Ärztemangel

Die Pflegefachfrau als Ärztin: Der Reusspark in Niederwil geht neue Wege

Auszubildende Judith Weiss untersucht eine Patientin.

Auszubildende Judith Weiss untersucht eine Patientin.

Im Zentrum für Pflege und Betreuung in Niederwil werden Pflegefachfrauen zu klinischen Fachspezialistinnen ausgebildet. In Zukunft sollen sie, wie die Ärzte auch, Medikamente verschreiben können.

Hausärzte fehlen überall. Das spürt auch der Reusspark, das Zentrum für Pflege und Betreuung in Niederwil, seit Jahren. Als Lösung wurden zwischenzeitlich Assistenzärzte vom Spital Muri eingesetzt, da diese aber alle vier Monate wechseln, mussten die Verantwortlichen einen anderen Weg finden. Diesen hat Chefarzt René Kuhn 2017 entdeckt – und revolutioniert damit wie nebenbei die medizinische Hierarchie in der Schweiz. Das Zauberwort heisst klinische Fachspezialistin. «Vor allem in den USA und England gehört diese Ausbildung bereits zum Standard. Diplomierte Pflegefachfrauen werden theoretisch und praktisch weitergebildet, sodass sie, obwohl sie nicht Medizin studiert haben, auf gleicher Stufe mit den Assistenzärzten stehen», erklärt der Geriater, der seit 30 Jahren im Reusspark arbeitet. «In der Schweiz gibt es ein Studium an der Fachhochschule Winterthur dafür, allerdings ist dieses einzig auf die wissenschaftliche Basis ausgelegt, nicht auf die Praxis, wie wir sie brauchen. Also hat der Chefarzt eine eigene Ausbildung geschaffen, ein vielseitiges Werk dazu zusammengetragen und übersetzt und mit der Fachhochschule Winterthur Kontakt aufgenommen. «Unsere vier klinischen Fachspezialistinnen, die wir derzeit ausbilden, lernen den theoretischen Teil in Winterthur und den praktischen bei uns im Haus.»

Diese neue Ausbildung ist auf die Langzeitpflege in der Geriatrie ausgelegt. «Andere Fachgebiete wie Kinderheilkunde und Ähnliches haben wir weggelassen», so René Kuhn. Ausserdem müssen die Auszubildenden bereits eine höhere Fachausbildung in der Pflege mitbringen. «2018 haben wir dann mit dem sogenannten ‹Bedside-Teaching› begonnnen. Wir haben die Auszubildenden mit auf Visite genommen, haben sie Untersuchungen machen lassen, klinische Fragestellungen besprochen, also alles genauso wie man es mit Assistenzärzten im Spital macht.» Die ersten zwei Jahre seien sehr intensiv gewesen. «Mittlerweile können die vier aber schon etwa 80 Prozent der Arbeit alleine ausführen – natürlich immer mit einer Ärztin oder einem Arzt als Ansprechperson.»

Reusspark in Studie der Uni Basel aufgenommen

Dem Chefarzt war aber nicht nur die Ausbildung wichtig, sondern auch eine Kontrolle von aussen. Bei der Intercare-Studie der Universität Basel wurde er fündig. «Dort machen zwölf Heime in der Deutschschweiz mit, die eine Ausbildung in eine ähnliche Richtung anbieten, also eine Stelle zwischen der Pflege und den Ärzten, allerdings auf viel tieferem Niveau.» Der Reusspark wurde in die Studie aufgenommen und fortan kontrolliert. «Zu den Qualitätskriterien gehören beispielsweise die Anzahl von Stürzen, von freiheitseinschränkenden Massnahmen, Hospitalisationen und auch von Todesfällen. Bei uns kann man sagen, dass die Zahlen gleich sind, wie wenn ein Arzt unsere Patienten betreut hätte», ist der Chefarzt stolz. «Und im Vergleich mit den anderen Langzeitinstitutionen sind wir eher an der Spitze.»

Der Chefarzt des Reuss­parks, René Kuhn, sieht mehrere Vorteile in diesem neuen System – abgesehen von der Lösung des Hausärztemangels. «Einerseits gewährleisten wir damit eine viel höhere Präsenz des ärztlichen Personals bei den Patienten. Andererseits ist es aber auch ein Vorteil, dass die klinischen Fachspezialistinnen aus dem Pflegeberuf kommen. So müssen teilweise weniger Medikamente verschrieben werden, weil sie ein grösseres Repertoire an pflegerischen Massnahmen ausschöpfen können. Zudem wird der Austausch mit der Pflege verstärkt.»

Die Akzeptanz sei sehr gross, sagt Kuhn. «Mittlerweile hat auch eine Langzeiteinrichtung in Burgdorf unser System übernommen. Ich halte auch Vorträge darüber und gebe es gerne anderen Institutionen weiter. Ich finde, es ist an der Zeit, die starren Strukturen der Medizin, die wir hier in der Schweiz haben, aufzubrechen. Natürlich kommt das nicht überall gut an. Aber bei uns haben wir gemerkt, dass es sehr viele Vorteile hat. Wir hatten ein Problem und haben es so gelöst, dass es den Patienten zugutekommt.» 2022 soll der nächste Jahrgang klinischer Fachspezialistinnen im Reusspark ausgebildet werden.

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