25 Jahre ist es her, seit Karl und Rita Keusch vom Boswiler Sonnengut genug hatten von der hiesigen Muni-Zucht und dem Torf-Abbau und eine neue Herausforderung suchten. Genauer gesagt: Diese Herausforderung hätten sie schon neun Jahre davor gern angetreten, aber ein Visum für ihr Wunsch-Auswandererland erhielten sie erst 1994.

Damals hatten sie ihren Traum, nach Australien ziehen zu können, schon fast aufgegeben. Sieben ihrer acht Kinder gingen mit, vier blieben dann auch in Australien, die anderen vier leben heute wieder auf oder in der Nähe des Sonnenguts, wo sie aufgewachsen sind.

25 Jahre später – die Bilanz einer Grossfamilie

Fast alle Kinder haben heute Familien und sich selber an ihren jeweiligen Orten verwirklicht. Sie haben eigene Firmen oder Bauernhöfe. Und Karl und Rita? Sie haben ihre Obstfarm mittlerweile ihrem Jüngsten, Ueli, übergeben und leben den ewigen Sommer: ein halbes Jahr in der Schweiz, das andere in Australien. So verpassen sie keines ihrer vielen Enkelkinder beim Aufwachsen – und müssen nie frieren. Ihr jüngstes Enkelchen Roger, das erste Kind von Ueli und seiner Frau Naomi, ist gerade erst zur Welt gekommen. Davor war der werdende Papa noch kurz daheim in der Schweiz bei seinen Geschwistern zu Besuch – und hat der AZ Freiamt erzählt, wie es ist, als Schweizer in Australien zu leben.

«Den Obstbau muss man im Blut haben»

Ueli Keusch war 12 Jahre alt, als die Familie im Südwesten Australiens, in Donnybrook, rund 30 Kilometer von der Küste, eine Farm bezog. «Mein Vater wollte keine Tiere mehr, also baute er eine Obstanlage auf», erinnert sich Ueli. «Der Ort Donnybrook ist geschätzt etwa so gross wie Bünzen. Wir leben jedoch nicht im Ort selbst, sondern in der Umgebung, mitten im Busch.» Die Farm der Eltern liegt drei Kilometer vom Dorfzentrum entfernt, Uelis heutige Farm ist etwas weiter abseits, knapp 20 Kilometer. Er besuchte die 8. bis 12. Klasse in Australien. «Die 7. Klasse sah ich nie, weder in der Schweiz noch in Australien», berichtet er lachend. 

Drohnenflug über die Obstfarm der Keuschs in Donnybrook – Ueli Keusch kommentiert auf Englisch

Drohnenflug über die Obstfarm der Keuschs in Donnybrook – Ueli Keusch kommentiert auf Englisch

Die jüngeren Keusch-Kinder fanden schnell Anschluss, während die älteren nach wenigen Jahren zurück in die Schweiz gingen. Ueli, dem es immer in Australien gefiel, hätte sich gerne zum Obstbauern ausbilden lassen, «aber eine Lehre dafür gibt es nicht, das muss man im Blut haben, und ich bin ja teilweise damit aufgewachsen».

Nach der Schule arbeitete er elf Jahre lang auf einer grossen Obstfarm, dem damals grössten Pink-Lady-Produzenten der Welt. «Dort habe ich sehr viel gelernt. Und als 26-Jähriger hatte ich schon mein 10-Jahr-Jubiläum, das gibts ja auch fast nie», erzählt er gut gelaunt.«Schweizer sind das Arbeiten gewohnt»

Während der Zeit, als er täglich von daheim zum Obstbauern fuhr, kam er jedes Mal an einem Stück Land vorbei und dachte sich: «So etwas hätte ich irgendwann einmal gerne.» Dass er genau diesen Flecken Erde mit seiner Familie bewohnen und bebauen würde, hätte er nicht gedacht. «Man sagt, wenn man vor dem Kauf eines Stückes Land steht, habe man drei Möglichkeiten: Erstens, man kauft es, macht Geld und schafft es. Zweitens, man geht in Konkurs damit. Oder drittens, man kauft es nicht und ärgert sich für den Rest seines Lebens darüber», sagt er schmunzelnd. Sein Grinsen wird noch breiter, als er hinzufügt: «Als Schweizer, der das Arbeiten gewohnt ist, ist es nicht allzu schwierig, seine australische Konkurrenz hinter sich zu lassen. Da läuft es meist etwas einfacher als in der Schweiz.»

Heiratsantrag kam in der australischen Zeitung

Auf dem Land, das er 2007 erworben hat, hat Ueli Keusch Aprikosen-, Pflaumen-, Nektarinen-, verschiedene Apfel- und Birnbaumanlagen aufgestellt. «Neu versuche ich es ebenfalls mit verschiedenen Avocado-Sorten, Kirschen und Granatäpfeln.»

Der Heiratsantrag von Ueli an Naomi war ein Highlight, das es sogar in die australische Presse geschafft hat.

Der Heiratsantrag von Ueli an Naomi war ein Highlight, das es sogar in die australische Presse geschafft hat.

Seine Frau Naomi, eine Engländerin, die mit ihren Eltern nach Spanien ausgewandert war, hat Ueli im Pub in Donnybrook kennen gelernt, wo sie gearbeitet hat. Sein Heiratsantrag hat es sogar in die australische Presse geschafft: In eines seiner Felder hat er die Worte «Naomi will you marry me?» gemäht, was sie dann als Überraschung aus der Luft betrachten durfte. Die Hochzeit fand 2014 auf Bali statt, eine dreistündige Flugreise entfernt. Dort verbringt das Paar häufig seinen Urlaub. «Für uns ist es nicht weit, und die Verwandten aus Übersee mussten sowieso anreisen, da machte Australien oder Bali keinen grossen Unterschied», erinnert sich Ueli. Heute ist Naomi für den kleinen Roger zuständig. Und für den Obststand unten an der Strasse. Dort können die Leute in Selbstbedienung Früchte vom Hof kaufen.

Für Ueli gibt es kein Zurück in die Schweiz

Angst scheint Ueli Keusch nur vor zwei Dingen zu haben: vor Waldbränden in Australien und dem Autofahren in der Schweiz. «Die Strassen sind so unglaublich eng, da nehme ich lieber den Zug», erklärt er lachend. In Australien werden jährlich gezielte Brandrodungen durchgeführt, damit sich die Brände im Sommer nicht ausdehnen können – dieses Jahr wurde auch ein Stück hinter Ueli Keuschs Farm gezielt abgebrannt.

Aus der Schweiz vermisst er vor allem Salami und Cervelats. Dafür erlebt er in Australien lustige Episoden, wenn beispielsweise ein älteres, verwirrtes Känguru in seinen Obstplantagen herumwuselt. Seine Familie braucht er nicht zu vermissen: «Ich glaube, durch den Familien-Whatsapp-Chat sind wir heute enger miteinander verbunden, als wir es je waren.» Ein Leben in der Schweiz könnte er sich nicht mehr vorstellen. Dafür sorgen unter anderem Naomi und Baby Roger.