Es war die Geschichte des ehemaligen Bahnhofvorstands Ernst Meier aus Rudolfstetten. Yvonne Steiner schrieb ein Porträt über ihn – und als die ursprüngliche Zürcherin hörte, wie das damals war, als er hier im Freiamt aufwuchs, liess sie das Thema nicht mehr los. «Ich fand, solche Geschichten müssen aufgeschrieben werden, solange noch Leute da sind, die sie erzählen können», erinnert sich die ausgebildete Tastaturschreiblehrerin und freie Journalistin.

Und das tat sie. «Ich fragte beim damaligen AZ-Freiamt-Chef Eddy Schambron an, was er von einer Zeitungsserie halten würde, bei der ich jeden Monat eine andere alte Person porträtieren und zu ihrer Jugend befragen würde. Er war sofort einverstanden und liess mir freie Hand.»

Dass die Geschichten sie ganze sechs Jahre begleiten würden, hätte Steiner damals nicht gedacht. Doch ihre Geschichten wurden gelesen, viele Leute haben die Artikel sogar aufbewahrt, sie waren ein grosser Erfolg.

Vom Grossrat bis zur Wirtin

So zum Beispiel jene Geschichte über den Hilfiker Bauer und Coiffeur, der jeweils am Wochenende in seiner Stube den Leuten die Haare schnitt. «Wenn ein Mann krank war, ging er bei ihm vorbei und rasierte ihn», erinnert sich Steiner mit einem Lächeln.

Oder die leider mittlerweile verstorbene Krankenschwester, die zwei Säle voller kranker oder verletzter Männer zu betreuen hatte und sagte: «Ich selber musste zum Glück nie heiraten.» Yvonne Steiner porträtierte den ehemaligen Grossrat ebenso wie die eingewanderte Italienerin, den früheren Arzt wie die einstige beliebte Wirtin aus Rudolfstetten.

Dabei erlebte sie vieles: «Wir lachten häufig, aber ich habe auch mit Leuten geweint, wenn sie zum Beispiel von ihren viel zu früh verstorbenen Kindern berichteten.» Für Steiner waren die Nachmittage mit den Seniorinnen und Senioren ein Geschenk. «Ich fand es unglaublich schön, dass sie mich einfach in ihre Stube einluden, mit mir Kaffee tranken, teilweise sogar Kuchen für mich buken und mir einfach ihre Lebensgeschichten erzählten.»

Das konnte gut zwei bis drei Stunden dauern. «Und dabei fragte ich sie lediglich über ihre Kindheit und Jugend», lacht Steiner. «Es war sehr spannend, und ich habe viel über das Freiamt erfahren, was ich mir davor gar nicht hätte vorstellen können.» Genau das möchte die Wahlfreiämterin in ihrem rund 210 Seiten starken Buch nun weitergeben.

Nach 50 Artikeln war sie müde

«Es hat mir grossen Spass gemacht, einmal pro Monat in die Geschichten von mir bis dahin unbekannten Personen einzutauchen. Aber nach 50 Artikeln, die je eine ganze Zeitungsseite umfassten, in der natürlich alte Fotos nicht fehlen durften, war ich müde.» Und als sie ausgerechnet den 50. fixfertigen Artikel kurz vor Veröffentlichung noch verwerfen musste, weil der Interviewte dann doch lieber nicht in der Zeitung kommen wollte, und sie rasch noch Ersatz finden musste, war es Steiner recht: «Ich war froh, die Serie auf 50 Artikel begrenzt zu haben.»

Doch die Geschichten aus der Zeit der Strohindustrie, des Torfstechens und der Eltern, die noch für die Lehrstellen ihrer Kinder zahlen mussten, blieben Yvonne Steiner im Kopf und im Herzen. «Es war schön, die Artikel in der Zeitung zu sehen. Aber irgendwann merkte ich, dass mir das nicht reicht. Die Geschichten sollten bewahrt werden, sollten auch anderen Leuten das Freiamt zeigen, wie es früher war. Zum Beispiel Neuzuzügern oder auch Schulklassen.»

So kam die Idee, die Geschichten in einem Buch zu vereinen. Jede Person erhält vier Seiten inklusive allen Fotos und des unveränderten Textes von damals. Auch die Reihenfolge bleibe gleich. «Dafür kontaktierte ich all die Leute nochmals. Etwa die Hälfte lebt leider nicht mehr, da kontaktierte ich die Angehörigen. Alle freuten sich sehr und schrieben mir teilweise zurück, wie schön sie das fänden. Das hat mich unheimlich berührt.»

Sie bringt jedem ein Buch vorbei

Das Buch druckt die Berikerin in Eigenregie in einer Auflage von vorerst 500 Stück. Es soll voraussichtlich Mitte April erscheinen. «Ich habe mir überlegt, all die Leute zu einer Vernissage einzuladen, aber viele sind nicht mehr so mobil. Darum hatte ich eine bessere Idee: Ich bringe allen Porträtierten, die noch leben, persönlich ein Buch vorbei.» Auf diese Begegnungen freut sie sich schon heute sehr.