Der ist doch verrückt». So und ähnlich kommentierten die Leute das Projekt, das Emil Geissmann vor 80 Jahren in die Tat umsetzte. Der gelernte Automechaniker aus Hägglingen und seine Gattin Anna, die in der Post in Würenlingen aufgewachsen war, hatten an der Bullenberg-Kreuzung in Villmergen, exakt an der Gemeindegrenze zu Wohlen, knapp 20 Aren Land gekauft und dort eine Autogarage mit Wohnhaus bauen lassen.

Die Geschichte belegt, dass der junge Unternehmer keineswegs so weltfremd war, wie damals viele dachten. Im Gegenteil: Er hatte vorausgesehen, welche Entwicklung dem zu jener Zeit noch wenig verbreiteten Automobil bevorstand und seine Garage mit Tankstelle an einer strategisch optimalen Stelle gebaut. Über den Knoten Bullenberg führte bis zur Eröffnung der Autobahn Ende der 60er-Jahre praktisch der gesamte Verkehr auf der Achse Zürich–Bern und bis heute ist die Bünztalstrasse eine wichtige und viel befahrene Nord-Süd-Achse.

Der wirklich durchschlagende Erfolg liess allerdings vorerst auf sich warten. Daran war jedoch nicht die Lage schuld, sondern der Zweite Weltkrieg. «Unser Vater hat sich und seine Familie irgendwie durchgebracht», sagen seine beiden Söhne Theo (Jahrgang 1937) und Hanspeter (1939). Sie sind beide praktisch von Anfang an dabei gewesen. Die Firmengeschichte der ersten Jahre kennen sie aus den Schilderungen ihrer Eltern.

Das Bild unten zeigt die beiden Brüder Theo (links) und Hanspeter (rechts) mit ihrer Schwester Elsbeth als kleine Kinder vor einem Ford.

Das Bild unten zeigt die beiden Brüder Theo (links) und Hanspeter (rechts) mit ihrer Schwester Elsbeth als kleine Kinder vor einem Ford.

Emil Geissmann war ein geschickter Mechaniker, der neben Autos auch Traktoren, Lieferwagen und Lastwagen reparierte. «Autos gab es damals noch wenige. In Villmergen hatte der Viehdoktor eines und der Arzt Dr. Baur», wissen Theo und Hanspeter Geissmann. Das wirtschaftliche Überleben gesichert habe sich ihr Vater in den Kriegszeiten mit seinem mechanischen Talent: «Er hat Autos und andere Motorfahrzeuge auf Holzvergaser und Karbidbetrieb umgebaut, weil es damals kaum Benzin gab». Einer der damaligen Holzvergaser stehe noch jetzt im Keller, sagt Hanspeter Geissmann.

Nach dem Krieg übernahm Emil Geissmann die offizielle Vertretung der Automarke Ford. Später verkaufte er auch Vauxhall. Jetzt ging es aufwärts: «In den Nachkriegsjahren begann der wirtschaftliche Erfolg. Unser Vater hat damals sieben bis acht Autos pro Jahr verkauft. Das war für die damalige Zeit sehr viel», berichten seine Söhne. Und auch in der Werkstatt sei viel los gewesen: «Autos mussten damals noch alle 2500 Kilometer in die Garage zum Ölwechsel und Schmieren. Es gab immer genug zu tun.»

Auch für die beiden Buben, die schon bald tüchtig Hand anlegten: «Über die Mittagszeit war immer jemand zum Tankdienst eingeteilt. Wir haben ja direkt über der Garage gewohnt», erzählen die Söhne. Wenn dann jemand geläutet habe, wurde das Mittagessen vom Diensthabenden unterbrochen. Nicht immer gerne: «Es gab ein paar spezielle Kunden», blicken Theo und Hanspeter zurück, «die sind regelmässig über die Mittagszeit vorgefahren und haben dann für einen Fünfliber getankt. Da haben wir dann oft zueinander gesagt: ‹Wenn er schon über den Mittag kommt, dann könnte er wenigstens für ein Zehnernötli Benzin kaufen.›»

Als Buben haben die beiden Geissmann-Brüder am Bullenberg einiges erlebt: «Einmal hat ein bekannter Villmerger auf der Kreuzung seine Haushälterin verloren. Sie ist vom Rücksitz auf die Strasse gefallen, hat sich dabei aber nicht verletzt. Auf dem Bänkli neben der Tankstelle hat sie dann gewartet, bis sie von ihrem Arbeitgeber wieder abgeholt wurde.» Einmal sei ein Cynar-Lastwagen auf der Kreuzung umgestürzt: «Da konnten wir uns dann mit den Cynar-Fläschli und -Gläsern frei bedienen, die auf der Strasse lagen.»

Es gab in ihrer Jugendzeit auch Erlebnisse, über die sie im Rückblick weniger schmunzeln können: «Auf der Bullenbergkreuzung gab es oft schwere Unfälle, gelegentlich auch mit tödlichem Ausgang. Unsere Leute aus der Garage haben dort oft erste Hilfe geleistet und schwer verletzte Personen aus den Autos gerettet», erzählen Theo und Hanspeter Geissmann.

