Sarmenstorf
Die Beiz bleibt zu, das Haus wird erhalten

Der Gasthof Ochsen prägt das Ortsbild von Sarmenstorf seit Jahrhunderten. Dem wird beim Umbau nun Rechnung getragen.

Toni Widmer
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So wird sich der «Ochsen» nach dem Umbau präsentieren. Auf dem durch den abgebrochenen Saaltrakt frei gewordenen Platz (rechts) sind Gemeinschaftsräume für die in der zweiten Etappe geplante Überbauung vorgesehen. Visualisierung zvg

So wird sich der «Ochsen» nach dem Umbau präsentieren. Auf dem durch den abgebrochenen Saaltrakt frei gewordenen Platz (rechts) sind Gemeinschaftsräume für die in der zweiten Etappe geplante Überbauung vorgesehen. Visualisierung zvg

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Ende Juni 2014 ging die lange Ära des traditionsreichen Gashofs Ochsen in Sarmenstorf zu Ende. Restaurant, Bar und Kegelbahn wurden geschlossen. Jetzt soll er für Wohnzwecke umgebaut werden. Gekauft hat die Liegenschaft die Renova Real Estate GmbH, Villmergen.

Hinter dieser Firma stehen zwei junge Baufachleute: Till Rageth von der AussenHolzBau GmbH und Paul Markwalder von der Markwalder Hochbau GmbH, beide mit Sitz in Villmergen. Sie wollen in einer ersten Phase das Hauptgebäude sanieren und später auch die Scheune hinter dem «Ochsen» abbrechen und dort eine Mehrfamilienhausüberbauung realisieren.

Ein Liebhaberobjekt

Rageth und Markwalder haben den traditionsreichen Gasthof im Wissen darum gekauft, dass bei einer Sanierung und Umnutzung auch der Ortsbildschutz ein Wörtchen mitreden wird. Was das Vorhaben nicht unbedingt einfacher macht: «Der ‹Ochsen› ist für uns ein Liebhaberobjekt. Wir haben beide eine Leidenschaft für ältere Gebäude entwickelt und uns mit unseren Unternehmen auch auf Umbauten und Kernsanierungen spezialisiert.

Der Gasthof Ochsen in den 60er-Jahren, noch vor dem Bau von Kegelbahn und Bar unter dem Saaltrakt, die 1969 eingeweiht wurden.

Der Gasthof Ochsen in den 60er-Jahren, noch vor dem Bau von Kegelbahn und Bar unter dem Saaltrakt, die 1969 eingeweiht wurden.

AZ

«Ochsen» eine der ältesten Tavernen im Freiamt

Die Tür schloss Kurt, Kurt Stalder. Er war der letzte Wirt in der rund 400-jährigen Geschichte des Gasthofs Ochsen in Sarmenstorf. Das markante Gebäude am Kreuzrain war laut Pater Martin Baur, dem Autor der 1941 erschienenen «Geschichte von Sarmenstorf», nicht nur die älteste Taverne im Dorf. Es ist neben dem «Sternen» in Boswil, dem «Rössli» in Villmergen und dem «Einhorn» in Sins auch eines der ältesten Gasthäuser im Freiamt, die in ihren Grundzügen bis heute erhalten geblieben sind. Die erste urkundliche Erwähnung datiert aus dem Jahr 1606. Der «Ochsen» ist damit vor den ebenfalls traditionellen Sarmenstorfer Gasthöfen «Adler» und «Wilder Mann» betrieben worden. In Baurs Buch gibt es gegen 70 Einträge zu dieser Dorfwirtschaft. Unter anderem wird berichtet, dass sich die Pfarrherren der Umgebung mehrmals darüber beklagt hätten, im 1897 angebauten Theatersaal fänden zu viele Tanzveranstaltungen statt, und das sei dem sittlichen Leben der Jugend nicht förderlich.

1962 hat die Dynastie Stalder begonnen. Vorerst betrieb Alfred Stalder im Erdgeschoss noch eine Schuhmacherei, und auch eine Bäckerei war dort eingerichtet. Im Herbst wurde in der Scheune jeweils auch für Kunden gemostet. Walter und Leonie Stalder, die in der zweiten Generation den Betrieb in den 60er-Jahren übernahmen, investierten in eine Bar und eine moderne Kegelbahn. Schliesslich übernahm Sohn Kurt den Betrieb und führte ihn bis Ende Juni 2014. Er konnte die nötigen Gebäude-Investitionen aus dem Wirteertrag jedoch nicht mehr stemmen und beschloss im Juni 2014, den Gasthof zu verkaufen. (to)

Klar ist dieses Projekt eine Herausforderung. Aber Herausforderungen mögen wir», sagt Till Rageth. Es sei eine befriedigende Aufgabe, alte Bausubstanz zu erhalten, zukunftsträchtig zu nutzen. Wenn man dabei noch zur Aufwertung eines schönen Ortskerns beitragen könne, mache es umso mehr Spass.

