Seit 2014 gilt im Aargau das neue Rechnungsmodell HRM2. Damit hat sich die Abschreibungspraxis der Gemeinden radikal geändert. Neu sind die Abschreibungsdauern exakt vorgeschrieben: Bei einer Kanalisation beispielsweise 50 Jahre, bei Hochbauten 35 Jahre. Fahrzeuge sind nach 5 Jahren «wertlos», Computer nach 3 Jahren.

Gegenüber der früheren Praxis sind die Gemeinden jetzt zu jährlichen Abschreibungen gezwungen, die als Betriebsaufwand verbucht werden müssen und die Erfolgsrechnung schmälern.

Nun sind diese Abschreibungen jedoch keine tatsächlichen Ausgaben. Damit die Rechnung am Schluss trotzdem aufgeht, dürfen die Gemeinden in die buchhalterische Trickkiste greifen. Das Zauberwort heisst Aufwertungsreserve. Sie kann verbucht werden, wenn die Abschreibungen mit dem neuen System höher sind als bisher.

Um 2,5 Mio. Franken aufgewertet

Ohne eine Entnahme aus dieser Aufwertungsreserve müsste Wohlen in der Jahresrechnung 2016 einen Aufwandüberschuss von rund 103'000 Franken ausweisen. Dank dem buchhalterischen Zustupf ist daraus jetzt ein Plus von 2,4 Mio. Franken geworden. Veranschlagt gewesen ist ein Ertragsüberschuss von 1,5 Mio., die Rechnung schliesst somit um rund 0,9 Mio. Franken besser ab als erwartet.

Verantwortlich dafür sind tiefere Ausgaben in verschiedenen Bereichen. Beim Personal sind es rund 370'000 Franken, primär wegen tieferer Arbeitgeberbeiträge und höherer Familienzulagen.

Beim Sachaufwand wurden gegenüber dem Budget knapp 870'000 Franken eingespart, das vor allem beim Unterhalt Hoch- und Tiefbauten, beim Betriebs- und Verbrauchsmaterial, bei den Lehrmitteln, beim Gemeindebeitrag Spitex, den Honoraren für externe Berater und Gutachter, den Spesenentschädigungen sowie beim Posten Schulreisen und Lager.

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... stark ist die Broschüre mit Geschäftsbericht und Jahresrechnung, welche der Gemeinderat Wohlen am Donnerstag präsentiert hat. Zusammengestellt wurde das spannend und grafisch gut aufgemachte Werk einmal mehr von Gemeindeschreiber-Stellvertreterin Michelle Steinauer.

Auch wenn der Aufwand dafür gross sei, wolle man am Geschäftsbericht in dieser Form festhalten, erklärte Vizeammann Paul Huwiler: «Das ist eine gute Form der Geschichtsschreibung.» Der Geschäftsbericht mit Jahresrechnung kann ab sofort auf der Gemeindeverwaltung bezogen werden. Ab Mitte nächster Woche ist er unter www.wohlen.ch auch online aufgeschaltet. (to)

Die Besoldungsanteile für Lehrpersonen sind um 223'000 Franken tiefer ausgefallen, der Beitrag an die Sanierung von Kantonsstrassen um 112'000 Franken und jener an den öffentlichen Verkehr um 238'000 Franken.

Tiefer als veranschlagt sind auch die Leistungen für wirtschaftliche Hilfe, Asylwesen, Alimentenbevorschussung und Familien (79 000 Franken) sowie der Zuschuss an die Abfallwirtschaft (89 700 Franken).

Höhere Kosten gab es bei der Pflegefinanzierung (von der Gemeinde nicht beeinflussbare Ausgaben von 251 000 Franken) bei der Repol (u. a. tiefere Busseneinnahmen infolge weniger Kontrollen) sowie bei der Entschädigung an den KESD (173 000 Franken, einmalige kostenträchtige Umstrukturierung).

Und schliesslich bleiben auch die veranschlagten Einnahmen bei den Schulgeldern (–173 700 Franken), beim Zinsertrag (–96 200) sowie den Parkplatzgebühren (–66 400) unter Budget.

Die Lage bleibt angespannt

Wie geht es weiter? Der buchhalterische Trick mit der Aufwertungsreserve ist vom Kanton vorerst bis 2018 erlaubt worden. Inzwischen zeichnet sich ab, dass er – in beschränktem Umfang – noch ein paar Jahre länger angewendet werden darf, bis sich der Modus mit dem neuen Abschreibungsmodell ausgeglichen hat.

Die finanzielle Lage in Wohlen bleibt dennoch angespannt. Der Selbstfinanzierungsgrad ist zwar gegenüber dem Voranschlag um knapp 2,2 Mio. auf 4 Mio. Franken gestiegen, mit 49,16% aber immer noch vergleichsweise tief. «Es muss unser Ziel sein, die Selbstfinanzierung in den nächsten Jahren wenigstens auf diesem Niveau zu halten, wenn wir uns nicht komplett überschulden wollen», erklärt Finanzminister Roland Vogt.

An die Investitionen von jährlich rund 12 Mio. Franken, die in der nächsten Zeit laut Finanzplan vorgesehen sind, müssten somit jedes Jahr rund 6 Mio. aus eigenen Mitteln beigesteuert werden können. «Das wird nicht einfach, und da hilft uns auch der neue Finanz- und Lastenausgleich nicht aus der Klemme», sagt Vogt.

Beim Steuerertrag gab es eine Punktlandung wie schon in den Vorjahren: «Mit 37,178 Mio. Franken haben wir den budgetierten Betrag von 37,150 Mio. leicht übertroffen», so Vogt. Mehr wäre wünschenswert, aber immerhin sei der Gemeindesteuer-Ertrag innerhalb von zwei Jahren doch um rund 1,5 Mio. Franken gestiegen – beim gleichen Steuerfuss.

Ross nicht am Schwanz aufzäumen

Apropos Steuerfuss: Dazu äusserte sich Vizeammann Paul Huwiler im Zusammenhang mit der von den SVP-Einwohnerräten Marco Palmieri und Christian Lanz eingereichten dringlichen Motion unmissverständlich: «Erst muss budgetiert und dann darüber diskutiert werden, was von den dort vorgesehenen Ausgaben wir uns leisten können und/oder noch leisten wollen. Darauf gestützt, wird der Steuerfuss festgelegt. Umgekehrt geht es nicht, sonst zäumen wir das Ross am Schwanz auf.»

Für den Wohler Gemeinderat sei zudem auch der im neuen Finanzausgleich vorgesehene Steuerfussabgleich von 3% sakrosankt: «Den muss man nicht mit einer Motion separat einfordern. Wenn wir diesen Abgleich nicht gewähren können, dann müssen und werden wir eine Steuerfusserhöhung beantragen», sagte Huwiler.