Muri

Diese 17-Jährige verbringt viel Zeit in Asylunterkünften: Nicht nur wegen Sajjad und seiner Familie

Hannah Dobbertin (rechts) hat gelernt, dass es oft schon viel bringt, einfach mit Flüchtlingen zu reden. Andrea Weibel

Hannah Dobbertin (rechts) hat gelernt, dass es oft schon viel bringt, einfach mit Flüchtlingen zu reden. Andrea Weibel

Die Aargauerin Hanna Dobbertin verbringt einen Grossteil ihrer Freizeit in Asylunterkünften. Zusammen mit einer Kollegin hat sie ein Videoprojekt über Flüchtlinge gestartet. Darin geht sie der Frage auf den Grund, wie man ihnen helfen kann.

Sie ist erst 17 Jahre alt, verbringt aber schon fast ihre gesamte Freizeit in Asylunterkünften. Hannah Dobbertin gibt in Suhr Deutschkurse, hilft in Muri beim wöchentlichen Flüchtlingstreff und spielt fast jeden Tag nach der Schule mit Flüchtlingskindern in Wohlen. Dabei hätte sie sich das noch vor einem Jahr nicht vorstellen können. «Ich bin eher schüchtern und wäre damals nicht einfach auf fremde Menschen zugegangen», erinnert sich die Kantischülerin. «Dabei ist das das Schönste, was man tun kann – für beide Seiten.» Gelernt hat das die Amateurfilmerin durch ihre Recherchen für ein Videoprojekt: «Ich war ein Jahr lang im Austausch in den USA, dort habe ich das Filmemachen für mich entdeckt. Als Maturarbeit habe ich mir dann zusammen mit einer Kollegin ein Videoprojekt über Flüchtlinge vorgenommen und begonnen zu recherchieren, sobald ich zurück in der Schweiz war.» Was erst Recherchen waren, ist heute Teil ihres Lebens.

«Mehr braucht es gar nicht»

Der kleine Sajjad (8), der zwei Jahre lang in der Schweiz gelebt hat und vor einer Woche zusammen mit seiner Familie zurück in den Irak geflogen ist, berichtet in einem ihrer Videos, dass er gar nicht zurück möchte. Er erzählt von seinem Grossvater, der gestorben ist, und dass es ihm in Wohlen sehr gut gefällt. «Their voice matters» («Ihre Stimme zählt») heisst die Videoreihe, die Dobbertin mit Sajjads Geschichte begonnen hat.

Their voices matter - Sajjad's story

Their voices matter - Sajjad's story

Sie kommentiert nicht, sie bildet lediglich ab. Denn sie will zeigen: «Früher wusste ich nichts über Flüchtlinge. Ich war wie die meisten Leute, die theoretisch gern helfen würden, aber nicht wissen, was man denn tun kann. Dabei freuen sich Flüchtlinge darüber, wenn man sie wahrnimmt, mit ihnen redet, ihnen einfach zuhört und vielleicht mit den Kindern spielt. Mehr braucht es manchmal gar nicht.»

«Was chamer mache?»

Genau das thematisiert sie auch in ihrem Video «Was chamer mache?». Hier trifft man auf drei Flüchtlinge, die sich in der Bremgarten-Dietikon-Bahn unterhalten. Einer möchte Koch werden, und sie überlegen sich, ob er nicht Kochkurse für Asylbewerber und Schweizer geben könnte. Ein anderer möchte gern einem Fussballklub beitreten. Deutsch lernen, das möchten alle. Am schönsten wäre es, das zusammen mit Schweizern zu tun, das ginge doch viel schneller.

Was chamer mache?

Was chamer mache?

Im Zug erzählen sie sich ihre Geschichten, und die Schweizer, die um sie herumsitzen, klappen langsam ihren Laptop zu, legen ihre Zeitung oder das Handy weg, um zuzuhören. Doch am Ende sagen sie nichts zu den Flüchtlingen. Es bleibt die Frage: «Was chamer mache?». Die Texte für das Video hat Hannah Dobbertin gemeinsam mit zwei Flüchtlingen geschrieben. Die Schweizer Schauspieler sind zwei Freundinnen von ihr. Die anderen zwei Schauspieler kennt sie von Aufführungen aus dem Kloster Muri, wo die Schülerin öfters hinter den Kulissen mitgeholfen hat.

Sehr professionell ist ihr 8-Minuten-Clip geworden, dabei haben die Dreharbeiten lediglich zweimal Wohlen–Dietikon retour gedauert. «Ich möchte den Leuten einfach aufzeigen, dass es manchmal nicht schwierig ist, anderen zu helfen. Man muss sich nur getrauen, den ersten Schritt zu machen. Denn diesen wagen die Flüchtlinge meistens nicht, sie wollen ja nicht aufdringlich sein.» Mittlerweile hat die 17-Jährige auch damit begonnen, Persisch zu lernen, ein Flüchtling bringt es ihr bei. «Nicht jeder muss Kurse geben, unterrichten oder viel Geld spenden. Manchmal reicht schon ein kleines bisschen Aufmerksamkeit und Zeit.»

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