Für die Brüder war bald klar, dass sie ins elterliche Geschäft einsteigen würden. Beide haben Maschinenmechaniker gelernt, eine Zusatzausbildung zum Automechaniker gemacht und auch die Meisterprüfung abgeschlossen. «Eine gute mechanische Grundausbildung war früher sehr wichtig. Ein guter Automechaniker musste drehen, schweissen und feilen können», erklären sie.
In den 60er-Jahren – aus der kleinen Garage war nach zwei Erweiterungsbauten in den Jahren 1951 und 1963 bereits ein stattlicher Betrieb geworden – übernahmen Theo und Hanspeter Geissmann nach und nach die Leitung. Sie verstanden sich gut und bis heute sind sie am Unternehmen zu gleichen Teilen beteiligt.

«Im Betrieb haben wir uns die Arbeit bald aufgeteilt. Ich war für den Verkauf und das Büro zuständig, Hanspeter für die Werkstatt. Das hat immer sehr gut funktioniert», sagt Theo Geissmann. Sein Bruder doppelt lachend nach: «Ja, es hat immer funktioniert, aber wir haben schon dann und wann etwas heftiger miteinander diskutiert, wenn wir nicht gleicher Meinung waren.»

Die zwei Brüder erlebten die goldenen Zeiten des Automobil-Booms. Sie verkauften mit der Marke Ford ein gutes, innovatives Produkt, und ihr Betrieb hatte von Anfang den Ruf, auch beim Service top zu sein. «Es gab Zeiten», blicken sie zurück, «da war die Nachfrage fast grösser als das Angebot. Wir mussten für unsere Autos kaum gross Werbung machen. Die Mund-zu-Mund-Propaganda wirkte bestens», erzählen die Brüder und verhehlen nicht, dass ihnen ihre kommunikative Art dabei zugute kam: «Der Verkauf von Autos war schon damals vor allem auch eine Sache des Vertrauens und der Beziehungen. Wir haben viele Autos verkauft, weil man uns kannte und von der Qualität unserer Garage überzeugt war. Die angebotene Automarke hat dabei oft gar nicht die entscheidende Rolle gespielt.»

Immer haben die beiden Garagisten dabei versucht, ihren Kunden wo immer möglich auch etwas zurückzugeben: «Wir haben beim Einkauf, bei Restaurantbesuchen oder Bauvorhaben stets unsere Kunden berücksichtigt. Das ist ein Prinzip, an das wir uns bis heute halten. Das gehört sich einfach so», sagen Theo und Hanspeter Geissmann.

Die Garage ist gewachsen, der Personalbestand auch und schon viele Lehrlinge durften in der Emil Geissmann AG eine seriöse Ausbildung geniessen: «An unserem 60-Jahr-Jubiläum waren 82 ehemalige Lehrlinge da», berichten die beiden Seniorchefs stolz.

Denn das sind sie jetzt: Seniorchefs. Man trifft sie zwar noch täglich im Betrieb und sie werden auch nach wie vor in die wichtigen Entscheidungen einbezogen. «Wir gehen ein bisschen schnuppern und schauen, wie es läuft. Die täglichen Rundgänge im Betrieb gehören zu unserem Alltag. Das Unternehmen war unser Leben und es bleibt unser Leben», erklärten Theo und Hanspeter Geissmann unisono.

Die operative Geschäftsführung liegt heute in den Händen der dritten Generation. Markus, Sohn von Hanspeter Geissmann, führt die Ford-Garage E. Geissmann AG am ursprünglichen Standort am Bullenberg. Thomas, der Sohn von Theo Geissmann, die Allmend Garage AG im Rigacker, welche die Marken BMW und Mini vertritt. Die Allmend-Garage ist 1979 als zweites Unternehmen gegründet worden. Beide Firmen befinden sich nach wie vor zu 100 Prozent in Familienbesitz. Zusammen werden in den beiden Garagen heute rund 50 Personen beschäftigt.

Das Geschäft läuft gut, obwohl das Automobilgewerbe deutlich härter geworden ist. Theo und Hanspeter Geissmann sind froh, dass sie nicht mehr an der Front stehen: «Unsere Söhne machen das gut und wir hoffen, dass sie weiterhin Erfolg haben. Wir hatten Erfolg und sind stolz auf das, was wir erreicht haben. Von nichts ist es allerdings nicht gekommen. Wir haben beide viel gearbeitet und waren zum Beispiel die ganzen Jahre über nie gemeinsam in den Ferien. Einer hat immer auf den Betrieb geschaut», halten sie fest.

Würden sie noch einmal Garagisten werden wollen? Auch da sind sich die beiden Brüder Theo und Hanspeter Geissmann einig: «Es hat für uns all die Jahre über gestimmt. Unter den damaligen Voraussetzungen würden wir sicher noch einmal dasselbe machen. Unsere beiden Söhne haben es heute allerdings etwas schwieriger, als wir es damals gehabt haben.»