Suche
Die Villmergerin hat ihren Vater gefunden

Nicole Wey setzte alles in Bewegung, um ihren leiblichen Vater kennenzulernen. Nun kennt die 46-Jährige aus Villmergen endlich den Namen ihres Erzeugers. Zwar ist er gestorben, doch sie konnte immerhin mit seiner Frau sprechen.

Sabine Kuster
Merken
Drucken
Teilen
«Ob ich ihm ähnlich sehe?» Noch hat Nicole Wey kein Foto ihres Vaters gesehen.

«Ob ich ihm ähnlich sehe?» Noch hat Nicole Wey kein Foto ihres Vaters gesehen.

Solothurner Zeitung

Kann man sagen: «Ich habe meinen Vater gefunden», wenn der schon tot ist? Für die 46-Jährige, die mit drei Monaten von einer Familie in Villmergen adoptiert wurde, spielt das keine Rolle: Sie wollte bloss ihre Wurzeln kennen.

Jetzt weiss sie endlich den Namen des Mannes, in den sich ihre Mutter damals verliebte: Er war Bijoutier in Pratteln, verheiratet und Vater zweier Söhne. Bald nach der Geburt seiner unehelichen Tochter liess er sich scheiden und heiratete später erneut.

Erfahren hat Nicole Wey dies alles von der zweiten Frau. Der Artikel mit ihrer Geschichte erschien im «Sonntag» vom 20.März. Als sie eine Woche später noch immer keinen Hinweis bekommen hatte, schnitt Nicole Wey den Artikel aus und schickte ihn zusammen mit einem Brief an ihre leibliche Mutter.

Am Montag, damit die Post nicht etwa übers Wochenende auf dem Küchentisch liegen bleiben würde und von dem jetzigen Mann ihrer Mutter gelesen würde.

Drohung mit dem Anwalt

Nicole Wey drohte mit dem Anwalt, falls ihre Mutter den Namen ihres leiblichen Vaters nicht endlich herausgeben würde. Vier Tage später erhielt sie Antwort: sein Name, die Bitte, auf seine Angehörigen Rücksicht zu nehmen, und die Bemerkung: «Er sollte schon längst verstorben sein.»

«Ein eiskalter Brief», findet Nicole Wey und sie weiss, dass es wohl für lange Zeit der letzte Kontakt mit ihrer leiblichen Mutter gewesen ist. «Sie lebt noch so in ihrer Verschwiegenheit. Dabei wäre es doch auch für ihren Seelenfrieden gut, wenn wir noch einmal dar-über sprechen würden.»

Dafür eilte Nicole Wey ins Nachbarhaus zu ihrem Adoptivvater, der sich mit ihr freute und sagte: «Jetzt kannst du abschliessen.»

Im Internet fand sie die gelöschte Firma ihres leiblichen Vaters und eine Frau mit demselben Nachnamen. Sie zögerte. Erst einen Tag später überredete ein Kollege sie anzurufen. Derweil hütete er ihr Schuhgeschäft.

Vater wusste von nichts

Sie nannte der Frau, die sich meldete, den Namen des gesuchten Vaters. «Er ist vor 13 Jahren gestorben», antwortete diese. «Sind Sie seine Tochter?», fragte Nicole Wey.

«Nein, seine Frau.» Da schluckte Nicole Wey zweimal leer und sagte, sie würde sie gerne treffen. Die Frau hakte so lange nach, bis Nicole Wey gestand, sie sei seine uneheliche Tochter. «Das hat er nicht gewusst», erwiderte die Frau.

«Doch», antwortete Nicole Wey, «er wusste es und zahlte Alimente.» Darauf war es wiederum einen Moment still in der Leitung. Schliesslich erzählte Nicole Wey ihre ganze Geschichte.

Zwei Aussagen der Frau bewahrt die Tochter seither wie Schmuckstücke in ihrem Kopf: «Er war ein herzensguter, grosszügiger Mann.» Und: «Er hätte sich bestimmt gefreut, Sie zu treffen.»

Warum Nicole Wey denn nicht früher zu suchen begonnen habe? Sie lacht bitter. Mit 25 Jahren hatte sie ihre Mutter ausfindig gemacht und seither immer mal wieder versucht, auch ihren Vater zu finden. Doch bei ihrer leiblichen Mutter hatte sie stets auf Granit gebissen. Sie wolle seine Familie schützen, hatte diese behauptet und ihr uneheliches Kind im Ungewissen gelassen.

Nun wird sich Nicole Wey mit der Frau ihres Erzeugers treffen – sobald diese bereit ist dazu. «Ich will ihr Zeit lassen. Ich habe das Gefühl, dass wir uns verstehen werden.»

Dann wird sie nach dem Grab ihres Vaters fragen, auf den Friedhof gehen und das Kapitel über ihre Herkunft schliessen.