Freiamt

Die Geschichten von Vertriebenen: Wenn Flüchtlinge zu Menschen werden

Vier syrische Flüchtlinge spielen die Geschichten, die andere Flüchtlinge erzählt haben, als Theater nach – das Buch dazu erscheint morgen Freitag.

Vier syrische Flüchtlinge spielen die Geschichten, die andere Flüchtlinge erzählt haben, als Theater nach – das Buch dazu erscheint morgen Freitag.

Mit Buch, Film und Theater zeigen Josefine Krumm und ihr Team die Geschichten von Vertriebenen auf

Viele Menschen haben Angst vor Flüchtlingen. Sie seien selber schuld an ihrer Misere, kosten nur viel und seien Schmarotzer, wenn nicht gar Kriminelle. Doch Flüchtlinge sind in erster Linie eines: Menschen. Das will das Theaterteam um die Sarmenstorfer Künstlerin Josefine Krumm verdeutlichen.

Mit dem Projekt «Liebe Andere» sind ein Büchlein, ein Film und ein Theaterstück entstanden, die den Zuschauern und Lesern Schicksale von Flüchtlingen aufzeigen und diese Fremden zu Menschen machen können. 24 Geschichten beinhaltet das Büchlein. H. aus Syrien fragt sich darin: «Ich bin der Schweiz dankbar, weil ich hier bin. Aber meine Stadt – warum nicht Krieg fertig?» Und N. aus Pakistan berichtet, wie schlimm es in seiner Heimat zugegangen sei, und wie froh er ist, in der Schweiz sein zu dürfen: «Hier Kinder schlafen gut. Ich bin sehr glücklich. Danke an alle Menschen hier.»

Frei von der Leber weg

Diese Geschichten wurden nicht in Interviews erfragt oder vorbereitet, sondern an sechs Playback-Theatervorstellungen frei von der Leber weg erzählt. «Beim Playback-Theater wird das Publikum dazu aufgefordert, etwas zu erzählen. Die Schauspieler auf der Bühne spielen das dann direkt nach», erklärt Krumm.

touch base with someone

touch base with someone

500 Personen erreichten die Theaterschaffenden der Gruppe Gehdicht an sechs Vorführungen. Vor allem waren das Mitglieder und Betreute der Freiwilligenorganisationen Jugendrotkreuz, ProgrammBBB (Asyl mit Bildung, Begleitung, Beschäftigung) und Netzwerk Asyl. «Sie haben anstelle von anderen Aktivitäten für einmal einen Ausflug zu uns ins Playback-Theater gemacht und dort ihre eigenen Erlebnisse und Geschichten in ihren eigenen Worten geschildert», berichtet Krumm.

«Diese haben wir aufgenommen, transkribiert und 24 davon in unser Büchlein verpackt.» Dabei sind Geschichten von Menschen aus Afghanistan, Äthiopien, Eritrea, dem Kosovo, Pakistan, Somalia, Sri Lanka, dem Sudan und Syrien zusammengekommen.

Warum herrscht dort Krieg?

Teilweise erscheinen die Sätze bruchstückhaft, da die Sprechenden Deutsch noch nicht gut beherrschen. «Umso mehr konzentrieren sich die Geschichten meist auf das Wesentliche.» Wie wurden sie ausgewählt? Josefine Krumm zeigt auf ihr Herz. «Ich wollte Menschen aus verschiedenen Nationen drin haben.

Einige Begegnungen waren so stark, dass sie einfach hinein mussten.» R. aus Afghanistan fragt sich beispielsweise, warum in seinem wunderschönen Land seit 40 Jahren Krieg herrscht, während die Schweiz im Frieden lebt. Er hat seine Antwort gefunden: «Da ist Mensch alle sehr lieb. Immer denken zum weiter Mensch.

Denken nicht nur selber. Das ist sehr schön. Ich liebe das!» Solche Aussagen geben Hoffnung. Doch auch Hoffnungslosigkeit ist im Büchlein enthalten. K. aus Eritrea hat beispielsweise seine beiden Töchter auf Überfahrten verloren, eine auf einem Schiff von Libyen, die andere flüchtete über den Landweg und wird ebenfalls vermisst. «Ich suche heute noch nach ihr. Ich kann sie nicht finden», sagt er.

Flüchtlinge auf der Bühne

Nach der Buchvernissage im Wohler Strohmuseum geht die Theatergruppe auf kleine Tournee. Dabei sind die Vorstellungen zweigeteilt: Die erste halbe Stunde ist ganz den Geschichten im Buch gewidmet.

Dabei sind es keine ausgebildeten Schauspieler, die die Bühne füllen: «Vier junge Flüchtlinge aus Syrien, von denen zwei im Freiamt untergebracht sind, ein weiterer im Gops Baden, spielen die Erinnerungen und Gedanken, die im Buch festgehalten wurden, nach», sagt Krumm.

«Das schien uns am passendsten, und sie sind ebenfalls begeistert vom Projekt. Ausserdem können wir so noch deutlicher zeigen, dass Flüchtlinge einfach nur Menschen wie du und ich sind.» Der zweite Teil der Vorstellung wird dann wieder vom Playback-Theater Gehdicht bestritten.

Und als drittes Element soll im September 2017 ein Dokumentarfilm über das Projekt erscheinen. Die Walliser Filmemacherin Fabienne Mathier hat die Entstehung von «Liebe Andere» filmisch begleitet. «Dadurch, dass wir es auf drei Medien abstützen, hoffen wir, so viele Menschen wie möglich zu erreichen.»

Buchvernissage «Liebe Andere»
morgen Freitag, 11. November, 20 Uhr, Strohmuseum im Park, Wohlen. Mehr Infos unter www.gehdicht.ch

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1