Architekt aus dem Dorf

Mit der Ausarbeitung des Projekts haben die Besitzer Stefan Hegi vom Büro Hegi Koch Kolb und Partner Architekten, Wohlen, betraut. Und mit ihm bisher sehr gute Erfahrungen gemacht: «Wir sind überzeugt, dass wir mit ihm zusammen aus diesem Objekt das Bestmögliche herausholen können», sagte Rageth. Auch der Dialog mit Gemeinderat und Ortsbildschutz habe sich gut angelassen: «Bei einem solchen Vorhaben müssten alle Anliegen berücksichtigt werden. Diesbezüglich sind wir auf einem guten Weg.»

Auch für den erfahrenen, selber in Sarmenstorf wohnhaften Architekten Stefan Hegi ist dieses Projekt eine Herausforderung, die er gerne angepackt hat: «Der Gasthof Ochsen verkörpert zum einen ein Stück Sarmenstorfer Beizenkultur, zusammen mit den ebenfalls markanten Gasthöfen Zum Wilden Mann und Adler. Zum andern bildet das repräsentative Gebäude optisch den Abschluss der Marktstrasse, des eigentlichen Dorfzentrums, und ist für das Ortsbild von grosser Bedeutung.

Wir sind mit dem nötigen Respekt an die Sache herangegangen», erklärt Hegi und verweist auf das in der Gemeinde seit rund einem Jahr laufende Pilotprojekt «Fokus öffentlicher Raum». Dieses trage zusätzlich zur Sensibilisierung für das Ortsbild bei und Elemente davon würden in seine Planung einfliessen.

Erscheinungsbild bleibt erhalten

Das Hauptgebäude des historischen Gasthofs ist im Inventar der schützenswerten Bauten als Kulturobjekt aufgeführt. Es muss also bezüglich Volumen und Erscheinungsbild erhalten werden. Was heisst das genau: «Wir können», sagt Stefan Hegi, «beispielsweise nicht einfach die Anordnung der Fenster verschieben oder die Dachform ändern. Die Fassade soll sich nach dem Umbau möglichst so präsentieren wie vorher.» Bei der Herangehensweise an ein solches Projekt müsse nun aber auch die Machbarkeit beachtet werden. Deshalb gehe es nicht ohne Kompromisse. «Es gilt, die Interessen von Bauherrschaft und zuständigen Behörden unter einen Hut zu bringen. Diesen Weg zu finden, ist nicht immer ganz einfach, aber bisher hat es gut funktioniert», sagt Hegi.

Weil der Zustand der inneren Bausubstanz keine vernünftige Umnutzung erlaubt, muss der «Ochsen» ganz ausgekernt und das Gebäudeinnere neu aufgebaut werden. Es gibt einen neuen Treppenaufgang und einen Lift. Geplant sind über drei Geschosse je zwei Wohnungen mit 2 1⁄2 und 3 1⁄2 Zimmern im behindertengerechten Standard. Der Haupteingang im Untergeschoss, wo Keller-, Neben- und technische Räume eingerichtet werden, bleibt wie bisher zur Marktstrasse hinaus gerichtet. Auf der Südseite des Gebäudes werden neue, filigran mit Holz gestaltete Balkone realisiert.

Überbauung als zweiter Schritt

In einer ersten Phase wird jetzt das Hauptgebäude saniert. Das Baugesuch dafür ist eingereicht. In einem zweiten Schritt wird anstelle der alten Scheune hinter dem «Ochsen» ein Mehrfamilienhaus entstehen. Dessen Planung ist noch am Laufen, Stefan Hegi hat aber schon ziemlich klare Vorstellungen über Konzept und Gestaltung.

So wird durch den Abbruch des Saaltrakts, der 1897 angebaut worden und 1969 mit Kegelbahn und Bar ergänzt worden war, Platz frei. Dieser soll für die Gemeinschaftsräume der Überbauung genutzt werden. «Wir wollen ein städtebauliches Ensemble gestalten, das gegen die Marktstrasse hin offen ist, so wie es das Projekt ‹Fokus öffentlicher Raum› vorsieht», erklärt Hegi. Entstehen solle eine Gesamtüberbauung, die mit einer hohen Qualität bezüglich Zugängen, Aussenräumen und Gestaltung das Ortsbild im Bereich Kreuzrain zusätzlich aufwerten könne.