Fünfte Jahreszeit
Die Fasnacht im Freiamt ist schön – doch wo ist sie am schönsten?

Ganz egal ob Dottikon, Hägglingen, Muri oder Sarmenstorf: Am Schmutzigen Donnerstag beginnt die fünfte Jahreszeit – für viele Freiämterinnen und Freiämter die schönste.

Toni Widmer
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In Muri findet in regelmässigen Abständen das grösste Guggentreffen der Schweiz statt.

In Muri findet in regelmässigen Abständen das grösste Guggentreffen der Schweiz statt.

André Albrecht

Wo ist die Freiämter Fasnacht am Schönsten? «Welche Frage, in Sarmenstorf natürlich!», sagen die Sarmenstorfer. Am Maiengrün hächelt man dagegen: «Was, Fasnacht in Sarmenstorf? Keine Konkurrenz für uns. Die haben ja nicht mal eigene Ideen. Vor drei Jahren haben sie sogar den von uns erfundenen Nachtumzug nachgemacht, ohne zu fragen», wehren sich die Hägglinger.

Die Dottiker spitzen ihre Rüebli-Ohren: «Fasnacht in Hägglingen? Häh, häh! Die versuchen es seit Jahrzehnten und schaffen es noch immer nicht! Warum wohl machen die einen Nachtumzug? Damit sie ihre lausig gemachten Wagen in der Dunkelheit verstecken können.» Die Antwort vom Berg kommt sofort: «Wir können wenigstens noch Fasnachtswagen bewegen, die Rüebli-Gruftis schieben nur noch Rollatoren.»

In der südwestlichen gelegenen Bünztaler Gemeinde güüggt man Beifall: «Wer richtige Freiämter Fasnacht erleben will, der geht sicher nicht nach Hägglingen oder Dottikon, der kommt nach Villmergen. Bei uns geht’s noch richtig heidnisch zu.» Die stolzen Wohler Kammerherren spotten: «Ja, in der Steinzeit stecken geblieben ist die Villmerger Fasnacht. Bei uns hingegen hat sie noch Stil und die Prominenz am Kammerball reservierte Plätze. Und nur in Wohlen gibt es Fasnachts-Wienerli aus Geflügelfleisch.» Die Göttibuben klatschen Beifall. Obwohl auch sie, wie die Dottiker Rüebli-Gruftis, zu den aussterbenden Fasnachtsgattungen gehören.

Verschwunden und wieder auferstanden

In den letzten Zügen liegt in Wohlen auch der einst aus dem grossen Kanton importierte Brauch der Fasnachtseröffnung vom 11.11. Die Nordfäger, welche diesen Anlass (noch) organisieren, gehörten früher zu den grössten Guggenmusiken im Freiamt. Heute ist die Clique auf eine Handvoll Mitglieder geschrumpft und kann an Martini nicht mal mehr die Mäuse am Bärenplatz erschrecken.

Vorübergehend verschwunden war auch die einst blühende Fasnacht in Berikon. Weil Geld und Helfer fehlten, gab es 2019 keinen Hexenmeister. Engagierte Berikerinnen und Beriker haben inzwischen dafür gesorgt, dass es wieder einen Kinderumzug und einen Ball gibt. Auch im Nachbardorf Widen gibt es närrisches Treiben. Allerdings erst, wenn die anderen Freiämter Närrinnen und Narren ihre Kater schon längst wieder versorgt haben. Alte Fasnacht eben.

Apropos Oberfreiamt: Dort hat man es nicht so mit Zünften wie in Hägglingen, Dottikon oder Sarmenstorf. Und auch nicht mit Herren wie in Wohlen oder Heiden und 50-jährigen Güggibuben und -meitli wie in Villmergen. Dort gibt es mit Muri-Adelburg, Muri-Neuenburg und Muri-Wien gleich drei historische Dorfteil-Fasnachtsgesellschaften und mit der Réunion eine ganz spezielle Beizenfasnacht. Weiter gehören Gängeli und Styfeliriter zu den ältesten Freiämter Guggenmusiken. Die Gängeli organisieren mit dem «Monster» im Klosterhof in regelmässig das schweizweit grösste Guggertreffen mit über 1500 Teilnehmenden.

Die Guggen haben die Fasnacht verändert

Die Anfänge der Guggenmusik in der Schweiz gehen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Laut Wikipedia hat 1874 eine erste Blaskapelle am Basler Morgestraich teilgenommen. Weil es heftige Proteste gab, wurde diese Art von Musik verboten und erst kurz vor der Jahrhundertwende wieder erlaubt. Von Basel aus hat sich der Guggenbrauch später auf die übrigen Schweizer Fasnachtsregionen ausgedehnt. Zuerst in die Innerschweiz, vor rund 50 Jahren dann schliesslich auch ins Freiamt.

