Familienberatung

Die Beratungsstellen im Freiamt stehen vor grossen Veränderungen

Das Team der Jugend-, Ehe- und Familienberatung des Bezirks Muri: Heidi Baumgartner, Noemi Friedli, Stellenleiter Peter Wiederkehr und Karin Mooses

Das Team der Jugend-, Ehe- und Familienberatung des Bezirks Muri: Heidi Baumgartner, Noemi Friedli, Stellenleiter Peter Wiederkehr und Karin Mooses

Mit der Neuschaffung der Familiengerichte und der Einführung des gemeinsamen elterlichen Sorgerechts geht ein wesentlicher Umbruch für die Jugend-, Ehe- und Familienberatungsstellen einher. Die Beratungsstellen orientiert sich neu.

Peter Wiederkehr, Leiter der Beratungsstelle im Bezirk Muri, ist vom Umbruch überzeugt. Da die personellen Ressourcen kaum ausgebaut werden, «wird es zu grossen Veränderungen bei der Schwerpunktsetzung in den Beratungsstellen kommen».

Die gemeinsame elterliche Sorge für das Kind bei einer Trennung oder Scheidung ist heute auch politisch unbestritten. «Aber sie ist zum Teil mit überhöhten Erwartungen besetzt», befürchtet Wiederkehr, «die Last der Kinderbetreuung wird nach wie vor überwiegend von den Frauen bewältigt werden – mit allen Nachteilen, die sich daraus für sie beruflich ergeben.»

In der Jugend-, Ehe- und Familienberatung des Bezirks Muri haben es die Beratenden mit 20 bis 30 Prozent hochkonflikthaften Trennungen zu tun; die Eltern schaffen es nicht, eine Trennung so zu bewältigen, dass sie Eltern- und Paarebene auseinanderhalten können. «Es ist eine falsche Annahme, mit der gemeinsamen elterlichen Sorge seien die Probleme dieser hochkonflikthaften Eltern und insbesondere ihrer Kinder gelöst.» Mit diesen Herausforderungen müssten Beratungsstellen und Familiengerichte umgehen lernen. Konkret heisst das für die Beratenden, dass sie elterliche Konflikte noch spezifischer und noch differenzierter anschauen und Interventionsmassnahmen noch besser planen müssen. «Wir werden genauer hinsehen müssen, wo Ressourcen vorhanden sind für eine Entwicklung und wo nicht.»

Dabei muss der Fokus gezielt auf das Kindeswohl gerichtet und die Kinder müssen in die Beratung stärker einbezogen werden. Das erfordert einen höheren Zeitaufwand. Anstelle des gemeinsamen Elterngesprächs treten bei hochstrittigen Eltern etwa vermehrt Einzelgespräche der Beratenden mit Mann und Frau, Wissensvermittlung (Psychoedukation), weil sich das als hilfreich erwiesen hat, oder das vermehrte Erstellen von Gutachten. Hochstrittige Eltern bringen auch den Familiengerichten mehr Arbeit. «Sie haben die Tendenz, wegen jeder Kleinigkeit vor den Richter zu gehen.»

Die Zahl hoch konflikthafter Trennungen und Scheidungen in den Beratungsstellen nimmt zu. «Vor 15 Jahren hatten wir noch sechs Erziehungsbeistandschaften, jetzt sind es 90. Davon ist die Hälfte im Rahmen hoch konflikthafter Situationen», weiss Wiederkehr, Tendenz zunehmend. In Zürich wird die Arbeit vergleichbarer Beratungsstellen schon mit 70 Prozent von Erziehungsbeistandschaften geprägt. «Die machen dadurch weniger Beratungen.» Ob den Beratungsstellen im Freiamt auch dieser Weg vorgegeben ist, will Wiederkehr nicht beurteilen. «Die Gesellschaft wird uns sagen, wo wir die Schwerpunkte setzen müssen.» So oder so ist er aber davon überzeugt, dass Beratungsstellen und Familiengerichte vor grossen Herausforderungen stehen und ihre Schwerpunkte verändern müssen. Wiederkehr hofft, dass zusammen mit den Familiengerichten neue Formen der Beratung entwickelt werden können, um hochkonflikthafte Trennungen für alle so gewinnbringend wie möglich gestalten zu können.

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