Wohlen
Die Freiämter Fahnenschwingerin: Eine Rarität unter den Raritäten

Die Wohlerin Maria Würsch schwingt Fahne – als einzige Frau im Verband der Nordwestschweiz.

Fabio Vonarburg
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Es grenzt an ein Wunder, dass in der Wohnung von Maria Würsch noch nichts in die Brüche ging. Denn die Wohlerin nutzt ihre Wohnung ab und zu für kurze Trainingseinheiten. Bei Hobbys wie Yoga, Kreuzworträtsel oder Krafttraining wäre dies alles andere als gefährlich; weder für Fernseher, Vasen noch Geschirr. Doch Maria Würsch ist Fahnenschwingerin. Ihre Dachstockwohnung in Wohlen ist hoch und eignet sich «zumindest zum kurzen Ausprobieren von Schwüngen». Die Wohnung habe sie aber nicht nach der Höhe der Decke ausgesucht, sagt sie und lacht.

Normalerweise trainiert Maria Würsch auf der Wiese vor ihrem Wohnblock, vorwiegend aber in einer der beiden Trainingshallen der Fahnenschwinger-Vereinigung Nordwestschweiz im Kanton Aargau. Hier trifft sie sich zweimal in der Woche mit ihren Fahnenschwingerkollegen, um an ihren Schwüngen zu üben. Dem Verband, der sich über die Kantone Aargau, Solothurn und beide Basel erstreckt, gehören rund 20 Fahnenschwinger an. Maria Würsch wurde diesen Monat als erste Frau als aktive Fahnenschwingerin aufgenommen. Eine Ehre? «Es verändert nichts, sondern hat für mich vor allem eine formelle Bedeutung», sagt Würsch. Denn: «Ich war schon die letzten Jahre gut in der Gemeinschaft aufgenommen.» Als nun aktive Fahnenschwingerin in der Fahnenschwinger-Vereinigung des Nordwestschweizerischen Jodlerverbands dürfte sie auch an Wettkämpfen teilnehmen, wie zum Beispiel im nächsten Juni am 30. Nordwestschweizerischen Jodlerfest in Rothrist. «Aber ich weiss noch nicht, ob ich das will. Mir macht es vor allem Spass, vor Publikum aufzutreten.

Ihr 90-jähriger Verbandskollege war zuerst skeptisch. Früher sei er dagegen gewesen, dass Frauen auch den Brauch ausführen, berichtet Maria Würsch, doch kürzlich habe er zu ihr gesagt: «Wenn ich euch Frauen zuschaue, muss ich sagen, ihr macht das gut.» Nur auf nationaler Ebene reicht es für ein Frauentrüppchen. Es gibt rund fünf aktive Fahnenschwingerinnen in der Schweiz. Unter ihnen die Thurgauerin Erna Fischbacher, die 2011 als erste Frau am Wettkampf bei einem Eidgenössischen Jodlerfest teilnahm.

Häufig sei für Frauen die Kraft das Problem, berichtet Würsch. Die Fahne ist 1,20 Meter auf 1,20 Meter gross und recht schwer, vor allem dann, wenn man sie in die Luft schleudern muss. «Für mich ist Fahnenschwingen Sport», sagt Würsch. «Man kommt dabei schnell ins Schwitzen.» Dies liegt aber auch am Sennenhemd, das die Nordwestschweizer beim Fahnenschwingen tragen. Alles andere als ein atmungsaktives Kleidungsstück.

Ein Fahnenschwinger trainiert nicht nur mit der Fahne, unverzichtbar sind auch Balance- und Kraftübungen. Nebst starken Oberarmen sind muskulöse Oberschenkel und eine kräftige Fingermuskulatur gefragt. Ihr Hobby hat Maria Würsch stärker gemacht. «Ich stand einmal vor den Spiegel und dachte, ich habe ja Muskeln!»

Ihr neues Hobby entdeckte sie vor sechs Jahren in einem Kurs der Volkshochschule, an dem man Traditionen wie Talerschwingen oder eben Fahnenschwingen ausprobieren konnte. «Beim Fahnenschwingen hat es mir den Ärmel reingezogen.» Leicht fiel ihr der Beginn nicht. Sie sei kein Bewegungstalent, sagt sie. «Meine Mutter hat immer zu mir und meiner Schwester gesagt: ‹Wir haben einen Elefanten und eine Gazelle in der Familie.› Ich war der Elefant.» Davon ist beim Fahnenschwingen nichts zu sehen. Würsch zählt sich selber noch zum Nachwuchs. Es gebe Techniken, die sie nie beherrschen werde. «Viele Schwünge sind aber einfach und sehen toll aus.» Dass sie erst so spät zu ihrer Leidenschaft fand, ist nicht ungewöhnlich. Viele der wenigen Frauen begannen erst nach 45 mit Fahnenschwingen. «Einige wegen ihrem Mann, der Alphorn bläst. Das sieht mit einer Fahnenschwingerin nebendran einfach besser aus.»

In der Familie von Würsch war niemand Fahnenschwinger, sie wuchs aber auf einem Bauernhof auf. «Man muss schon bodenständig sein, um das Hobby auszuüben.» Bisher trat Würsch vor allem an Jodlerfesten und am 1. August auf, dem strengsten Tag des Jahres. Jeweils von 10 Uhr morgens bis 11 Uhr abends sind dann die Fahnenschwinger unterwegs und reisen von Auftritt zu Auftritt. «Am 1. August herrscht akuter Mangel an Fahnenschwingern», sagt Würsch. Wenn die Fahnenschwinger unterwegs sind, werden sie häufig um einen kurzen Jodel gebeten. «Die Leute denken, wer Fahnen schwingt, kann auch jodeln», sagt Würsch, die den Wunsch jeweils nicht erfüllen kann. «Von Jodlern wird lustigerweise nicht verlangt, sie sollen doch mal Fahnen schwingen.» Doch eines möchte Würsch lernen: einen richtigen Juchzer.

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