Waltenschwil
Diese Frau fastet jedes Jahr: «Es ist eine Grenzerfahrung»

Die Waltenschwilerin Tina Wiederkehr fastet jedes Jahr. Eine Woche verzichtet sie jeweils gänzlich auf feste Nahrung. Das braucht Durchhaltewillen und Disziplin. Am allerschwersten fällt ihr der Verzicht auf ein bestimmtes Nahrungsmittel.

Cornelia Schlatter
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Tina Wiederkehr aus Waltenschwil schiebt Schoggi und Wein für 40 Tage weit von sich.

Tina Wiederkehr aus Waltenschwil schiebt Schoggi und Wein für 40 Tage weit von sich.

Cornelia Schlatter

Es ist der Käse. Tina Wiederkehrs liebstes Nahrungsmittel, darauf fällt ihr der Verzicht am allerschwersten. «Käse ist das Letzte, was ich vor einer Vollfastenwoche esse, und das Erste danach. Dafür habe ich einfach eine Schwäche», sagt sie 36-Jährige und lacht.

Schon lange war sie inspiriert von ihrer Mutter, die seit über 15 Jahren jährlich eine Fastenzeit einlegt. So fällte auch die Tochter vor einigen Jahren den Entscheid, es selber zu versuchen. «Es ist eine Art Grenzerfahrung für mich, und ich wollte herausfinden, ob ich genug Durchhaltewillen und Disziplin habe, es auch durchzuziehen.»

«Wegwerfen ist schlimm»

Und die hatte sie. Mit den Jahren hat sie sich sogar immer besser aufs Fasten einstellen können. Am Morgen gibt es verdünnte Fruchtsäfte, am Mittag eine Gemüsebrühe und sonst Tee und Wasser. Man könnte meinen, dass ohne feste Nahrung die Nerven mit der Zeit blank liegen. Nicht so bei Wiederkehr, sie fühlt sich während der Fastenzeit sehr ausgeglichen und ruhig.

Sobald ihr Magen und Darm komplett entleert sind, habe sie auch kein Hungergefühl mehr. Sie hilft da jeweils mit etwas abführendem Glaubersalz nach. Das Kochen für die Familie und das Zuschauen während des Essens fällt der Mutter von drei Kindern erstaunlicherweise ebenfalls nicht schwer. Hingegen das Wegwerfen von Resten, das sei ganz schlimm für sie. «Normalerweise esse ich alle Reste auf. Für mich ist es die reinste Horrorvorstellung Nahrung wegwerfen zu müssen.»

Die ersten beiden Male, als sie fastete, kaute sie sehr viel Kaugummi, um den Mund irgendwie zu beschäftigen. «Es ist unglaublich, wie einem das Beissen und das Kaugefühl mit der Zeit fehlen», berichtet Wiederkehr. Aber auch das Kaugummikauen hat sie sich in der Zwischenzeit abgewöhnt, sie kommt auch so gut zurecht. Sogar als ziemlich stressfrei bezeichnet sich die Waltenschwilerin während dieser Zeit. Das könnte auch daran liegen, dass das Essen nicht das Einzige ist, worauf sie während ihrer Fastenzeit verzichtet.

Keine Medien von 8 bis 18 Uhr

Tina Wiederkehr versucht, von morgens 8 Uhr bis abends 18 Uhr ihr Mobiltelefon nicht zu benutzen. Ihre Familie und die nächsten Freunde sind informiert, so klappen diese medienreduzierten Phasen ganz gut. «Wenn mich jemand erreichen möchte, kann er mich auf dem Festnetz anrufen oder vorbeikommen.»

Während einer Woche wird jeweils voll gefastet und insgesamt während 40 Tagen auf Medien, Fleisch, Süsses und Alkohol verzichtet. Die 40 Tage hält sie auch aus religiösen Gründen ein. Sie möchte sich in der heutigen Zeit des Überflusses auf das Wesentliche besinnen und auf alles andere verzichten, was der Mensch nicht unbedingt zum Leben braucht.

«Die erste Nahrungsaufnahme nach dem Fasten ist ein ganz spezielles Erlebnis, der intensive Geschmack einfach eine Wucht. Leider geht das sehr schnell vorüber, dann esse ich wieder wie immer, ohne dieses Bewusstsein.»

Wiederkehr hat sich in den vergangenen Jahren jeweils einer Fastengruppe aus Bremgarten angeschlossen. Dieses Jahr trainiert sie jedoch für ihren ersten Marathon im Frühling. Das harte Training lässt sich schwer mit dem Vollfasten kombinieren. Ganz darauf verzichten will sie aber auch nicht, also wird sie 40 Tage lang teilfasten und auf Fleisch, Süsses, Medien und Alkohol verzichten. Wenigstens fällt ihr heissgeliebter Käse unter keine der genannten Kategorien, ihn kann sie uneingeschränkt geniessen.

Fastengruppe: «Abnehmender Mond hilft beim Fasten»

Warum wird gefastet? Die Gründe dafür sind vielfältig, die religiöse Orientierung spielt oft eine untergeordnete Rolle. Silvia Gygli, Leiterin einer ökumenischen Fastengruppe in Wohlen, erklärt: «Einige Teilnehmer fasten aus gesundheitlichen Gründen, sie haben Gelenkschmerzen, reinigen durch das Fasten ihren übersäuerten Körper und können so die Symptome lindern.»

Für Gygli gehört das Fasten seit 30 Jahren zum Jahresablauf. «Für mich ist es eine Körperreinigung, der Übergang vom Winter in den Frühling. Fasten gibt mir unglaublich viel Energie. Es ist eine Art Frühjahrsputz für Körper und Seele.» Es brauche sehr viel Disziplin, erst mit der Nahrungsaufnahme herunterzufahren, dann ganz zu verzichten und nachher wieder einen schonenden Kostaufbau zu machen, erklärt Silvia Gygli.

Sie kennt Tricks, die jede dieser drei Phasen angenehmer macht. Der dritte Tag der Vollfastenwoche sei meist der härteste, ein Krisentag. Deshalb sei es wichtig, dass dieser Tag, insbesondere für berufstätige Leute, auf ein Wochenende falle. «Manchmal treten Kopfschmerzen auf, eine Entzugserscheinung beispielsweise von Kaffee.» Um ein solches Tief erfolgreich zu bewältigen, sei genügend Bewegung an der frischen Luft hilfreich.

Auf Wunsch vieler Teilnehmer findet die Fastenwoche seit einigen Jahren stets während der abnehmenden Mondphase statt, das soll helfen, den Wasserhaushalt zu regulieren und zu entschlacken. Beim anschliessenden Kostaufbau sollte auf tierische Eiweisse verzichtet werden. Vor allem vegetarische Kost sei dann sehr bekömmlich.

Das Thema Gyglis diesjähriger Fastenzeit ist «Leere und Fülle». Überkonsum und Nahrungsüberfluss werden thematisiert. Nach einer Woche Nahrungsaufbau, nach dem Fastenbrechen, trifft sich die Gruppe nochmals zu einer «Teilete» und beschliesst die Fastenzeit. (CSL)