Eigentlich hätte der Posthalter von Merenschwand den Brief an Ignaz Wüst am 30. August 1862 gar nicht befördern dürfen. Er hatte der «Sitzenden Helvetia» die linke untere Ecke abgeschnitten, theoretisch wäre sie damit wertlos gewesen. 155 Jahre später wird der Brief nun für voraussichtlich etwa 500 bis 600 Franken versteigert.

Aber warum beschädigte der sonst wohl zuverlässige Posthalter von Merenschwand die Briefmarke? Christian Holling, PR-Leiter des Auktionshauses Rölli-Schär AG, erklärt das so: Der Posthalter schnitt die Marke aus einem Bogen. Dabei muss er mit der Schere in die Marke gefahren sein. Usanzgemäss hätte der Brief mit der beschädigten Marke gar nicht befördert werden dürfen. Doch er wurde, nachdem auch das Postamt Sins zugestimmt hatte, in Merenschwand abgeschickt und kam in Muri an.

«Es handelt sich um eine sogenannte Strubel-Frankatur. Die Bezeichnung betrifft die Sitzende Helvetia mit der ‹verstrubelten› Frisur», erklärt Holling. Diese Frankatur sei selten. Der Brief an Ignaz Wüst dürfte für 500 bis 600 Franken über den Tisch gehen. Der Startpreis beträgt 300 Franken. Die Post nahm Strubel-Frankaturen am 30. Juli 1863 aus dem Verkehr. Trotzdem tauchten auch später solche beschädigten Marken auf. Letztlich ist für den Sammler jede Strubelmarke etwas Besonderes. Es sei der Reiz des Sammelns, Besonderheiten zu entdecken, heisst es in der Fachliteratur. Das Spezielle könne in Farbe, Schnitt, Entwertung oder Verwendung liegen.

Erlös geht an Zolli Basel

Die auf dem blauen Faltbrief an Ignaz Wüst aufgeklebte Fünf-Rappen-Briefmarke aus der Serie von 1854 bis 1863 gehört nach den «Zürich 4 und 6» von 1843 und dem «Basler Tübli» von 1845 zu den älteren Briefmarken der Schweiz. Die Marke gehörte dem international bekannten und 1994 verstorbenen Philatelisten Hans Hunziker aus Basel, der sich intensiv mit der Briefmarken-Forschung auseinandergesetzt hat. Er hat auch ein Buch über die Strubel-Frankaturen verfasst. Hunziker hatte keine Kinder. Er vermachte seinen wertvollen Nachlass dem Zolli in Basel. Einen Teil der Sammlung versteigerte das Auktionshaus Rölli-Schär AG bereits früher. Der Restbestand folgt nun an der 60. Internationalen Rölli-Auktion am 14. und 15. September. Hunziker verfügte in seinem Testament, dass der Erlös aus seiner Sammlung dem Projekt für ein Vogelhaus im Zolli Basel zukommen soll.