Muri
«Die Politik hat mir viel Lebenserfahrung ermöglicht»

Der abtretende Murianer Gemeindeammann Josef Etterlin spricht im Interview über seine politische Arbeit, über seine Gemeinde und über seine Zukunft. Muris Bedeutung als Zentrumsgemeinde werde zunehmen.

Eddy Schambron
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Eddy Schambron

Nach 26 Jahren im Gemeinderat Muri, davon vier Jahre als Vizeammann und 16 Jahre als Gemeindeammann, wird Josef Etterlin an der Einwohnergemeindeversammlung vom 21. November zum Ehrenbürger ernannt. Er hat unzählige Verhandlungen geführt, er hat mit seiner Art dafür gesorgt, dass das politische Klima in Muri von Respekt und Anstand geprägt ist. In seiner Stube in der Langenmatt blickt er im Interview auf seine Zeit als Kommunalpolitiker zurück.

Was haben Ihnen die langen Jahre im Gemeinderat und als Gemeindeammann gebracht?

Josef Etterlin: Ich bin eigentlich unverhofft und ungeplant in den Gemeinderat gekommen. Ich hätte jedes Jahr zwei, drei Kurse machen können – sie hätten mir nicht so viel an Lebenserfahrung, Kontakten zu verschiedensten Menschen, zu unterschiedlichsten Institutionen und zum Leben im Dorf gebracht. Ich habe in meiner Amtszeit auch 18 Gemeinderätinnen und Gemeinderäte erlebt und mit ihnen zusammenarbeiten können.

Und was hat es gekostet?

Ich habe ja Lohn gehabt, ich habe nichts dafür bezahlt (lacht). Sicher ist, dass die Familie oder die Lebenspartnerin hinter einem solchen Amt stehen müssen. Man ist viel weg, an Abenden oder am Wochenende. Ohne den entsprechenden Rückhalt geht es schlussendlich nicht.

Muss man nicht auch beruflich zurückstecken?

Ich hatte den Vorteil, dass ich die Arbeitsstelle als Selbstständiger in Muri habe. Ich behaupte, man kann nicht Gemeindeammann in Muri sein und in Zug oder Zürich arbeiten. Es gibt zwar nicht viele Notfälle, aber Flexibilität ist trotzdem notwendig.

Wie viele Stunden haben Sie eigentlich in dieses Amt investiert?

Wenn ich von einer 42-Stunden-Woche ausgehe, handelt es sich beim Gemeindeammann von Muri um ein 60 Prozent-Pensum. Und dann kommt noch darauf an, was man alles dazu zählt – man muss bei einer Veranstaltung nicht immer so lange bleiben, wie man es tut.

Der Repräsentationsaufwand ist hoch?

Wir haben das im Gemeinderat gut aufgeteilt. So waren die Repräsentationspflichten gut zu bewältigen. Was schwerer wiegt, ist der Graubereich, wo man vielleicht nicht offiziell für das Amt arbeitet, aber in Gedanken doch dort ist. Das fängt manchmal gleich nach der Gemeinderatssitzung an.

Schlaflose Nächte?

Nein, total schlaflose Nächte habe ich nicht erlebt. Aber ich bin auch schon um 4 oder 5 Uhr aufgewacht, weil sich ein Problem im Kopf rumgedreht hat. Vielleicht alle zwei Monate einmal.

Sie waren Nachfolger von Jürg Pilgrim, einem schlagfertigen Akademiker. Hat Ihnen, als ruhiger Bauer, die Nachfolge nicht Angst gemacht?

Ich erlebte zuvor Marco Hauser, dann Hans Wey als Gemeindeammann, von 1994 bis 1997 Jürg Pilgrim. Das waren total verschiedene Charakteren. In den vier Jahren vor meiner Amtsübernahme als Gemeindeammann war auch die Zusammensetzung im Gemeinderat speziell. Da war viel Power drin, brauchte aber auch viel Energie. Ich habe dabei viel gelernt. Im seinem letzten Jahr war Gemeindeammann Pilgrim oft ortsabwesend, so wuchs ich als Vizeamman sozusagen automatisch in dieses Amt hinein.

Was war Ihr grösster Erfolg?

Es gibt verschiedene Schwerpunkte. Aber ich werte generell gesagt das gute Verhältnis im Gemeinderat in den letzten 16 Jahren und das Vertrauen, das wir in der Bevölkerung geniessen, als grösste Erfolge. Wir haben jeweils intensiv diskutiert, aber am Schluss sind die Entschlüsse vom Gremium immer getragen worden. Zu diesem guten Verhältnis gehört nicht nur der Zusammenhalt im Gemeinderatsgremium, sondern auch die sehr gute Zusammenarbeit mit der Verwaltung.

Und was war Ihr grösster «Chrampf»?

Unangenehm waren immer Entscheide gegen Leute, die man kennt. Das kam nicht immer gut an. Aber Gesetze und Vorgaben sind für alle gültig, und man muss alle gleich behandeln. Es ist unabdingbar, Politisches und Privates klar zu trennen. Und um doch noch ein Sachgeschäft zu nennen: Der Verkauf des Singisenflügels hat schon Substanz gekostet und erforderte viel Hintergrundarbeit. Aber nach erfolgreichem Abschluss war die Befriedigung umso grösser.