Die Guggen haben die Fasnacht verändert. Vor allem, als es Mode geworden ist, an jedem Ball gleich mehrere von ihnen auftreten zu lassen. Das frühere rege Maskentreiben ist dadurch vielenorts weitgehend aus den Ballsälen verdrängt worden. Dabei war für die «richtigen» Närrinnen und Narren einst genau das der Inbegriff für Fasnacht.

Meine Mutter beispielsweise hat Jahr für Jahr mit ihren Kolleginnen und Kollegen jeweils schon nach Weihnachten mit dem Büezen der neuen Gwändli begonnen. Und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die verrückten Weiber einmal als Bauern verkleidet mit einer Gruppe (lebender!) Geissen im legendären Adlersaal eingelaufen sind. Man stelle sich vor, wie diese Viecher, denen es schon damals im Ballsaal nicht geheuer war, unter dem heutigen gewaltigen Lärm leiden würden.

Eine Bereicherung an den Umzügen

Nichts gegen Guggenmusiken an den Umzügen. Dort sind sie eine echte Bereicherung. In mehreren Freiämter Gemeinden finden im regelmässigen Turnus grosse Fasnachtsumzüge statt. So in Wohlen (dieses Jahr am 23. Februar) und in Hägglingen (war schon am vergangenen Samstag), in Sarmenstorf, in Hägglingen, in Muri und auch in Bremgarten. Und welcher Fasnachtsumzug ist der schönste und grösste in der Region? Ganz klar: Immer jener, der gerade stattfindet.

Was halten Sie von der Tradition der Fasnacht?

Christine Keller, 69, Wohlen: «Die Fasnacht hat mich früher sehr interessiert. Die Atmosphäre ist einfach toll. Ich mag auch die Musik und die verschiedene Guggen, die zur Fasnacht einfach dazugehören. Früher habe ich in Basel gewohnt und besuchte dort oft die Fasnacht. Auch in Zürich war ich schon an der Fasnacht, aber im Freiamt noch nie. Mittlerweile gehe ich auch nicht mehr an Umzüge.»
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Nicole Stutz, 34, Muri: «Ich finde die Fasnacht eine super Sache, dann läuft hier mal endlich etwas. Ich selbst gehe aber nicht mehr, seitdem ich Kinder habe. Das wäre zu viel. Früher habe ich vor allem die verschiedenen Bälle toll gefunden. Ich ging immer an die Stiefelinacht in Muri. Einmal habe ich mich sogar für eine Gugge angemeldet, ging aber am Ende dann doch nicht in die Proben.»
Alpay Öztürk, 22, Villmergen: «Ich war zwei Mal an der Fasnacht wegen meiner Mutter. Mir sagt das Ganze aber nicht so zu. Ich mag einfach keine grossen Menschenmassen. Wirklich etwas dagegen habe ich aber nicht, das ist nun mal jedem selbst überlassen. Würde die Tradition aussterben, hätte ich aber auch keine grossen Einwände.»
Urs Kuhn, 67, Wohlen: «Früher war ich aktiver Fasnächtler, aber das ist sicher schon 20 bis 30 Jahre her. Ich war Lehrer und wir hatten eine Schüler-Lehrer-Gugge. Später war ich noch in einer ganz kleinen, inoffiziellen Gugge mit etwa zehn Leuten. Das Am besten finde ich Beizenfasnacht, wenn die Lokale mit den Guggen zusammen etwas machen. Heutzutage gibt es das noch in der Kulturbeiz in Wohlen, sonst kaum noch.»
Adonia Mpliamplias, 23, Wohlen: «Da bin ich ganz neutral eingestellt. Ich bin selbst keine Fasnächtlerin, aber früher war ich ab und zu mit Kollegen mit dabei. Auch heutzutage geh ich noch, wenn ein paar Bekannte mitkommen. Es ist eine coole Sache und eine herzige Tradition. Es wird einfach für meine Verhältnisse zu viel Alkohol getrunken.»
Susanne Bossart, 64, Bremgarten: «Fasnacht ist überhaupt nicht meins. Ich finde es aber trotzdem schön, wenn Leute dabei Spass haben. Ich komme ursprünglich aus einer reformierten Gemeinde, da kennt man die Tradition weniger. Man sollte den Brauch aber trotzdem unbedingt beibehalten. Er verleiht dem Jahr einen Rhythmus, da stört es mich auch nicht, wenn es mal lauter ist und ich deswegen nicht einschlafen kann.»

Christine Keller, 69, Wohlen: «Die Fasnacht hat mich früher sehr interessiert. Die Atmosphäre ist einfach toll. Ich mag auch die Musik und die verschiedene Guggen, die zur Fasnacht einfach dazugehören. Früher habe ich in Basel gewohnt und besuchte dort oft die Fasnacht. Auch in Zürich war ich schon an der Fasnacht, aber im Freiamt noch nie. Mittlerweile gehe ich auch nicht mehr an Umzüge.»

Simon Kuhn