Wohlen
«Die typischen Schweizer Märkte verlieren mehr und mehr an Tradition»

Romy Graf ist seit 27 Jahren Marktfahrerin. Ihre Tätigkeit habe sich stark verändert, erzählt sie. Der Warenmarkt in Wohlen ist bei den Kunden beliebt, doch für die Marktfahrer bringt er viel Aufwand mit sich.

Loredana Di Fronzound Tommy Richner
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Romy Graf posiert stolz in ihrem Confiseriestand. Während ihrer 27-jährigen Marktkarriere bekam sie zahlreiche Veränderungen zu spüren. Tommy Richner

Romy Graf posiert stolz in ihrem Confiseriestand. Während ihrer 27-jährigen Marktkarriere bekam sie zahlreiche Veränderungen zu spüren. Tommy Richner

In der Luft liegt der Duft von frischem Magenbrot und Zuckerwatte. Die Leute schlendern von Stand zu Stand die Bünzstrasse entlang. Während die leise Musik des nahen Karussells im Ohr klingt, bestaunen sie das vielfältige Sortiment. Die eine bewundert Ledertaschen, ein anderer den Modeschmuck des gegenüberliegenden Standes. Während die glücklichen Kinder sich ein Spielzeug aussuchen dürfen, lassen sich die Herren zum Kauf von rezentem Schweizer Käse überreden. Genau nach Tradition eben. Alles scheint beim Alten geblieben zu sein. Doch ist es das auch wirklich?

190...

... Märkte besucht Romy Graf durchschnittlich in einem Jahr. Auch den anderen Marktfahrern ergeht es ähnlich. Ihrem mit viel Stress verbundenen Beruf gehen sie aber gerne nach. Alle sind mit viel Herzblut bei der Sache.

Marktfahrer spüren Rückgang

Romy Graf, Besitzerin des Confiserieanhängers, ist bereits seit 27 Jahren Marktfahrerin. Ihr zufolge blüht dem Marktgeschäft keine rosige Zukunft. «In den letzten Jahren hat sich viel verändert», sagt sie, «wir geraten viel häufiger mit Kunden ohne Anstand in Kontakt.» Wenn man beispielsweise die Kinder freundlich bitte, nicht alles anzufassen, sei man sogleich eine böse Frau. Die empörten Mütter würden darauf umgehend gemeinsam mit ihren Sprösslinge zum nächsten Stand wechseln und dort einkaufen. Solche Situationen erlebe sie laufend, denn pro Jahr sei sie an etwa 180 bis 190 verschiedenen Märkten präsent.

Ein drohendes Problem in der Zukunft der Marktfahrer sei der fehlende Nachwuchs. «In drei Jahren werde ich pensioniert und weiss nicht, wer mein Geschäft dann weiterführen wird», bedauert Graf. Sie sei aber bei weitem nicht die Einzige, die sich mit dieser Problematik beschäftigen muss. Dazu komme, dass viele ausländische Verkäufer in die Schweiz kommen und ihre billige Ware aus Massenproduktionen hier anbieten würden. «So verlieren die typischen Schweizer Märkte mehr und mehr an Tradition.»

Internet als Konkurrent

Ähnlich sieht das ihre Schwester Uschi Monzato, die schon 39 Jahre im Marktgeschäft ist. Sie ist im Besitz von zwei Spielwaren- und einem Confiserieanhänger. Genau wie viele andere auf diesem Gebiet hat sie sich mit einer weiteren Schwierigkeit herumzuschlagen: In den letzten Jahren wurden an diversen Märkten immer mehr Spielzeugpistolen sowie Knallteufel und «Frauenfürze» verboten. Obwohl sich diese einer grossen Beliebtheit erfreuten und früher noch gang und gäbe waren, dürfen sie nicht mehr verkauft werden. «Jungs sind Jungs und spielen eben gerne mit solchen Spielzeugknarren», erklärt Monzato. Viele Burschen zeigten sich äusserst enttäuscht über diese Massnahme und bedienten sich einfach einer anderen Lösung: Oft werde die verbotene Ware schlussendlich unter dem Ladentisch verkauft. Wird einer der Marktfahrer auf ein derartiges Vergehen aufmerksam, muss er dies umgehend einem Verantwortlichen melden.

Bruno Kammermann weist auf ein weiteres Problem hin: Viele Stände verschiedener Branchen leiden unter dem Internetkonsum. Viele Leute seien zu faul, einen Markt zu besuchen, und bestellen ihre Ware deshalb bequem in einem Onlineshop. Doch diese Tatsache kommt auch ihm selber zugute. Denn seine Gemüsehobel können nicht nur am Marktstand, sondern auch im Internet bezogen werden. Auch in seinem Angebot liegt er anderen gegenüber im Vorteil. «In der Kleiderbranche beispielsweise steigt die Konkurrenz zunehmend an», sagt Kammermann. Seine Gemüsehobel stechen dabei heraus. Selbst im Kassensturz wurden diese im Testvergleich zur Nummer eins gekürt.

Beklagen könne sich aber keiner: Bei allen rentiere das Geschäft weiterhin und es sei gut möglich, von dem Einkommen leben zu können. Den leicht sinkenden Trend bekommen zwar alle zu spüren. Wie es den Marktfahrern in Zukunft ergehen wird, bleibt jedoch abzuwarten.

Mit Herzblut oder gar nicht

Während der Herbstsaison, zu der der Warenmarkt als fester Bestandteil dazugehört, müssen die Marktfahrer fast täglich an einem anderen Ort präsent sein. Am Morgen müssen die meisten wieder früh aus den Federn: Laut Monzato stehe man so oftmals morgens um 4 Uhr auf und komme erst abends um 20 Uhr wieder nach Hause. Der viele Stress, der mit dem Beruf verbunden ist, störe Romy Graf nicht weiter. «Man muss entweder mit viel Herzblut dabei sein, oder gar nicht.»

Damit spricht sie den anderen Marktfahrern aus der Seele. Adrian Bürgi verkauft für das «Alpehüsli» engagiert Käse und Fleischwaren. Er hält fest: «Ich finde es immer sehr erfrischend und angenehm, mit unseren Kunden zu sprechen.» Nach der strengen Saison werde es dann im Frühjahr wieder lockerer, sagt Uschi Monzato. Im Januar und Februar gäbe es praktisch nichts zu tun. Etwas Erholung muss eben auch sein.