«Vor zwei Jahren kam der Arbeitskreis Dorfgeschichte mit der Idee zu einem Kunstführer auf uns zu», berichtete Christoph Frei, Präsident der Kirchenpflege Hägglingen. «Wir waren sofort begeistert.» Doch warum sollte ausgerechnet die kleine Dorfkirche St. Michael in Hägglingen einen eigenen Kunstführer erhalten? Die Antwort liegt in der Sakristei verborgen, dem Teil der Kirche, der für die Öffentlichkeit kaum zugänglich ist.

Denn dieser Teil enthält Schätze von besonderem Wert: Hier sind Wandmalereien aus dem 15. Jahrhundert, also aus dem Mittelalter, zu finden. Sie gehören zu den wichtigsten spätgotischen Wandmalereien des Kantons und wurden nun auch endlich in gebührender Form gewürdigt, wie die Initianten des Kunstführers finden.

Zwillingsgeburt der Autorin

Am Sonntag luden der Arbeitskreis Dorfgeschichte Hägglingen, die Kirchenpflege sowie die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte zur Vernissage des Buches ein. Autorin ist Kunsthistorikerin Franziska Schmid-Schärer. Paul Borner, Präsident Arbeitskreis Dorfgeschichte, dankte allen, die dabei halfen, die Idee real werden zu lassen.

Der leitende Redaktor der Schweizerischen Kunstführer, Markus Andrea Schneider, erläuterte in seiner Ansprache, wie wichtig es sei, die Kultur des Landes zu vermitteln: «Man bekommt viel zu wenig mit, was für interessante Architektur uns umgibt.»

Für die Autorin des Buches, Franziska Schmid-Schärer, war der Auftrag etwas Besonderes, denn sie erhielt ihn, als sie im ersten Monat schwanger war. Mit einem Augenzwinkern sagte sie: «Somit erlebte ich quasi eine Zwillingsgeburt.»

Ihre Erwartungen seien bei ihrem ersten Besuch der Kirche weit übertroffen worden, besonders die spätgotischen und renaissancezeitlichen Malereien im alten Chor beeindrucken sie noch immer sehr.

1951 wurde der Schatz entdeckt

Das Interesse an den Wandmalereien in der Sakristei war bei den Besuchern gross. Die Autorin erklärte anhand des Grundrisses die verschiedenen Bauabschnitte der Kirche. So war bei archäologischen Grabungen 1951 ein rechteckiges Fundament entdeckt worden, das vermutlich aus dem 11. Jahrhundert stammt und zur Vorgängerkirche gehörte.

Insgesamt hat die Kirche baulich viel erlebt: Der Grossteil des heutigen Baus entstand 1739, im 19. Jahrhundert erfolgte eine Verlängerung des Kirchenschiffs, wobei die Mitteldorfstrasse überwölbt wurde.

Die Wandmalereien sind erst bei der Renovation der Sakristei 1951 wieder ans Licht gekommen. Im unteren Bildsteifen ist die Passion Christi mit einer Abendmahl- sowie einer Ölbergszene erhalten, im oberen sind an allen vier Wänden Apostel mit ihren Attributen zu sehen, sie entstanden um 1480/90. Bei den Darstellungen aus der Renaissance handelt es sich um den Kirchenpatron sowie eine Strahlenkranzmadonna, umgeben von den Stifterfamilien.

Die spätgotischen Wandmalereien gehören zu den bedeutendsten im Aargau. Um 1570 wurden sie teilweise zerstört, als ein Chorgewölbe eingebaut wurde. Bei der Restaurierung, erklärte Autorin Franziska Schmid-Schärer, habe man darauf geachtet, vorsichtig vorzugehen und nichts zu den alten Malereien hinzuzuerfinden. Für den Erhalt sei eine konstante Temperatur sehr wichtig. Die Malereien stehen unter eidgenössischem Denkmalschutz.