Muri

Die kaputte Scheibe bei der Polizei war das Geringste – Alkoholiker erhält eine «letzte Chance»

Rund 800 Franken kostete die Reparatur der eingeschlagenen Scheibe.

Rund 800 Franken kostete die Reparatur der eingeschlagenen Scheibe.

Das kommt nicht alle Tage vor: Das Bezirksgericht Muri bleibt mit dem Strafmass unter dem Antrag der Verteidigung. Er habe die Wahl zwischen einem steinigen Weg nach oben oder einem steilen nach unten, meinte die Bezirksgerichtspräsidentin.

«Es ist wahrscheinlich Ihre letzte Chance», sagte Bezirksgerichtspräsidentin Simone Baumgartner zum Alkoholiker, der in Muri Todesdrohungen gegen verschiedene Personen ausstiess, mutwillig eine Scheibe auf dem Polizeiposten einwarf und schliesslich von sechs Polizisten überwältigt werden musste. Carlo (Name geändert) befindet sich nach einem vorzeitigen Haftantritt in einer stationären Suchttherapie. «Sie sind wahrscheinlich auf dem richtigen Weg», erklärte die Vorsitzende das verhältnismässig milde Urteil.

Der 33-jährige Carlo ist alkoholkrank und hat schon mehrere nicht dauerhafte Entzüge hinter sich. Auch an jenem Mittwoch hatte er viel zu viel getrunken. Er machte sich zu Fuss auf zum Polizeiposten in Muri und warf mit einem Stein ein Fenster ein. Nach kurzer Fahndung konnte er von der Polizei beim Coop Muripark gestellt werden. Allerdings machte er es den am Schluss sechs Polizisten mit massiver Gegenwehr und Angriffen schwer, ihn festzunehmen. Er schlug wild um sich, spuckte die Polizisten an und drohte ihnen, sie umzubringen, wenn er wieder frei wäre und ihnen allein begegne. Den Polizisten gelang es schliesslich nach mehreren Minuten, den Mann zu arretieren.

Es gibt für die Polizei «immer mal wieder Handarbeit», führte der Kantonspolizist aus, was aber längst nicht jedes Mal zu einem Strafantrag führe. Aber hier hätten die Drohungen und die Angriffe ein erträgliches Mass deutlich überschritten. Das sah auch der Staatsanwalt so und beantragte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 16 Monaten, 30 Tagessätze Geldstrafe zu 110 Franken und eine Busse von 500 Franken, unter Anrechnung der ausgestandenen Untersuchungshaft und einer stationären Massnahme. Zudem sei eine bedingt ausgesprochene Strafe wegen eines Gewaltdelikts im Kanton Zürich zu widerrufen und zu vollstrecken.

«Es gibt nichts zu beschönigen», sagte der Verteidiger. Und auch Carlo, der sich an nicht viel erinnert, meinte: «Es ist nicht schön anzuhören, was ich da gemacht habe.» Die neun Monate Haft, die er bereits im vorzeitigen Strafantritt in Lenzburg abgesessen hat, hätten ihm viele Erkenntnisse gebracht. Heute könne er Probleme auch ohne Alkohol meistern, und sein Ziel sei es, mithilfe der Suchttherapie diesen abstinenten Zustand zu festigen und in Zukunft zu halten. Ohne Alkohol gehe es ihm heute recht gut, er habe sogar wieder Kontakt zu seinen Kindern. Sein früherer Arbeitgeber habe ihm nach Verbüssen der Strafe auch wieder Arbeit und Einkommen zugesichert.

Der Verteidiger bekräftigte, dass von Carlo in nüchternem Zustand keine erhöhte Strafanfälligkeit zu erwarten sei und die Prognosen dank der Suchttherapie gut seien. 12 Monate Freiheitsstrafe, bei einer Verlängerung der Probezeit auf drei Jahre, sowie zehn Tagessätze zu 90 Franken seien deshalb genug, selbstverständlich unter Weiterführung der Suchttherapie.

Das Bezirksgericht beschloss einstimmig 10 Monate Freiheitsstrafe und 15 Tagessätze zu 30 Franken sowie eine Busse von 500 Franken. Auch muss Carlo die Kosten für die kaputte Scheibe übernehmen. Auf den Widerruf der bedingt ausgefällten Strafe im Kanton Zürich wird verzichtet, die Probezeit aber um ein Jahr verlängert. Es gebe nichts schönzureden, sagte die Gerichtspräsidentin. «Aber Sie scheinen heute nicht mehr der Mann zu sein, der Sie damals waren. Sie haben Einsichten gewonnen und wollen die getroffenen Massnahmen durchziehen.», erklärte sie. «Ihr Verteidiger hat es gesagt: Sie haben jetzt die Wahl zwischen einem steinigen Weg nach oben oder einem steilen nach unten», fasste Baumgartner zusammen.

Autor

Eddy Schambron

Eddy Schambron

Meistgesehen

Artboard 1