Wohlen
Die verrückte Erfolgsgeschichte einer ungewöhnlichen Firma

Winkler Veranstaltungstechnik AG gehört weltweit zu den Besten auf einem hart umkämpften Markt. Für das Startkapital schälten die Gründer Baumstämme.

Toni Widmer
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Die neuen Eigentümer von Winkler Livecom: Stefan Mathys, Christian Künzli und Benedickt Brenninkmeijer.

Die neuen Eigentümer von Winkler Livecom: Stefan Mathys, Christian Künzli und Benedickt Brenninkmeijer.

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Es war zu Beginn der Neunzigerjahre. Ein paar Freunde aus der Region Wohlen-Villmergen haben damals tüchtig Party gemacht. Beziehungsweise Disco, denn so hiessen die Anlässe damals, an denen sich vorwiegend junge Leute zum Tanzen und Feiern getroffen haben.

«Die ersten Discos fanden in privaten Kellern statt. Es kamen Jugendfest-Discos in Villmergen, Dottikon und Wohlen dazu. Nach und nach wurden sie grösser und so folgten Partys im Casino Wohlen, in der Kettenbrücke Aarau, der Trafohallen Baden und viele mehr. Das Materiallager, verteilt auf die Keller unserer Eltern, reichte bald nicht mehr, so mieteten wir in einem alten Gebäude in Dintikon einen etwas grösseren Raum», blickt der Villmerger Stefan Mathys auf jene wilden und intensiven Zeiten zurück. Seine Kollegen und er hätten damals – unter anderem – in der Zimmerei Vogelsang in Wohlen eine Woche lang Baumstämme geschält, um Geld für die Anschaffung von Lautsprechern zu verdienen.

«Wir waren verrückte Kerle. Ich erinnere mich da an ein besonders intensives Wochenende, als ich noch KV-Lehrling war. Da sind wir ins Tessin gefahren, um dort neue Lautsprecher zu posten. Dann haben wir damit im Wohler Casino eine Disco aufgebaut und durchgeführt, am Sonntagmorgen mussten wir nach wenigen Stunden Schlaf das Lokal wieder abräumen und putzen, und am Montag hiess es wieder ab zur Arbeit oder in die Berufsschule.»

Die Anfänge der Firma Winkler

Mit dabei in dieser verrückten Clique war auch Patrick Winkler. Er verfügte schon damals über einen kleinen Stock an Licht- und Lautsprecheranlagen und hat diese vermietet. «Unter anderem», erzählt Stefan Mathys, «waren Anlagen von Patrick im Einsatz, als DJ Bobo sein erstes Album ‹Somebody Dance With Me› aufgenommen hat.»

Dann kam ein erster grosser Auftrag am Automobilsalon in Genf, den Patrick Winkler zusammen mit dem Murianer Messebauer Beat Schweizer ausführen durfte: «Damals waren solche Events finanziell sehr ergiebig. Patrick konnte mit dem Erlös die dafür angeschafften Anlagen bezahlen und mit deren Vermietung schon wenig später Gewinn erwirtschaften», weiss Mathys.

Die Nachfrage nach Spezialisten, die in der Lage waren, Events professionell zu beleuchten und zu vertonen, stieg in den Neunzigerjahren stetig an, entsprechend waren Material und vor allem Erfahrung gefragt. 1996 machte Patrick Winkler sich gemeinsam mit seinen Kollegen selbstständig und gründete die Winkler Veranstaltungstechnik GmbH mit Sitz in Hägglingen.

Rasante Entwicklung

Stefan Mathys war bei der Gründung der Firma nicht dabei. Er hat aber die Entwicklung des Unternehmens stets intensiv mitverfolgt, ist vor zehn Jahren als kaufmännischer Leiter in die heutige Winkler Livecom eingetreten und verantwortet seit 2011 den Bereich Events & Exhibitions. Seit 1. Januar ist er Mitbesitzer. Zusammen mit Christian Künzli, dem bisherigen Managing Director, sowie dem Beteiligungsunternehmer Benedickt Brenninkmeijer hat er die Firma von der MCH Group in Basel zurückgekauft . An die MCH Group war die Winkler Veranstaltungstechnik AG im Jahr 2005 verkauft worden, fünf Jahre später war auch Firmengründer Patrick Winkler aus der Firma ausgeschieden.

