Bremgarten

Die Reuss setzte die Stadt unter Strom

Das Museum Reusskraftwerk Bremgarten zeigt in einem neuen Ausstellungsraum, wie die Elektrizität das Leben verändert hat.

Kraftorte sind beliebt. Nicht nur bei feinstofflich Empfindsamen, sondern auch bei Menschen, die ganz bodenständig mal wieder Energie tanken wollen. Warum spricht man eigentlich nur im esoterischen Sinn von Kraftorten? Die Frage drängt sich geradezu elektrisierend auf, wenn man die Reussinsel betritt, auf der das Kleinwasserkraftwerk Bremgarten-Bruggmühle und das Museum Reusskraftwerk Bremgarten stehen. Hier staunt man dann, umtost von der Kraft des Wassers, über eine Anlage, die im Jahr 3,6 Millionen Kilowattstunden Strom produziert, und über die kleine industrielle Revolution, die vor mehr als 120 Jahren auf dieser kleinen Insel begann.

Kraftorte sind immer geschichtsträchtig, wie diese Insel. Von hier aus konnte man ab der Mitte des 13. Jahrhunderts, und noch bis heute, über eine gedeckte Holzbrücke von Westen her in die Stadt gelangen. Das war der kürzeste Weg über den Fluss. Die erste urkundliche Erwähnung dieser Brücke geht zurück auf das Jahr 1281. Gleichzeitig wird da auch die Bruggmühle erwähnt, die Stadtmühle, die zusammen mit dem Bollhaus auf der anderen Strassenseite die westliche Stadtbefestigung bildete.

Seit dem Hochmittelalter nutzt man in Bremgarten also die Wasserkraft zum Wohle der Menschen. Erst trieben die Wasserräder eine Getreidemühle an, dann kam eine Sägerei dazu, eine Spinnerei, eine Papiermühle und schliesslich sogar eine Kapuzinerkuttenwalke. «Der entscheidende Schritt passierte aber 1892, als Caspar Hausherr den Stadtrat von Bremgarten davon überzeugen konnte, dass sich aus Wasserkraft auch Strom gewinnen liess», erzählt mit leuchtenden Augen der Präsident des Vereins Museum Reusskraftwerk Bremgarten, Alfred Koch. «Er war ein echter Pionier und ein Visionär. Als er den Stadtvätern damals zeigte, wie man mit elektrischem Strom Licht erzeugen konnte, erhielt er von ihnen die Erlaubnis, zwei Generatoren mit der Energie aus einer Wasserturbine zu betreiben.»

Strom für die BDB

Diese Geschichte und alles, was vom Mittelalter bis in unsere Tage auf der Reussinsel bei der Holzbrücke geschah, zeigt der neue Ausstellungsraum des Museums Reusskraftwerk Bremgarten. Am kommenden Dienstag weihen die 40 Vereinsmitglieder mit ihren geladenen Gästen die neue Ausstellung ein. Dabei sein werden Vertreter der AEW Energie AG, der Aargau Verkehr AG und auch Nachkommen der Elektrizitätspioniere Caspar Hausherr und Heinrich Meyer-Ganzoni, seinerzeit treibende Kraft bei der Gründung der Bremgarten-Dietikon-Bahn.

Die BDB, im Volksmund liebevoll «s’Brämgarter Bähnli» genannt, bezog ihren Strom ursprünglich von Hausherrs «Elektrizitätswerk zur Bruggmühle AG», die 1927 dann in den Besitz des Aargauischen Elektrizitätswerks (AEW) überging. Das elektrische Licht und der Betrieb der BDB waren aber nur der Anfang. Auf die elektrifizierte Strassenbeleuchtung folgten die Privathaushalte. Nachdem in der Bruggmühle das erste Telefon installiert und das Flusskraftwerk dadurch auch zur Fernsprechzentrale geworden war, wollten auch von dieser neuen Technologie immer mehr Menschen profitieren. Ganz zu schweigen von den wundervollen elektrischen Haushaltsgeräten, die das moderne Leben neu takteten. Die Ausstellungsmacher haben viele dieser Geräte gesammelt und zeigen sie nun ihren Besuchern, angereichert durch jede Menge zusätzliches Bildmaterial und erklärende Informationstexte.

Viele Stunden Fronarbeit

Herzstück des Museums ist aber nach wie vor die alte Kraftwerkanlage, wie sie von 1929 bis zur Eröffnung des neuen Kraftwerks, 1999, in Betrieb war. Diese Anlage wurde von den Vereinsmitgliedern, unterstützt von der AEW und der Aargauischen Denkmalpflege, in weit über 20'000 Stunden Fronarbeit renoviert und seit der Gründung des Museums, 2005, auch in Schuss gehalten. «Die maschinellen Anlagen des Museums sind ein Denkmal der Industrialisierung im Reusstal», betont Alfred Koch. Dieses voll funktionstüchtige Denkmal kann jederzeit besichtigt werden. Führungen, ab sechs Personen, sind gratis und unter der Telefonnummer 056 648 44 55 zu buchen.

Autor

Christian Breitschmid

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