Wohlen
«Die Linien, die Farben, sie wollen ausbrechen»: Freiämter Künstler wurde kreativ – während die Welt ruhte

Graffiti-Künstler Pirmin Breu aus Wohlen erzählt, wie Corona seinen Alltag und das Schaffen der Freiämter Künstler beeinflusst. Für das Jahr 2021 bleibt Breu zuversichtlich.

Pascal Bruhin
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Während des Lockdowns im Frühling bemalte er WC-Papier und Corona-Bierflaschen.

Während des Lockdowns im Frühling bemalte er WC-Papier und Corona-Bierflaschen.

Pascal Bruhin / Aargauer Zeitung

«In gewissen Momenten ist auch mir der Humor vergangen», sagt Pirmin Breu. Den Maler und Street-Art-Künstler aus Wohlen haben die Pandemie und deren Auswirkungen auch hart getroffen. Doch nicht nur finanzielle Sorgen, sondern auch die zunehmende Extremisierung der Gesellschaft beunruhigen ihn, wie er der AZ im Interview in seinem Atelier erzählt.

«Am Anfang hatte ich schwer zu kämpfen mit der Thematik», sagt Breu und meint damit nicht die Coronapandemie, sondern die Tropenkrankheit Malaria. Mitte 2019 verbrachte der Street-Art-Künstler zwei Monate im westafrikanischen Ghana. «Dort kann man jederzeit sterben. Bei uns ist der Tod ein Tabuthema», sagt Breu, der auch schon Särge bemalt hat. «Die Schweiz war auch im Lockdown noch ein Honigtopf verglichen mit anderen Ländern.»

Durch die Schulschliessungen fiel sein Haupteinkommen weg

Existenzängste gehörten schon vor Corona zum Alltag eines jeden Künstlers. «Dass ich diesen Stress schon kenne, war vielleicht anfangs ein Vorteil für meine Psyche», meint Breu. Seit 25 Jahren ist er als freischaffender Künstler tätig und hat sich mit seiner Graffiti-Kunst einen Namen gemacht.

Seit zehn Jahren betreut Breu zudem Workshops für das Projekt «Kultur macht Schule» des kantonalen Departements Bildung, Kultur und Sport. Doch durch die Schulschliessungen aufgrund der Coronapandemie fielen sozusagen alle Kurse aus. «Dieser Wegfall war verheerend für mich», sagt Breu, für den die Kurse ein wichtiges finanzielles Standbein neben seiner künstlerischen Aktivität sind. Auch Ausstellungen mussten grösstenteils abgesagt werden, und wenn sie stattfinden konnten, kamen nur wenige Besucher. Seine Atelierausstellung, die er jeweils im Dezember veranstaltet, musste er kurzfristig absagen.

Pirmin Breu versuchte mit seinen Mitteln, etwas Freude in den Alltag zu bringen.

Pirmin Breu versuchte mit seinen Mitteln, etwas Freude in den Alltag zu bringen.

pbr Bild: Blindtext Blind Blind

«Ich wollte etwas Fröhliches machen»

«Wenn die Welt ruht, kann ich sehr kreativ sein», sagt Breu. Während des Lockdowns im Frühling bemalte er WC-Papier und Corona-Bierflaschen. «Mit meinen Mitteln habe ich versucht, der Gesellschaft zu helfen. Ich wollte etwas Fröhliches machen, die Menschen etwas aufheitern, und damit einen Gegenpol zu der doch sehr coronalastigen Berichterstattung bieten.»

Ein bildnerisches Tagebuch begleitet ihn durch die Pandemie

Die Rückmeldungen darauf waren durchweg positiv und motivierten ihn. Geholfen, etwas Struktur in seinen Tag zu bringen, hat ihm auch sein Projekt 366moves, das er bereits vor der Pandemie startete. Jeden Tag malte er ein Bild und postete dieses auf Instagram. Entstanden ist so eine Art bildnerisches Tagebuch der Pandemie. Einzelne Bilder daraus konnte er auch verkaufen. «Diese Solidarität zu spüren, die von so vielen Menschen ausging, hat mich sehr berührt», sagt er sichtlich bewegt.

Austausch mit Publikum fällt komplett weg

Doch nach und nach belastete ihn die Situation. «Meine Energie ist geschwunden», sagt Breu. «Für mich war es bitter, es fühlte sich surreal an. Corona hat einfach alles absorbiert.» Breu, der als Mitorganisator der K-13 Kunstszene Freiamt gut mit anderen Künstlern vernetzt ist, berichtet, dass es vielen ähnlich geht. «Viele Kunstschaffende sind extrem am Boden. Nebst der Produktion unserer Werke ist der Austausch mit dem Publikum das Wichtigste für uns.» Dieser fällt nun komplett weg. «Die Künstler flüchten sich deshalb in ihre eigene Welt zurück, in eine Sehnsucht an die Zeiten vor Corona. Das widerspiegelt sich auch in ihren Werken.»

«Diese angestaute Energie muss ich jetzt rauslassen.»

Nur sehr wenige seiner Bekannten hätten sich bisher an die Coronathematik herangewagt. Auch Breu zog sich nach dem ersten Lockdown davon zurück. «Die Stimmung war mir zu angeheizt. Es sind viele Ängste bei den Leuten da.» Innerlich jedoch hat sich bei Breu ein riesiges Archiv an Emotionen gesammelt. «Diese angestaute Energie muss ich jetzt rauslassen, ich kann mich dem nicht länger verschliessen.» Unbewusst habe er das Thema doch bereits aufgenommen, wenn er seine Werke betrachtet, die in der Pandemie entstanden sind. «Meine Figuren sind wilder, extremer geworden. Die Linien, die Farben, sie wollen ausbrechen.»

Durch 2021 etwas mutiger werden

Für das Jahr 2021 bleibt Breu zuversichtlich. «Als Künstler lernt man zu warten. Es geht immer wieder irgendwo ein Türchen auf. Und für die Kunst ist es nicht nur schlecht, wenn es auch einmal nicht so gut läuft. Es wird spannend sein, wie sich diese Energie der Künstler in ihren Werken wiedergibt. Und vielleicht lerne auch ich durch 2021, wieder etwas mutiger zu sein.»