Zurück zu den Anfängen: «Winkler hat sich in den Neunzigerjahren toll entwickelt, ist rasch gewachsen und konnte nach und nach verschiedene Mitbewerber übernehmen», blickt Mathys zurück. 2008 beschäftigte das Unternehmen, das von Hägglingen vorerst in den Wohler Gewerbering gezogen ist und 2005 das heutige Domizil an der Nordstrasse gekauft hat, 120 Personen und konnte einen Jahresumsatz von über 35 Mio. Franken ausweisen.

Weltweit bei den Besten

Heute gehört Winkler Livecom international zu den Besten der Branche, wie verschiedene Auszeichnungen belegen, die das Unternehmen in den letzten Jahren erhalten hat. Die Traversensysteme, an denen die spezialisierten Winkler-Techniker an grossen und kleinen Events im In- und Ausland ihre Ton-, Video- und Beleuchtungstechnik befestigen, wachsen jedoch nicht einfach so in den Himmel.

«Der Markt ist hart umkämpft. Wir sind zwar nach wie vor Branchenleader in der Schweiz. Niemand verfügt über einen so grossen Materialpark, hat so viel Manpower und so gute Organisationsstrukturen wie wir. Aber auch uns fällt der Erfolg nicht in den Schoss, wir müssen dafür hart arbeiten», sagt Stefan Mathys. Der Jahresumsatz hat sich mittlerweile bei 25 bis 30 Millionen eingependelt, die Anzahl der Mitarbeitenden bei rund 80 Personen.

Das Personal wurde im Rahmen des Management Buy-outs von den neuen Eigentümern vollumfänglich übernommen, und allenfalls gibt es an der Nordstrasse sogar zusätzliche Arbeitsplätze, zumindest weitere Lernende: «Künftig machen wir die ganze Administration und Buchhaltung wieder selber. Neben Logistikern und Fachleuten für Veranstaltungstechnik werden wir nun auch wieder kaufmännische Berufsleute ausbilden können», erklärt Mathys.

Gut aufgestelltes Unternehmen

Das Unternehmen, sagt der Mitbesitzer und Verantwortliche für Kreation, Verkauf und Marketing weiter, sei hervorragend aufgestellt. «Wir haben bezüglich Profitabilität 2018 erheblich zulegen können, und die Basis dafür ist gelegt, dass es auch weiterhin rund läuft.» Das, fährt Mathys fort, liege auch an der MCH Group: «Ihr lag viel daran, dass die Firma in einem geordneten Rahmen übergeben wurde und sich weiterentwickeln kann. Meine Geschäftspartner und ich haben die Winkler Livecom AG deshalb zu Rahmenbedingungen übernehmen können, die uns einen guten Start erlauben.» Die Firma, betont Mathys, sei gegenüber Dritten heute schuldenfrei.

Rund 1200 verschiedene Projekte betreut Winkler pro Jahr, darunter Grossanlässe wie Basel Tattoo oder Baselworld. Obwohl sich das Unternehmen vor allem mit international beachteten Events wie der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels 2016 oder der veranstaltungstechnischen Regie im Kuwait-Pavillon an der Weltausstellung in Mailand 2015 einen Namen geschaffen hat, ist es für sie auch wichtig, an regionalen Events tätig zu sein: «Wir waren an der Eröffnung der neuen Wohler Eisbahn dabei und betreuen seit Jahren die IBW-Jazz-Night. Und wir machen gerne weitere Anlässe im Freiamt, um unsere Verbundenheit mit jener Region zu zeigen, in der wir zu Hause sind.»

Letztlich zähle für Winkler nicht nur der Mammon, sondern auch die Identifizierung mit der Veranstaltung. «Wir produzieren mit unserer Technik und unserem Know-how Emotionen. Egal, wie gross oder wie klein ein Anlass ist, für uns gibt es am Schluss nichts Schöneres als ein Veranstalter, der zu uns kommt und wie zu den einstigen Disco-Zeiten mit leuchtenden Augen sagt: ‹Hey Jungs, das isch eifach genial gsi›.»