Damals im Freiamt
«Die Soldaten liessen uns auf ihren Pferden reiten»

Rita Hauser-Schedle (85) aus Bremgarten erinnert sich an ihre Kindheit und die ersten Jahre als Mutter und Arztgattin. Das Geräusch der Kampfflieger während des 2. Weltkrieges liegt ihr heute noch in den Ohren.

Yvonne Steiner
Merken
Drucken
Teilen
1948: Eine Aufführung des «Vogelhändlers» der «Operettenbühne Bremgarten». Rita Hauser-Schedle wirkte als Hofdame, rechts neben dem Hoflakai, mit.
4 Bilder
1948: Uniformeinweihung der Stadtmusik Bremgarten. Rita Hauser-Schedle als Ehrendame, links von Josef Iten, dem damaligen Musikdirektor.
1943: Rita Hauser-Schedle (l.) mit zwei Schulkolleginnen bei der Holzbrücke in Bremgarten. Im Hintergrund ihr späteres Wohnhaus.
Erinnerungen von Rita Hauser-Schedle (85) an Bremgarten in 30er Jahren

1948: Eine Aufführung des «Vogelhändlers» der «Operettenbühne Bremgarten». Rita Hauser-Schedle wirkte als Hofdame, rechts neben dem Hoflakai, mit.

Zur Verfügung gestellt

«In Bremgarten-West, wo ich meine Kindheit verbrachte, gab es um 1930 nur gerade mal sechs Häuser. Für uns Kinder war dies ein Paradies. Da war die Kiesgrube von der Firma Comolli, wo sich ein Weiher mit Fröschen und Kaulquappen gebildet hatte. Zusammen mit meinen Geschwistern, Cousinen und Cousins habe ich dort oft an einer Feuerstelle «brötlet».

Im Winter stapften wir oft durch den tiefen Schnee auf den Hasenberg – mit den Ski auf dem Buckel. Zu jener Zeit war die Landschaft noch unverbaut, so, dass wir bis zum Restaurant Schwanen in Bremgarten hinunterfahren konnten. Wenn der Gyrenweiher in Widen zugefroren war, trafen sich dort die Kinder zum Schlittschuhlaufen. Einige rauchten Nielen, bis ihnen schlecht wurde.

Auch Schabernack getrieben

Auf dem Schulweg war ich mit einer ganzen Kinderschar unterwegs. Den Hinweg von Bremgarten-West bis zum Schulhaus legten wir in zehn Minuten zurück. Der Nachhauseweg dauerte länger, je älter wir wurden. Oft trieben wir Schabernack, wobei wir einige Ladenbesitzer ärgerten. Beim Kleidergeschäft am Bogen öffneten wir die Ladentür, damit es klingelte, und rannten weg. Frau Weber von der Konditorei – auch Bogenhexe genannt – holten wir wegen ein paar «Karamell-Zeltli» für fünf Rappen aus ihrer Wohnung über dem Geschäft und dem Schuhmacher bei der Holzbrücke schlossen wir regelmässig die Fensterläden beim Vorbeigehen.

Respekt vor den «Papieri-Ross»

Manchmal begegneten uns auf dem Schulweg die «Papieri-Ross», grosse, kräftige Belgier Pferde der Papierfabrik in Bremgarten. Wenn das Vierergespann, von der Unterstadt kommend, die Kurve beim Restaurant Adler nahm, und das schwer beladene Fuhrwerk den Bogen hinaufzog, stoben die Funken von 16 Hufeisen. Kinder und Erwachsene staunten jedes Mal, wie der Fuhrmann Pferde und Wagen zu lenken verstand. Die Fuhre ging über den Mutschellen und weit über Zürich hinaus. Waren die Pferde abends versorgt, dürfte ihr Arbeitstag 15 Stunden und länger gedauert haben.

