurz darauf nahm ihn sein Freund an eine Ausstellung in Wohlen mit und öffnete ihm die Türen zur Bonsaiwelt.

Heute stehen in seinem Garten rund 40 kleine Bäume in Schalen, Töpfen und – man staune – in königsblauen Küchensieben. Der unerwartete Untersatz sei nur für Pflanzen, die gesundheitlich etwas angeschlagen sind, erklärt Schmutz. Die Notmassnahme soll ideale Bedingungen für Bonsai herstellen: nicht zu nass, aber genug Sauerstoff im Boden.

Jedem Baum seine Geschichte

Schmutz kennt die Geschichte aller Bonsais in seinem Garten. «Diesen habe ich auf einem Bergpass beim Wandern ausgegraben», sagt er und pflückt ein goldgelbes Laubblatt aus der Krone des Mini-Nadelbaums.

Einen anderen hat er nach erfolgloser Pilzsammeltour im Korb nach Hause getragen. Oder er hat die Pflanze zwischen Dünger und Spaten aus dem Grossverteiler mitgenommen. Eine ganze Reihe junger Bäume hat er kurz vor dem Spatenstich für den Campus der Fachhochschule in Windisch vor den Baggern gerettet.

«Hinter jedem Bonsai steckt viel Arbeit»

Eines verbindet sie alle: «Hinter jedem Bonsai steckt viel Arbeit», sagt Schmutz, der in einem dicken Bundesordner die Entwicklung seiner Bäume mit Bildern dokumentiert. Durchschnittlich verbringt der Pflanzenliebhaber rund eine Stunde am Tag im Garten.

«Ein Teil der Faszination ist, dass ein Bonsai lebt. Er verändert und entwickelt sich ständig», begründet Schmutz seine Leidenschaft. Er sei fast wie aus Versehen in die Fussstapfen der Bonsaigestalter getreten, erklärt der Niederwiler. Dann habe es ihn richtig gepackt und mittlerweile sei das Arbeiten mit Bonsai fast wie eine Sucht geworden.

Übung macht den Meister

«Einen Bonsai zu gestalten, ist gar nicht so einfach. Das lernt man nicht von heute auf morgen», sagt Schmutz und deutet auf ein Regal, gefüllt mit Zuchtratgebern, beschaulichen Bilderbüchern für Bonsailiebhaber und informativer Fachliteratur zu den speziellen Bäumen.

Mit einem chinesischen Wacholder hat Schmutz den ersten Preis am europäischen New Talent Wettbewerb 2011 gewonnen. Er konnte sich in einem vierstündigen Bonsaigestaltungswettkampf gegen 15 andere Künstler aus ganz Europa behaupten. Zuvor war er auch schon als bester Schweizer ausgezeichnet worden.

«Natürlich, die nervliche Anspannung war gross, weil ich gegen die Zeit arbeiten musste», sagt Schmutz. An manchen Bonsais könne er meh-rere Wochenenden herumbasteln, da seien vier Stunden schon sehr knapp. Und: «Wirklich fertig ist ein Bonsai nie.» Zufrieden kann er trotzdem sein. Der Stamm des Gewinnerbaums schlängelt sich kunstvoll in die Höhe.

Leidenschaft kennt keine Grenzen

Durch sein Hobby ist Walter Schmutz schon weit herumgekommen. Er schwärmt von einer zwölftägigen Rundreise durch Japan, wo der Pflanzenliebhaber ein Auge in grosse Gärten werfen konnte, die sonst der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind.

Doch Schmutz hat nicht nur die guten Erinnerungen zurück nach Niederwil gebracht. «Ein paar Rohlinge sind auch im Koffer mitgehüpft», sagt er und lächelt spitzbübisch. Lebendige Organismen dürfe man ja eigentlich nicht importieren, aber wer das geschmuggelte Kunstwerk in Schmutz’ Garten sieht, kann ihm gar nicht böse sein.