25. März 1957 in Wohlen: Der Erstklässler Robert Bader (61) will in der Mittagspause so schnell als möglich nach Hause. Er betritt bei der Metzgerei Engel (heute Modehaus Maranta) die Zentralstrasse - da krachts. Ein Auto stösst mit dem Schüler zusammen. Am Steuer sitzt ein Prominenter: der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt (1921-1990).

54 Jahre lang hat Bader geschwiegen. Jetzt spricht er über den Unfall, den Dürrenmatts Biograf Peter Rüedi publik gemacht hat («Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen»).

Kein souveräner Autofahrer

Dürrenmatt war am 25. März unterwegs nach Zürich, wo er mit dem Filmproduzenten Lazar Wechsler über ein Filmdrehbuch diskutieren wollte. Der Dramatiker war kein souveräner Autofahrer. Das berichtet Rüedi in einem Kapitel der Biografie, das er mit «Fritz, der Bruchpilot: Dürrenmatt und das Auto» betitelt.

Der Dramatiker besteht erst im Jahr vor dem Unfall in Wohlen die Fahrprüfung - allerdings erst im zweiten Anlauf - und bleibt vor anderen Unfällen nicht verschont.

Keine Schuld am Unfall

Vier Tage nach dem Zusammenstoss mit Bader taucht die Polizei in Neuenburg am Wohnort Dürrenmatts auf. Dürrenmatt trägt in die Agenda ein: «Polizei im Haus. Sie nehmen mich ein.» In Wohlen macht die Nachricht vom Unfall bei der Metzgerei Engel schnell die Runde. Er wird zum Dorfgespräch. Die Aargauer Staatsanwaltschaft befindet, dass ein Verschulden des Motorfahrzeugführers Fr. Dürrenmatt an der Kollision mit dem Knaben Bader «nicht nachzuweisen» sei.

Das sei nachvollziehbar, sagt Bader 54 Jahre später. «Offenbar bin ich Dürrenmatt direkt vor das Auto gelaufen», erklärt er. «Ich erinnere mich nur an den Chlapf. Von da an weiss ich nichts mehr.»

Erheblich verletzt

Von seiner Mutter erfährt Bader, was passiert ist: Das Auto habe ihn über die Kühlerhaube gehoben und dann kopfvoran an den Treppe beim Eingang der Metzgerei Engel geworfen. Der Dorfarzt Hans Ehrsam habe ihm Erste Hilfe geleistet. Dann sei er mit der Spitalambulanz ins Kreisspital Muri verbracht worden.

Im Spital stellt sich heraus, dass der Schulbub erheblich verletzt ist: Er hat eine schwere Gehirnerschütterung und einen Leberriss. «Ich hätte wegen des Risses in der Leber innerlich verbluten können», erfährt Bader später. Drei Wochen muss dieser in Spitalpflege verbleiben. Dann wird er nach Hause entlassen. Aber ganz geheilt ist er nicht. Sein Hausarzt Hans Ehrsam muss ihm regelmässig Spritzen geben. Bader verpasst wegen des Unfalls die erste Klasse und steigt erst im folgenden Schuljahr wieder in die Primarschule ein.

Um den Patienten gekümmert

Weitere Folgen hat der Unfall für Bader nicht. «Ich sei nachher vergesslich gewesen. Daran könnte die Gehirnerschütterung schuld gewesen sein», mutmasst Bader. Von seiner Mutter weiss er, dass sich Dürrenmatt nach dem Unfall um ihn gekümmert und sich dafür entschuldigt habe. Ob ihn Dürrenmatt auch im Spital besucht habe, ist nicht erstellt. «Es ist möglich, aber ich weiss es nicht», bemerkt Bader. Von Dürrenmatt hat Bader nie ein Buch gelesen. «Aber ich habe am Fernsehen einmal ein Bild von ihm gesehen», erzählt er. In Erinnerung bleibt ihm nur «der Chlapf» und das, was er später darüber erfuhr.

Quelle: Peter Rüedi: Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen (Biografie, Diogenes Verlag, 2011).