Rottenschwil

Die «Mutter der Strohsterne» muss Halm und Faden weglegen

Anna Hoppler aus Rottenschwil hat unzählige wunderbare Strohsterne geschaffen. Jetzt muss sie aufhören. ES

Anna Hoppler aus Rottenschwil hat unzählige wunderbare Strohsterne geschaffen. Jetzt muss sie aufhören. ES

Anna Hoppler wird 87-jährig und hat nicht mehr die Kraft, Stroh zu flechten. Sie wurde mit ihrer Kunst nicht nur in der Schweiz, sondern sogar im Ausland bekannt.

Anna Hoppler – «Stroh-Anni» – aus Rottenschwil hört auf. Sie, die «Mutter der Strohsterne», hat keine Kraft mehr, weitere Sterne aus dem Freiämter Naturmaterial zu schaffen. Der Arm tut ihr weh, manchmal macht ihr Rheuma in den Fingern zu schaffen. Jetzt verkauft sie noch, was zu verkaufen ist. Im Angebot hat es von kleinen Sternchen bis hin zum grossen Prachtwerk. Wie viele es sind, weiss sie nicht. «Viele», sagt sie, «sehr viele.» Sie sind Teil eines Lebenswerks.

«Stroh-Anni» ist 87 Jahre alt. Sie sieht blendend aus, ist vif und hat ein unverändert hervorragendes Gedächtnis. «Schmerzen sieht man nicht», winkt sie jedoch entsprechende Komplimente ab. Sie sind es, die sie jetzt zwingen, mit der Herstellung von Strohsternen aufzuhören. Diese Kunst, ihre Kunst, hat sie 1959 begonnen, als sie sich nach der täglichen Arbeit auf dem Bauernhof in Rottenschwil mit weissem Faden und einem Bündel Strohhalme zurückzog, um ihren ersten Stern zu versuchen. Sie ahnte damals nicht, dass sie den Grundstein für ihr späteres wirtschaftliches Auskommen gelegt hatte und als Strohkünstlerin in der ganzen Schweiz und sogar im Ausland Bekanntheit erlangen würde.

Zuerst verkaufte sie Strohsterne an das Schweizer Heimatwerk, später an die Migros, nachdem die Migros-Filiale Herdern in Zürich als erste Strohsterne bestellt hatte. Während das Heimatwerk grössere, kunstvolle Strohsterne wollte, benötigte die Migros pünktlich grosse Mengen. Anna Hoppler arbeitete Tag und Nacht und beschäftigte zudem fünf Heimarbeiterinnen. Weil die Invalidenrente, die ihr arbeitsunfähig gewordener Mann erhielt, hinten und vorn nicht reichte, lastete das wirtschaftliche Auskommen der Familie vollumfänglich auf ihren Schultern.

Schweizweite Bekanntheit

Anna Hoppler gestaltete immer grössere und kompliziertere Sterne. Ihre Sterne wurden Strohkunst in Vollendung. Nachdem die Medien auf die Rottenschwiler Künstlerin aufmerksam wurden und über sie berichteten, erlangte sie schweizweite Bekanntheit. Sie erhielt sogar einmal im Rahmen einer Sendung über die Schweiz von einem amerikanischen Fernsehteam Besuch. Eben war das Schweizer Fernsehen da, um die Kunst von «Stroh-Anni» mit der Kamera festzuhalten.

«Einfach aufzuhören, das wäre mein Tod», sagte Anna Hoppler 2007, als sie 80 Jahre alt war. «Ich hänge am Stroh wie der Teufel an einer armen Seele». Jetzt zwingen sie körperliche Beschwerden trotzdem dazu, Strohhalme, Faden und Leim beiseitezulegen. Sie erklärt das ohne Bitterkeit und zeigt auf das Lager an Strohhalmen. Mit einem verschmitzten Lächeln sagt sie das Gleiche wie damals: «Im Schopf lagern noch so viele Schäubli (jeweils zwei Büschel Stroh), dass ich gar nicht sterben darf.»

Eigene Ausstellung

Anna Hoppler verkauft ihre Strohsterne am Samstag und Sonntag jeweils von 10 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr. Unter der Woche ist ihre Ausstellung an der Hauptstrasse 13 in Rottenschwil nach telefonischer Anmeldung (056 634 12 81) zu besichtigen.

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