Wohlen
Die Golden Gate Bridge steht in seinem eigenen Garten

Erich Lüthi hat die Hängebrücke von San Francisco massstabgetreu neben seinem Haus in Wohlen nachgebaut. Selber hat der Wohler das Original noch nie gesehen.

Jörg Baumann
Merken
Drucken
Teilen
Erich Lüthi, der fleissige Tüftler und Bastler, im Garten vor seiner Golden Gate Bridge.

Erich Lüthi, der fleissige Tüftler und Bastler, im Garten vor seiner Golden Gate Bridge.

BA

Fast keiner kennt die Golden Gate Bridge in San Francisco so gut wie der Wohler Erich Lüthi. Der 56-jährige Maschinenführer baute die imposante Hängebrücke, an der der Schweizer Ingenieur Othmar Ammann massgeblichen Anteil hatte, im verkleinerten Massstab 1:22 nach und stellte sie in den Garten seines Hauses an der Zentralstrasse.

Noch nie in San Francisco

Lüthi erinnert sich: «Ein Jahr lang verwendete ich jede freie Minute, auch an den Wochenenden, um an meiner Golden Gate Bridge zu bauen.» Dabei hat Lüthi die echte Brücke noch nie aus der Nähe gesehen. «Einmal möchte ich nach San Francisco fliegen, die Golden Gate Bridge berühren und sie überqueren. Das ist mein Lebenstraum. Doch vorläufig fehlt mir das Münz dazu.»

Schon als Kind war Lüthi von der Golden Gate Bridge fasziniert. «Ich habe sie im Fernsehen und auf Fotografien gesehen und ihre Schönheit und Eleganz immer bewundert», sagt er. Bis er den Plan fasste, die Brücke nachzubauen, sollte viel Zeit vergehen. Doch vor elf Jahren war es so weit: «Mein Schulkollege Ludwig Hunziker aus St. Gallen zeichnete für mich die Baupläne. Er nahm Fotografien zu Hilfe und übertrug die Masse im verkleinerten Massstab auf die Pläne.»

Aus Styropor, das ihm seine Arbeitgeberfirma Swisspor AG in Boswil schenkte, konstruierte Lüthi zuerst ein noch viel kleineres Modell, «um zu testen, wie die Brücke sich vor meinen Augen präsentiert». Dann begann für ihn die eigentliche Arbeit. Aus Materialien, die Lüthi bei anderen Firmen zusammenbettelte, entstanden die sechseinhalb Meter lange Fahrbahn, die Masten, die Aufhängevorrichtungen und die todsicher erdbebensicheren Fundamente, die in der Tiefe von einem Meter im Boden verankert wurden. Die orange Farbe für die Hängebrücke – im Fachjargon «Internationales Orange» – besorgte ein Kollege von Lüthi in Amerika. Denn in der Schweiz kann man die Farbe nicht kaufen.

Als die Hängebrücke nach einem Jahr fertig war, liess Lüthi die Fantasie spielen: Er liess nicht wie beim Original in San Francisco Autos über die Brücke fahren, sondern montierte Eisenbahnschienen auf die Fahrbahn und lässt seitdem einen US-amerikanischen Dieselgüterzug die Brücke überqueren. Lüthi entschuldigt sich fast: «Ich bin eben auch Hobbyeisenbahner und nicht nur Brückenbauer.» Die US-Diesellok klingt wie eine richtige Lokomotive: Man hört eine Stimme, die das Abfahrtssignal gibt, dann beginnen die Dieselmotoren gut hörbar zu laufen.

Wohlen soll für Attraktion werben

Als Vorbrücke zu seiner Golden Gate Bridge baute Lüthi die Landwasserbrücke der Rhätischen Bahn bei Chur nach. Über sie zirkuliert eine Komposition der berühmten Schweizer Alpenbahn mit drei Pullman-Wagen und einem Postwagen, gezogen vom «Krokodil», der prominentesten Lokomotive der SBB. Im Abstand von einigen Metern klettert auch die nachgebaute Schöllenenbahn den Berg hinauf. So ist im Garten von Erich Lüthi mit den Jahren ein wahres Eisenbahn- und Brückenparadies entstanden.

Auf eines legt Lüthi besonderen Wert: «Ich baute im Schienennetz nur Handweichen und keine automatischen Weichen ein. Ich muss doch etwas zu tun haben, wenn ich die Eisenbahnanlage laufen lasse.» Aus der Arbeit kommt Lüthi ohnehin nie heraus: «Ich muss die Schienen jedes Jahr einmal gründlich vom Strassenstaub reinigen.» Und er ist überzeugt, dass er noch sein ganzes Leben an der Anlage weiterbauen wird. «Diese wird nie fertig.»

Gerne würde er die Gemeinde Wohlen davon überzeugen, dass sie seine Anlage als Attraktion von Wohlen auf die Homepage stellt. «Aber ich gehe erst fragen, wenn die Anlage vollständig aufgeräumt ist und sich für ein Bild gut präsentiert», sagt er lachend.