Villmergen
Dieser Aargauer Bauer zieht wegen der Zuckerrüben von Hof zu Hof

Der Rupperswiler Bauer Erich Hediger erntet mit seinem roten Koloss, einem Zuckerrübenvollernter, nicht nur seine Zuckerrüben, sondern auch jene der Landwirte in der Region von Boswil bis Suhr.

Daniel Fuchs
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Herbstzeit ist Erntezeit: Der Besuch auf einem Zuckerrübenfeld bei Villigen
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ein Zuckerrübenvollernter...
... des Bauern Erich Hediger aus Rupperswil.
Die Rübe, aus der der Süssstoff Zucker gewonnen wird.
Von Bad Ragaz bis Genf: Auf vielen Felder türmen sich die Zuckerrübenberge.
Der Blick aus der Fahrerkabine: Als erstes schneidet der «Schlegler» das Rübenkraut.
Längst hat Hightech die Landwirtschaft erobert. Schmutzig wird vor allem die Maschine.
Die Ernte aus einem Guss: Von Zeit zu Zeit muss der Vollernter seine Fracht abladen.
Von hier geht es in ein paar Tagen weiter zur Bahn und von dort zur Zuckerfabrik nach Frauenfeld.

Herbstzeit ist Erntezeit: Der Besuch auf einem Zuckerrübenfeld bei Villigen

Annika Bütschi

Im Hundegang kriecht der rote Koloss über ein Feld bei Villmergen im Aargau. Die versetzten Achsen schonen den Boden, wenn der Rupperswiler Landwirt Erich Hediger seinen 27 Tonnen schweren Zuckerrübenvollernter über das Zuckerrübenfeld steuert. Die Böden sind nass. So nass, dass den Äckern ein gewaltiger Schaden droht, wenn der Fahrer nicht aufpasst.

Doch Hediger hat Erfahrung und weiss genau, dass er nicht mit zu schwerer Last über die durchtränkten Böden fahren darf. Und weil die wenigsten der Bauern in der Region über eine Maschine verfügen, engagieren sie ihn.

100 Jahre Zucker aus Aarberg

Wie jeden Herbst wälzen sich auch heuer Traktors mit ihren Anhängern durchs Berner Seeland. Autofahrer müssen sich gedulden, wenn die Bauern ihre Zuckerrüben nach Aarberg karren. Bis vor wenigen Jahren transportierte noch die Bahn die meisten heimischen Rüben direkt aufs Fabrikgelände, wo seit hundert Jahren Zucker produziert wird. Zwar gab es bereits vor 1912 erste Produktionsanläufe. Diese scheiterten allerdings. Eine erste Fabrik in Aarberg fiel einem Brand zum Opfer. Seit dem Wiederaufbau vor hundert Jahren brummt aber das Geschäft. Interessierte können sich ein Bild davon machen und die Zuckerfabrik besichtigen: heute und morgen an der 100-Jahr-Feier in Aarberg. (dfu)
Infos: www.zucker.ch

Von Rübenmäusen und Bahnratten

Nach der zweiten Bahn, die Hediger erntet, steuert er das rote Ungetüm an den Feldrand, wo sich bereits ein grosser Rübenberg türmt. Dann lädt Hediger die Fracht ab. Neun Tonnen seien es pro Ladung, erklärt der Familienvater. In den kommenden Tagen wird eine andere schwere Maschine auf dem Feld bei Villimergen auffahren: Die «Rübenmaus» lädt dann die Fracht auf Wagen, worauf diese zur nächsten Umladestation der Eisenbahn gebracht werden.

Dort wird die «Bahnratte» die Güterwaggons beladen, welche die Rüben nach Frauenfeld transportieren; eine der beiden Zuckerfabriken in der Schweiz, in der täglich bis zu 10 000 Tonnen Rüben zu Kristallzucker, Melasse und Schnitzel für Futter verarbeitet werden.

Für eine Pause hat Bauer Hediger keine Zeit. Lieber will er in der Doppelkabine des Vollernters über das Bauernleben mit und von der Zuckerrübe sprechen. «Sechs Reihen Rüben kann ich mit diesem Vollernter aufs Mal ernten», erklärt er stolz, als er die Maschine durchs Kraut der Zuckerrüben steuert.

Eine teure Maschine

Auch selber pflanzt Hediger Zuckerrüben an. Von seinen insgesamt 35 Hektaren hat er dieses Jahr 570 Aren damit bewirtschaftet. Daneben kultiviert Hediger Weizen, Gerste und Raps. «Der Anbau der Zuckerrüben lohnt sich aber am meisten, auch wenn ich dabei nicht zum Millionär werde», sagt er lachend. Da kommt die Lohnarbeit gerade recht: Mit den Aufträgen lässt sich nicht nur gutes Geld verdienen, sondern auch die teure Maschine rascher abschreiben. Ein Zuckerrübenvollernter kostet um die 750 000 Franken, immerhin fast das Doppelte eines Mähdreschers.

Pro Hektare angebauter Zuckerrüben locken 1900 Franken Direktzahlungen vom Bund. Die Zuckerfabriken Aarberg und Frauenfeld (siehe Box) kaufen den Bauern ein vorher festgelegtes Kontingent ab. Der Preis richtet sich nach dem Zuckeranteil in den Rüben. «Ein Anteil von 17 Prozent ist dieses Jahr vergleichsweise hoch», erklärt Hediger. Das letzte Jahr sei überdurchschnittlich gut gewesen. Damals hätten einzelne Bauern Rüben mit Zuckeranteilen von 20 Prozent geerntet.

Der nächste Regen kommt schon bald. Bis dahin gräbt sich Hedigers «Rübenhund» weiter durch die Zuckerrübenäcker im Mittelland - auf der Suche nach dem Rohstoff, aus dem Schweizer Zucker entsteht.