Sie liegen auf dem Bauch, Schulter an Schulter, im Halbkreis. Der hinterste beginnt, über die Rücken der anderen zu robben und schliesst sich auf der gegenüberliegenden Seite an.

So bewegt sich die menschliche Raupe unter Kichern, Prusten und Stöhnen durch den Raum. Das soll Kampfsport sein? «Nein, Kampfkunst», präzisiert Instruktor Michael Klein, der in Muri unterrichtet.

«Im Kampfsport gibt es Regeln, bei Systema nicht. Regeln beschneiden den Kampf.»

Das Übereinanderklettern diene dazu, Berührungsängste abzubauen. «Der Körper soll sich daran gewöhnen, dass ein Schlag nichts Ungewöhnliches ist. Das macht man, indem man ihn zuerst daran gewöhnt, dass er berührt wird.»

Systema

Systema


Mobilität statt Stabilität

In Russland gehört Systema zur Ausbildung der Spezialtruppen des militärischen Geheimdienstes. Es ist eine Anleitung zur Selbstverteidigung. Der grösste Unterschied zu gängigen Kampfsportarten sei die Mobilität, sagt Klein: «Kampfsportarten suchen Stabilität in der Mitte, indem man tief steht. Wir versuchen, immer in Bewegung zu bleiben.»

Wenn man sich frontal hinstelle, habe das auch die Signalwirkung, dass man kämpfen wolle. «Das wollen wir aber gar nicht.» Eine weitere Eigenheit von Systema: «Ich möchte zu meinem Gegner so lieb sein wie nur möglich.

Dann sind meine Schläge am härtesten.» Klein meint damit auch die psychologische Komponente der Kampfkunst. Er versuche, mit Gleichmut in den Kampf zu gehen. «Wut oder Angst darf einem nicht beherrschen.»

Das Dümmste, was man machen könne, sei jemanden zu schlagen, der einem nichts gemacht habe. «Vielleicht beleidigt der mich ja nur, weil er verbal eine Niete ist. Wenn ich ihm dann eine reinhaue, eskaliert die Situation.»

Klein lehrt seinen Schülerinnen und Schülern, wie sie sich auf der Strasse verteidigen können, aber auch, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Wenn nötig den Gegner gezielt ausser Gefecht zu setzten und davon zu laufen. Das spürt man im Training: Die Schläge sind teilweise hart, die Stimmung aber gut. «Das ist Systema, die Leute werden geschlagen, aber lachen trotzdem», sagt Klein mit einem Augenzwinkern.

So entspannt wie möglich

Grosses Gewicht wird bei Systema auch auf die Atmung und die Entspannung gelegt. «So gespannt wie nötig, so entspannt wie möglich», sagt Klein. In einer nächsten Übung müssen seine Schüler ihren Partner oder ihre Partnerin schlagen.

«Nicht mit voller Wucht, aber ihr dürft schon ein bisschen geben.» In der Kampfkunst Systema wird niemals Kraft gegen Kraft eingesetzt und Angriffe werden nicht abgeblockt, sondern umgeleitet. Die Trainingspartner laufen rückwärts oder weichen zur Seite aus, versuchen entspannt zu bleiben und dem Schlag nachzugeben, anstatt dagegen zu halten.

«Wenn der Körper weich ist, dann hat der Schlag auch viel weniger Wirkung», sagt Klein. Er trainiert seit acht Jahren Systema, seit 22 Jahren ist er Kampfsportler.

Judo, Kickboxen, Ringen, Wing Chun, die Liste ist lang. «Es sind schlussendlich nur unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel – es gibt keine ‹beste› Kampfsportart. Aber man muss Spass daran haben, wenn man trainieren will.»