Aristau

Die zwei Seelen des Mario Richner

Der Aristauer stand kurz vor einem Profi-Velorennvertrag, doch ein Unfall liess ihn zum Seefahrer werden, alte Freunde wiedertreffen und die ganze Welt bereisen.

Nachdem er zwei Jahre zuvor an der grossen weiten Welt geschnuppert hatte, war für Mario Richner klar: Er wollte wieder fort von daheim. Wie viele andere junge Männer seiner Zeit träumte er davon, Seemann zu werden und den Globus zu bereisen.

Für die meisten blieb das ein Traum. Nicht aber für Richner. Und auch nicht – das wusste Mario damals nicht – für seinen besten Freund aus Jugendzeiten, Albert Meier. Doch dazu später.

1969 brach Richner also zum zweiten Mal auf, um die Welt zu sehen. Diesmal ohne Wut im Bauch und ganz offiziell. Als erstes holte er sein Rennrad in Antwerpen ab, das er zwei Jahre vorher dort eingestellt hatte.

Er war schon in seiner Jugendzeit beim Veloclub Aristau erfolgreich gewesen: 1965 waren sie Aargauer Meister geworden und hatten später an einer Schweizer Meisterschaft den vierten Platz belegt. Dieses Hobby hätte Richner in Belgien und Holland beinahe zum Beruf gemacht.

«An sogenannten Kirmes-Rennen fuhr ich als Amateur mit. Ich habe nie eines gewonnen, aber gutes Geld damit verdient. Ich stand sogar kurz vor einem Profivertrag, aber dann brach ich mir bei einem Sturz nicht nur das Schlüsselbein, sondern beschädigte auch mein Velo. Da konnte ich die Karriere an den Nagel hängen», erinnert er sich.

Gut, dass er daneben stets halbtags als Mechaniker und Fahrer in einer offenen Kohlenmine gearbeitet und sich nicht ausschliesslich aufs Velofahren konzentriert hatte.

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Die Reisen von Mario Richner – die Karte wird laufend ergänzt. Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

Einen Jugendfreund erkennt man von weitem

Eine lustige Geschichte soll sein bester Freund erzählen. Das muss man Albert Meier nicht zweimal sagen: «Ein Freund und ich hatten abgemacht, wenn wir die Lehrabschlussprüfung schaffen, fahren wir mit meinem VW Käfer nach Amsterdam und Rotterdam.»

Auf dem Rückweg fuhren sie in Holländisch Limburg auf der Autobahn. «Ich war als Beifahrer fast eingeschlafen, da sah ich auf dem Radweg einen Velofahrer von hinten. Wenn man zwei Jahre lang jeden Tag mit jemandem Velo gefahren ist, weiss man genau, wie der aussieht», erzählt Meier.

«Ich rief: ‹Halt an, das ist der Mario!› Mein Mitfahrer glaubte, ich spinne, hielt aber an, und ich rief: ‹Hoi Mario!› Und wirklich, er war es.»

Einen ähnlichen Zufall erlebten die beiden ein Jahr später, 1972, gleich nochmals. Mario fuhr zur See und wusste nicht, dass auch sein Jugendfreund Seemann geworden war. Meier berichtet: «Immer am ersten Sonntag des Monats konnte man über Kurzwelle Seemannsgrüsse senden. Dann sassen alle Seeleute am Radio. Da wünschte sich das Töchterchen meiner Schwester in Muri für mich das Lied ‹Prost, Onkel Albert›.»

Richner fährt weiter: «Natürlich hörte auch ich das und erfuhr so, dass Albert auf der MS Calanca war, während ich auf der MS Castaneda in Porto Rico in der Karibik vor Anker lag. Und die MS Calanca war im gleichen Hafen! Da musste ich Albert einfach besuchen.» So trafen sich die Jugendfreunde erneut und verloren sich ein Leben lang nicht mehr aus den Augen.

«Mario war der Lebemann, Richner der Vernünftige»

In 35 Jahren hat Mario Richner auf 22 Schiffen und auch in Werften an Land überall auf der Welt als Techniker gearbeitet. Er hat sich in Kursen und Seminaren vom Reiniger über den Motormann und Maschinenassistenten zum vierten, dritten und schlussendlich zweiten Maschinenoffizier weitergebildet.

«Dabei kam mir meine Erziehung zugute. Ich war immer zwei Menschen: Mario war der Lebemann, der das Abenteuer suchte, und Richner war der Vernünftige, der Bünzli, der seine Arbeit ernst nahm», fasst Mario Richner sein Leben zusammen.

Als Seemann bereiste er die ganze Welt – und das noch vor den Touristenströmen. «China war unter Mao stärker abgeschottet als Nordkorea heute. Kein Tourist, kein Journalist kam ins Land. Wir Seeleute allerdings schon – aber nur jene, die unter neutraler Flagge fuhren, zum Beispiel der Schweizer Flagge», erinnert Mario Richner sich.

«Unter strenger Bewachung konnten wir 1974 die verbotene Stadt besichtigen, wir sahen die Ming-Gräber, die Mauer und Peking, wo es fast nur Fahrräder gab.»

Er kannte Kapstadt und Hamburg, New Orleans und viele andere Städte wie seine Westentasche. «Noch heute habe ich an vielen Orten Depots, einen Rucksack hier, ein Kanu und eine Reisetasche dort», beschreibt er.

«Und ja, ich hatte auch Frauen, aber keine konnte mich festhalten.» Im Buch über seine Amazonas-Reise fasst er es schön zusammen: «Dieses Buch widme ich jenen, die mir ein Obdach gaben, die mich an ihren Tisch einluden und alles taten, meinen oft rauhen Pfad sanfter zu machen. Aber auch jenen, die mich für ganz behalten wollten – und dann doch wieder weiterziehen sahen.»

Mit 66 Jahren übernahm er sein letztes Schiff

Auf zwei Dinge ist Richner stolz: Dass er immer als Freelancer gearbeitet hat, was ihm stets die Möglichkeit gab, seine Sachen zu packen und auf Abenteuerreisen zu gehen, und dass er AHV und Pensionskasse auch vom Ausland aus immer einbezahlt hat. «Das war dann wieder der Richner in mir. Und das kommt mir heute noch zugute.»

Immer wieder hat er seine Schiffsreisen unterbrochen, doch alles in allem war er bis 2014, also im Alter von 66 Jahren, auf Schiffen auf den Weltmeeren unterwegs. Mit 66 Jahren vertraute man ihm nochmals ein Schiff an. «Das ist gar nicht selbstverständlich und macht mich schon ein bisschen stolz», erzählt er.

Eine seiner Spezialitäten, von der all seine Freunde als erstes berichten, sind seine Postkarten. «Während andere eine oder zwei schreiben, schrieb ich 50, 100, 120 Karten am Stück», erzählt er.

«Auch deshalb, weil mir im Wirtshaus nie jemand glaubte, wenn ich meine Geschichten erzählte. Also bewies ich es ihnen durch die Karten», fügt er lachend hinzu. Tatsächlich hängen im Lokal des Seemannsclubs Sektion Aargau, das im Keller des Ballygebäudes in Dottikon untergebracht ist, Dutzende Karten aus aller Welt, die meisten davon von Mario Richner.

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