Der junge Seong Young Yun sitzt entspannt am Tisch in der Stube seiner Gastfamilie. Seine Mutter Jin-Hee Kim, zwei Freundinnen aus Südkorea, Hyunae Lim und YoonJung Suh, sowie die Gasteltern Ruth und Balz Käppeli leisten ihm Gesellschaft. Auf dem Tisch stehen kleine, appetitliche Häppchen, leise klassische Musik erfüllt das modern eingerichtete Wohnzimmer der Familie. Die Stimmung ist ausgelassen, denn die erste Runde der Competition ist geschafft. Noch am gleichen Abend werden die Ergebnisse bekannt gegeben; es geht um den Einzug in die zweite Runde der Muri Competition.

Nicht der erste Gast

An der Muri Competition messen sich Oboisten sowie Fagottisten aus aller Welt, um Preisgelder von bis zu 50 000 Franken zu gewinnen. Der Grossteil wird allerdings in Form von Stipendien ausbezahlt, um die jungen Künstler zu unterstützen. Seong Young nimmt jedoch nicht des Geldes wegen am Wettbewerb teil, sondern weil es ihn einen weiteren Schritt näher an seinen grossen Traum bringt: einmal in einem grossen Orchester in Amsterdam zu spielen.

Für Familie Käppeli ist es nicht der erste asiatische Gast, der für die Muri Competition in die Schweiz gekommen ist und bei ihnen wohnt. Vor einem Jahr hatten sie einen Chinesen bei sich aufgenommen. Ruth und Balz Käppeli arbeiten beide für Murikultur, und als sie die Wahl hatten, einen Austauschstudenten oder einen Competition-Teilnehmer aufzunehmen, entschieden sie sich zusammen mit ihren drei Kindern für den kurzzeitigen Gast. Probleme gab es bisher nie, im Gegenteil: Laut Ruth Käppeli ist Seong Young sehr leise und zurückhaltend. Dies liegt einerseits an der erschwerten Kommunikation, denn Seong Young kann kein Deutsch und nur wenig Englisch. Andererseits hängt es mit der Kultur zusammen, in Südkorea gilt es als unhöflich, jemanden zu stören. Mit seiner Gastfamilie verständigt er sich auf Englisch oder mit Zeichensprache. Seong Youngs Kolleginnen und seine Mutter wohnen bei anderen Gastfamilien ganz in der Nähe von Familie Käppeli.

Seong Young Yun, Mutter Jin-Hee Kim, Ruth und Balz Käppeli, sowie Yoon Jung Suh und Hyunae Lim (von links).

Seong Young Yun, Mutter Jin-Hee Kim, Ruth und Balz Käppeli, sowie Yoon Jung Suh und Hyunae Lim (von links).

Die Oboe ist Seong Youngs grösste Leidenschaft. Dies zeigt sein Tagesablauf eindrücklich: Bereits um fünf Uhr morgens steht er auf und übt zwei oder drei Stunden, bevor er in die Schule geht. Wenn er um 17 Uhr wieder nach Hause kommt, isst er zu Abend und übt weiter, bis in die frühen Morgenstunden. Manchmal schläft er bloss zwei Stunden. An den Wochenenden spielt er in einem Orchester. Auch Familie Käppeli konnte das zunächst nicht glauben, bis sie es mit eigenen Augen sah. Stören würde der hoch engagierte Gast die Familie jedoch nicht, allen Teilnehmern der Competition wurde ein Übungsraum zur Verfügung gestellt.

Manchmal übt Seong Young einen einzelnen Ausschnitt eines Stücks mehrere Stunden lang, bis es so klingt, wie er es sich vorstellt. «Eine solche Disziplin kennt man bei uns gar nicht», meint Ruth Käppeli und lacht.

Keine Zeit für Ausflüge

Bereits mit neun Jahren begann Seong Young Yun Oboe zu spielen. Seine Mutter spielte zu Beginn mit ihm, sie musste aus medizinischen Gründen jedoch damit aufhören, denn das Spielen der Oboe erfordert eine spezielle Atemtechnik, die den Blutdruck in die Höhe schiessen lässt. Mittlerweile besucht er mit Hyunae Lim eine Musikhochschule in Südkorea. In der wenigen freien Zeit, die er nicht mit Üben verbringt, trifft er sich mit Freunden, geht ins Kino oder geht mit seinen vier Hunden spazieren. Diese fehlen ihm am meisten, meint er und schaut sehnsüchtig auf ein Foto, das die vier Hunde in einem Kinderwagen zeigt.

Das Freiamt gefällt ihm, allerdings hat er davon noch nicht viel gesehen. «Wir haben ihm angeboten, ihm die Schweiz ein wenig zu zeigen», erzählt Balz Käppeli amüsiert. «Aber er wollte nicht, er wollte lieber weiter üben.» Am besten gefielen ihm die frische Luft und die grüne Landschaft, das gebe es in Südkorea nicht. In seiner Heimatstadt Seoul sehe man bloss hohe Gebäude und Strassen. Familie Käppeli lässt sich jedoch nicht weichklopfen. Sobald die Muri Competition fertig ist, will sie ihm die Vorzüge der Schweiz zeigen – vielleicht mit einem Ausflug auf die Rigi. Widerreden würden nicht akzeptiert, meint Balz Käppeli lachend.

Die Muri Competition wird für Seong Young allerdings nicht so schnell zu Ende gehen – er hat es in die zweite Runde
geschafft.