Oberlunkhofen

Die kunstvollen Sterne von Stroh-Anni werden weiterhin leuchten

Anna Hoppler-Keusch und ihr Stroh-Atelier waren schweizweit bekannt.

Anna Hoppler-Keusch und ihr Stroh-Atelier waren schweizweit bekannt.

Anna Hoppler-Keusch aus Rottenschwil starb 92-jährig nach einem arbeitsreichen Leben im Umfeld der Freiämter Strohflechterei.

Heute findet eine Künstlerin, die weit über das Freiamt hinaus bekannt wurde, in Oberlunkhofen ihre letzte Ruhestätte: Anna Hoppler-Keusch hat mit ihren Strohsternen nicht nur viele Stuben bereichert, sie war auch eine der letzten Vertreterinnen der einstmals berühmten Freiämter Strohflechterei. Sie selber sagte: «Strohsterne sind mein Leben. Sie sind es, die mich erhalten haben.»

Mit Stroh kam Anna Keusch, am 3. Dezember 1927 in Boswil als Bauerntochter geboren und nach der Schule zur Damenschneiderin ausgebildet, erst in Berührung, als sie 1953 Willy Hoppler aus Rottenschwil heiratete. Ihre Schwiegereltern bauten, wie schon die Vorfahren, auf dem Hof Roggenstroh für die Strohindustrie an. Dieses Stroh wurde in Wohlen für die Fertigung von Hüten und Geflechten benötigt.

Eine Herausforderung

Es waren, neben ihrem Sinn für Schönheit und dem handwerklichen Geschick, allerdings nicht nur glückliche Umstände, die Anna Hoppler zu ihrer Strohsterne-Kunst brachten: 1957 erlitt die Strohindustrie einen Einbruch und der Absatz von Strohhalmen, wie sie auf dem Hof von Hopplers angebaut wurden, sank. Gleichzeitig bestellte eine Luzerner Papeterie einen Bund Strohröhrli, weil eine Handarbeitslehrerin Strohsterne basteln wollte.

Da fühlte sich Anna Hoppler herausgefordert. 1959 schuf sie ihren ersten Strohstern, obwohl sie noch nie einen gesehen hatte, geschweige denn wusste, wie man solche herstellen könnte. Der Schwiegervater nahm die ersten Exemplare mit zum Gemischtwarenhändler Richner in Wohlen, der sie ins Sortiment aufnahm.

Von da an gingen laufend Bestellungen ein und die Sterne wurden immer kunstvoller. Als ihr Mann Willy an multipler Sklerose erkrankte und arbeitsunfähig wurde, bildeten Strohsterne schliesslich die Haupteinnahmequelle der Familie. In den Spitzenzeiten beschäftigte Stroh-Anni fünf Heimarbeiterinnen, die Sterne für die damaligen Hauptabnehmer Migros und Schweizer Heimatwerk herstellten.

Zu kunstvoller Grösse gebracht

Der künstlerischen Seite von Stroh-Anni genügte das nicht. Sie entschloss sich 1974 erstmals, ihre schönsten Strohsterne in einer Ausstellung zu zeigen. Damit wurden auch die Medien auf die Strohkünstlerin aufmerksam und berichteten über die Freiämterin. «Ganz speziell war der Besuch eines amerikanischen Fernsehteams», erinnerte sie sich.

«Im Rahmen einer Sendung über die Schweiz stellten die Fernsehleute auch meine Arbeiten vor.» Im Dorf wurde der Erfolg von Stroh-Anni mit gemischten Gefühlen verfolgt. Die meisten bewunderten ihr Können und gönnten ihr den Erfolg. Andere waren aber neidisch und missgünstig. Anna Hoppler kümmerte sich wenig darum.

Stroh aus eigenem Boden

Die Strohhalme in ihren Sternen sind ausnahmslos auf dem eigenen Boden gewachsen. Als Anna Hoppler 80 Jahr alt wurde, sagte sie: «Einfach aufzuhören, das wäre mein Tod. Ich hänge am Stroh wie der Teufel an einer armen Seele.» Mit 87 Jahren musste sie ihre Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen aber dennoch aufgeben.

Anna Hoppler-Keusch ist gestorben, ihre Sterne leuchten jedoch in vielen Stuben weiter und zeugen nicht nur von einer ausserordentlichen künstlerischen Begabung, sondern auch von einem eisernen Durchhaltewillen in schwierigen Zeiten und von der enormen Leistungsbereitschaft einer Frau, die ausserordentliche Herausforderungen des Lebens mit echter Grösse gemeistert hat.

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Autor

Eddy Schambron

Eddy Schambron

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