Dorffasnacht
Die Wider hinken der alten Fasnacht hinterher

Warum der Fasnachtsumzug erst diesen Samstag durch das Dorf auf dem Mutschellen rollte.

Fabio Vonarburg
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Klein, aber fein war er, der Fasnachtsumzug in Widen am vergangenen Samstag. Toni Widmer

Klein, aber fein war er, der Fasnachtsumzug in Widen am vergangenen Samstag. Toni Widmer

Toni Widmer

Als im Freundeskreis auch der Letzte ein Smartphone hatte, hiess es von allen Seiten: «Du chunsch hindedri wie die alti Fasnacht.» Dass man durchaus noch mehr hinterherhinken kann, zeigt das Beispiel einer Mutscheller Gemeinde.

Denn Widen «isch de alte Fasnacht hindedri». Im Gegensatz zum Beispiel mit dem Smartphone ist dies wortwörtlich zu nehmen. Erst dieses Wochenende feierte die Gemeinde die Dorffasnacht. Eine Woche nach dem offiziellen Termin der alten Fasnacht, an den sich zum Beispiel Basel oder Brugg halten.

Auf den Putz hauen

Fasnacht war ursprünglich das Fest der Katholiken, um kurz vor der 40-tägigen Fastenzeit nochmals ordentlich auf den Putz zu hauen. Das mit dem Auf-den-Putz-Hauen ist bis heute gleich geblieben, aber das Fastengebot spielt mittlerweile eine viel geringere Rolle als früher.

1091 beschlossen die christlichen Geistlichen an der Synode von Benevent, das Gebot zu lockern. Neu durfte man an Sonntagen offiziell «sündigen». Somit verschob sich der Beginn der 40-tägigen Fastenzeit und jener der Fasnacht um rund eine Woche nach hinten. Dagegen gab es Widerstand. So existieren seither zwei Fasnachtstermine. Die Herrenfasnacht am neuen Termin, an den sich die meisten Aargauer Gemeinden halten, und die eine Woche später beginnende sogenannte Buurefasnacht; eben, die alte Fasnacht.

Doch wieso ist die Wider Dorffasnacht sogar später als die alte Fasnacht? Liegt es am diesjährigen Motto «Sumpffieber», und das OK-Dorffasnacht ist im Sumpf stecken geblieben? Die Antwort kennt Marcel Hagenbuch, Präsident der Guggenmusik Gyresümpfer Widen und Mitglied des OKs: «Wir wollen den anderen Fasnachtsevents ausweichen. Am offiziellen Fasnachtswochenende herrscht jeweils grosse Konkurrenz.»

Hagenbuch geht es vor allem um die Nachbargemeinden. Wäre der Umzug in Widen schon vor zwei Wochen über die Fasnachtsbühne gegangen, man hätte mit dem Kinderumzug in Zufikon und der Kinderfasnacht in Berikon konkurrenziert. Eines ist klar: Der Wider Fasnachtsumzug am letzten Samstag musste keine Konkurrenz fürchten. Aargauweit.

Mehr Schaulustige am Umzug

Dass weit und breit kein anderer Umzug ist, spürt die Wider Dorffasnacht. Seit der Termin 2008 erstmals nach hinten verlegt wurde, habe es mehr Schaulustige, so Hagenbuch. «Besonders wenn die Fasnacht so kurz ist, wie in diesem Jahr, freuen sich viele, sie in Widen verlängern zu können.» Dazu kommt ein weiterer Vorteil: Während die Herrenfasnacht direkt in die Schulferien fiel, waren jetzt, wo in Widen die Fasnacht stieg, wieder alle Kinder zu Hause und konnten am Umzug mitmachen.

Wer jetzt frohlockt, dass nach Widen nun endgültig der ganze Fasnachtskram für ein Jahr passé ist, liegt falsch. Der Wider Umzug ist nicht der letzte. Da wäre beispielsweise noch die Groppenfasnacht im thurgauischen Ermatingen, die sich damit brüstet, die späteste Fasnacht der Welt zu sein. Aber sorry liebe Thurgauer, ihr seid auch nicht die Letzten. In Frankreich wird teilweise noch später Fasnacht gefeiert.

Was hingegen unbestritten ist: Die erste Fasnacht im Jahr findet jeweils in Büren an der Aare statt. Denn kaum haben die Bürer auf das neue Jahr angestossen, müssen sie bereits frühmorgens an die Chesslete. Vielfach wohl noch mit dem Champagnerglas in der Hand. Denn in dieser Stadt im Kanton Bern wird die Fasnacht bereits am 1. Januar gefeiert.

Die Sage über das frühe Narrentreiben: Die Bürer bekamen den frühen Termin geschenkt, als Wiedergutmachung dafür, dass sie die florierende Wallfahrtskirche aufgrund der Reformation aufgeben mussten. Übrigens: Hier ist die Fasnachtsbegeisterung so gross oder der Umzug so klein, dass die Wagen und Guggenmusiken gleich zwei Runden durch die Altstadt drehen. Oder wie eine Bürerin sagte: «Sonst ist es ja viel zu schnell vorbei.»

Den Bürern kann man auf jeden Fall nie vorhalten, dass «sie hendedri send wie die alt Fasnacht». Wer weiss, vielleicht gibt es den Spruch in einigen Jahren sowieso nicht mehr und es heisst dann: «Du chunsch hendedri wie d’Wider Dorffasnacht.»