Erinnerungen an die Kriegszeit

Während der Mobilmachung stellte das Militär beim Viehhändler Seiler an der Wohlerstrasse Pferde ein. Täglich führten Soldaten die Tiere zum Kapuzinerbrunnen, wo sie getränkt wurden. Wir Kinder durften jeweils auf den Pferden zurückreiten. Als jedoch ein Mädchen herunter fiel, wurde uns das Reiten verboten.

Die Soldaten waren im Casino untergebracht, wo sie auf Stroh schlafen mussten. Den Offizieren standen Privatzimmer zur Verfügung. Auch bei uns zu Hause waren zwei Offiziere einquartiert. Es war unheimlich, wenn ich nachts Kampfflugzeuge hörte. Das Geräusch der Flieger liegt mir noch heute in den Ohren.»

Das Leben über der Arztpraxis

Im Jahr 1911 eröffnete der Schwiegervater von Rita Hauser-Schedle, Dr. Fridolin Hauser, eine Arztpraxis in der Antonigasse in Bremgarten. Im ersten Jahr benutzte er für Hausbesuche das Fahrrad. Musste er zu einem Patienten auf den Mutschellen, lud er dieses kurzerhand in die Bremgarten-Dietikon-Bahn. «Später besass er ein Auto, das erste im Städtchen», erzählt Rita Hauser-Schedle.

Peter Hauser, ihr zukünftiger Ehemann, eröffnete seine Praxis im Jahr 1948, nur zwei Häuser entfernt von seinem Elternhaus und der Arztpraxis seines Vaters.

Darüber kam die Wohnung für seine Familie zu liegen. Der Arzt war damals an sieben Tagen pro Woche, rund um die Uhr, erreichbar. Hausbesuche während der Nacht waren keine Seltenheit.

Familienleben zurückgesteckt

«Als Mutter von fünf Kindern war mir ein geregelter Tagesablauf wichtig», erinnert sich Rita Hauser-Schedle. «Beim Mittagessen sass die ganze Familie zusammen, doch am Abend, wenn mein Mann zu Hausbesuchen unterwegs war, ass ich mit den Kindern alleine.» Zweimal im Jahr fuhr die Familie gemeinsam in die Ferien. Trotzdem mussten die Kinder, was das Familienleben anging, zurückstecken. Auch wurden sie oft mit «Arzttöchterchen» oder «Arztsöhnchen» gehänselt.

Sie selber wurde damals von vielen Leuten mit Frau Doktor Hauser angesprochen, was ihr nicht gefiel. «Wie oft habe ich gesagt, dass Frau Hauser reicht!», erinnert sich Rita Hauser-Schedle noch heute.

In der Praxis mitgeholfen

Damals gab es in Bremgarten noch keinen Zahnarzt. Kranke Zähne zog deshalb der Hausarzt. Trotz Zahnschmerzen geduldeten sich die Bauern bis zum Sonntag nach der Kirche, da sie erst dann Zeit hatten, die Arztpraxis aufzusuchen. «Mein Mann hat in all den Jahren bis zu tausend Zähne an Sonntagen gezogen», erzählt Rita Hauser-Schedle und lacht bei der Erinnerung.

Peter Hauser, ein hervorragender Diagnostiker, arbeitete ohne Praxishilfe. Musste ein Notfallpatient direkt ins Spital, fuhr er ihn selbst mit seinem Auto nach Muri. Im Alter von 33 Jahren erwarb Rita Hauser-Schedle ebenfalls den Fahrausweis. So konnte sie ihrem Mann hin und wieder Patiententransporte abnehmen. Als die Kinder grösser waren, half sie ihm während zehn Jahren in der Praxis. «Ich war nicht vom Fach, bin aber allmählich hineingewachsen», erzählt sie weiter.

Rückblickend auf die Zeit als Arztgattin und junge Mutter meint Rita Hauser-Schedle: «Da mein Mann durch seine Tätigkeit sehr stark eingebunden war, sorgte ich dafür, dass er nach der Arbeit Ruhe hatte. Die Verantwortung für die Familie übernahm ich.»