16 Jahre Gemeindeammann ohne nennenswerte Anfeindungen und Querelen – wie schafft man das?

Ich glaube, eine grosse Nähe zum Bürger hilft. Das heisst nicht, dass man immer in allen Beizen verkehren muss. Gute und offene Kontakte zu den Leuten schaffen aber Vertrauen und Bürgernähe. Man darf auch jene wieder grüssen, die man einmal als Gegner gehabt hat. Es lohnt sich, verhärtete Fronten aufzuweichen.

Wenn Sie jetzt zurückblicken: Wie hat sich Ihr Dorf verändert?

Wir hatten 5500 Einwohner vor 25 Jahren, heute sind es rund 7400. Das wird so weiter gehen, weil Muri eine sehr gute Infrastruktur – attraktive Schulen, breites kulturelles Angebot, sehr aktive Vereine, gute Verkehrsanbindung – aufweist. Muri hat sich noch stärker zur Zentrumsgemeinde entwickelt, entsprechend haben auch die Lasten zugenommen.

Muri war doch vor 20, 30 Jahren eine konservative, von der CVP dominierte Gemeinde.

Das war so. Heute ist Muri eine weltoffene Gemeinde. Niemand fragt heute mehr nach der Konfession oder dem Zivilstand, wenn es etwa um die Besetzung der Gemeinderatssitze geht, der Einfluss der Parteien hat abgenommen. Muri ist eine urban geprägte, moderne Gemeinde.

Verstädtert damit das Klosterdorf – man denke an die Überbauungen beim Bahnhof?

Die Bedeutung als Zentrumsgemeinde wird weiter zunehmen, auch durch den Zuzug von älteren Personen aus umliegenden Gemeinden, die im Alter die Annehmlichkeiten des Zentrums suchen; gute Einkaufsmöglichkeiten, Dienstleistungsangebot von Banken und Versicherung, Gesundheitsversorgung, öffentlicher Verkehr. Mehr Einwohner verlangen nach innerer Verdichtung. Von einer Verstädterung würde ich aber nicht sprechen, doch man muss sich langsam an die Auswirkungen des Raumplanungsgesetzes, über das wir im März 2013 eidgenössisch abgestimmt haben, gewöhnen.

Was wollen Sie damit sagen?

Die Auswirkungen sind enorm gross. Neue Einzonungen von Bauland sind praktisch ausgeschlossen. Mit dem Finanzvermögen der Gemeinde (Landhandel) wurden viele positive, wegweisende Geschäfte getätigt. Damit konnte der Steuerfuss relativ tief gehalten werden. Beispiel Krähenweid: Muri kaufte das Land für 300 Franken pro Quadratmeter, 100 Franken kostete die Erschliessung. Verkaufen konnten wir das Land für 600 bis 700 Franken pro Quadratmeter. Ähnliches kann von Industrie- und Gewerbeland gesagt werden, hier gab es neben Arbeitsplätzen auch Geld in die Gemeindekasse. Ich bin der Meinung, dass das neue Raumplanungsgesetz Auswirkungen auf die Steuerfüsse haben wird.

Sie hatten auch eine gewichtige Stimme in regionalen Anliegen. Was bedeutet Ihnen die Region?

Ich hatte immer das ganze Freiamt im Blick. Als Zentrumsgemeinde hat man so viele Verbände und Verträge mit den anderen Gemeinden, dass man zwangsläufig die Sicht auf die Region haben muss. Das mit der starken regionalen Stimme würde ich aber in Klammern setzen. Es kommt bei den kleineren Gemeinden nicht immer gut an, wenn das «grosse» Muri die Stimme erhebt. Mit zunehmendem Vertrauen in die Gemeinde Muri reduzierten sich allerdings entsprechende Vorbehalte.

Was werden Sie in Zukunft mit der vielen freien Zeit eigentlich anfangen?

Mehr Ferien machen. Ich werde die beiden Angestellten, die ich auf dem Bauernbetrieb habe, weiterhin beschäftigen. So werde ich nicht mehr 120 oder 140 Prozent arbeiten, sondern auch etwas zurücklehnen können. Genaueres ist noch nicht geplant. Aber ich werde nicht 10 Kilo zunehmen (lacht).

Haben Sie eine Empfehlung für die jüngere Generation?

Die positiven Eindrücke überwiegen ganz klar. Ich empfehle den Jungen, den Einstieg in die Politik zu wagen. Das Engagement lohnt sich. In unserer direkten Demokratie kann auch die jüngere Generation Einfluss auf die Gemeindepolitik nehmen.

Jetzt werden Sie Ehrenbürger. Was bedeutet Ihnen das?

Ich habe nicht mehr Rechte, und ich muss weiterhin Steuern zahlen. Aber es ist eine grosse Anerkennung und der Dank der Öffentlichkeit. Ich freue mich darüber und weiss das sehr zu schätzen. Danach werde ich die politische Bühne aber sicher verlassen.