Andere stellen Pflanzenkübel mit bunten Blumen auf, er hat zwei Vorkriegs-Autokarosserien auf seinem Gartensitzplatz in Rottenschwil. Brombeeren und anderes Grünzeug wachsen durch das Fahrerhaus, das alte Blech rostet munter weiter. Pascal Moser hat ein Arrangement geschaffen, das seine Leidenschaft präzise ausdrückt: Autowracks ziehen den 26-Jährigen magisch an. Kürzlich hat er gleich 38 solche in Frankreich gekauft. «Ich rette Fahrzeuge, die niemand mehr will», sagt er. «Sie haben immer noch eine unglaubliche Schönheit.» Für ein schönes Wrack ist er schon einmal in zwei Tagen und einer Nacht an den französischen Atlantik und zurückgefahren.

Der Sachbearbeiter Buchhaltung ist wegen seiner Vorliebe viel in Frankreich unterwegs. «Hier findet man immer wieder mal einen Autofriedhof oder ein in der Natur vor sich hinrostendes Auto». Am schönsten sind für ihn die alten Karosserien, wenn sie überwuchert sind mit Brombeeren, wenn Rost an ihnen nagt und Moos darauf wächst, wenn zwischen Lenkrad und Armaturenbrett vielleicht ein Vogel genistet hat. «Es ist faszinierend, wie sich die Natur alles zurückholt», sagt Moser. Er fotografiert diese Wracks und «wenn der Besitzer sie platt machen will, versuche ich sie zu retten».

Konkret bedeutet das, dem Besitzer das Wrack abzuschwatzen oder es zu kaufen. Moser transportiert es dann in eine eigens im Elsass angemietete, 100 Quadratmeter grosse Scheune. «Die Miete einer solchen in der Schweiz wäre zu teuer.» Dorthin sollen bis Ende Jahr auch die 38 Wracks kommen, die jetzt noch in einer feuchten Grotte lagern, in die sie der Vorbesitzer 1992 in Reih und Glied eingestellt hat. 13 davon wurden bereits zerlegt und abtransportiert. Dabei haben ihm auch Freunde geholfen.

Dankbarkeit

«Ihnen bin ich überhaupt sehr dankbar, ohne sie wäre vieles gar nicht möglich gewesen.» Wirklich teuer ist der Kauf solcher Wracks nicht, aber der Aufwand, sie allenfalls zu zerlegen, zu transportieren und wieder einzulagern, ist erheblich, sowohl zeitlich als auch finanziell. «Da kommen rechte Kilometerleistungen zusammen.» An Motoren hat Moser weniger Interesse, am Restaurieren von alten Autos schon gar nicht. «Für mich müssen sie nicht mehr fahren.»
Bezaubernd schön

Ihm geht es um die Schönheit alter Karosserien. Deshalb hat er nur Augen für solche zwischen den Jahren 1920 bis maximal 1975, mit viel Patina, Rost, Geschichte. «Hier», weist er in Rottenschwil auf eine Kühlerhaube hin, «sieht man noch Einschusslöcher». Überall in der Garage sieht man Zeugen vergangener Mobilität: Raddeckel, marode Lenkräder, kaputte Kühlergrills, verbeulte und vom Rost zernagte Autotüren.

Autofriedhof

Die Poesie, die Magie eines Autofriedhofs in der freien Natur, wo irgendwann einmal ein früherer Garagist seine Wagen einfach abgestellt hat, nimmt ihn komplett gefangen. Hier ist für ihn die automobile Entwicklung sichtbar, sind Geschichten früherer, stolzer Besitzer, deren Fahrzeuge jetzt würdevoll dem Verfall preisgegeben sind, spürbar. «Leider verschwinden solchen Wrackansammlungen auch in Frankreich immer mehr, die Behörden wollen aufräumen.» Wenn in der Folge solcher Aufräumaktionen nicht mehr restaurierbare Fahrzeuge in die Schrottpresse kommen, tut ihm das weh. «Dann verschwinden wichtige Zeitzeugen einfach für immer.»

Ausgelöst wurde seine Leidenschaft übrigens beim erstmaligen Besuch des inzwischen aufgelösten Autofriedhofs Gürbetal im Kanton Bern, da war er gerade mal 16 Jahre alt.

Niemals einen Neuwagen

Mit aktuellen Autos, für ihn reine Gebrauchsgegenstände «mit zu viel Plastik, zu viel Elektronik, zu wenig Emotionen», mag sich Moser denn auch nicht abgeben. «Ich würde nie mit einem Neuwagen herumfahren.» Er steuert zurzeit einen Renault 12 von 1971, mit viel Patina. Klar ist für ihn, der Autos nicht pflegt, nicht selber gross an ihnen schraubt und restauriert, dass der Nachfolgewagen ebenfalls älteren Datums sein muss.

Andere verbringen ihre Ferien am Meeresstrand oder bei Wanderungen in den Bergen, er auf Autofriedhöfen und im Austausch mit Gleichgesinnten. Er wird sich auch in Zukunft auf den Weg machen, nach Frankreich oder auch nach Schweden und rostiges Blech nach Hause bringen. «Ich habe mich auch schon gefragt, wenn ich wieder einmal verschwitzt und dreckig nach einem Tag Zerlegen von Autowracks ins Bett falle, weshalb ich mir das antue», lacht er.

Dabei weiss er es ganz genau. «Es gefällt mir und tut mir irgendwie gut». Und er möchte einmal so etwas wie einen Skulpturenpark mit Autowracks schaffen, vielleicht in der Schweiz, vielleicht in Frankreich. Vorerst hat er seine Liebe in einem käuflichen Fotobuch dokumentiert: «Vergängliche Schönheiten» ist es betitelt und beinhaltet die besten Bilder von den Besuchen auf Schrottplätzen in den letzten 10 Jahren. Seine französisch betitelte Webseite www.epaveart.ch bringt ebenfalls auf den Punkt, wie er die Sache sieht: «epave» heisst Wrack, «art» heisst Kunst.