Villmergen
Die alte Villmerger Färberei Stäger wird abgerissen

Dass die Färberei samt 200-jährigen Wohnhäusern abgerissen wird, schmerzt die Färber-Familie Stäger. Doch daran wollen sie nicht denken. Die schönen alten Geschichten sind ihnen noch lebhaft vor Augen.

Andrea Weibel
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2012 - Rudolf, Oskar und Urs Stäger vor den Ruinen der Färberei
18 Bilder
1930 - der neue Heizkessel wurde eingeweiht
1890er-Jahre - die Brüder Fritz und Robert Stäger (hinten Mitte)
Von der Färberei werden nur der Brauerei-Teil (vorne) sowie das Kesselhaus mit dem Hochkamin (rechts) bestehen bleiben
Auch die alten Bäume müssen weichen
Impressionen aus den Ruinen
Impressionen aus den Ruinen
Impressionen aus den Ruinen
Impressionen aus den Ruinen
Impressionen aus den Ruinen
Impressionen aus den Ruinen
Impressionen aus den Ruinen
Impressionen aus den Ruinen
Impressionen aus den Ruinen
Abbruch der alten Villmerger Färberei
Impressionen aus den Ruinen
Impressionen aus den Ruinen
Impressionen aus den Ruinen (17)

2012 - Rudolf, Oskar und Urs Stäger vor den Ruinen der Färberei

Zur Verfügung gestellt

Unser Vater sagte oft, die Färberei sei das Villmerger Gnadenthal», erinnert sich Urs Stäger schmunzelnd. «Nicht nur, weil wir fast dieselbe Telefonnummer hatten wie das Niederwiler Altersheim.» Die Färberei habe Leute eingestellt, die sonst kaum Arbeit gefunden hätten. «Vater war oft mit der Gemeinde im Gespräch. Denn es gab damals beispielsweise noch keine Arbeitsstätten für Behinderte.»
Urs Stäger (72) und seine Brüder Rudolf (76) und Oskar (73) erinnern sich gut an die Färberei, in der sie einen Grossteil ihres Lebens verbrachten. «Unser Elternhaus stand nebenan. Als Kinder spielten wir auf dem Areal», erinnert sich Urs Stäger. «Und von den Färbern lernten wir das Fluchen», lacht er.

«Wenn jemand in die Färberei gehen wollte, sagte er, er gehe ‹i d'Farb›. Und bei uns wurde ‹Strau› für die ‹Strauindustrie› gefärbt. Stroh und Strohindustrie sagten nur die Krawattenträger», weiss Rudolf Stäger noch. Er war als Chemiker und technischer Leiter für die Herstellung der Farbrezepte im Labor zuständig. Urs war der kaufmännische Leiter und Oskar war Betriebsleiter. «Im Winter war Hochbetrieb. Da halfen die Bauern und Knechte aus der Region mit, die im Winter sonst keine Arbeit hatten», erzählt Rudolf Stäger. So wurden täglich 2000 bis 3000 Kilo Garn gefärbt. «An Spitzentagen schafften wir sogar 4000 bis 5000 Kilo.» Im Sommer kam es dagegen vor, dass die Fabrikbelegschaft beim Heuen aushalf.

Auch fürs Dorf war die Färberei Stäger eine Bereicherung. «Alle acht Jahre fand das Jugendfest statt. Für die bunten Wagen färbten wir die Tücher», so Urs Stäger. Ein spezieller Brauch war Fronleichnam, «das war bei uns der ‹Sagmählsonntig›». Für diesen Tag färbten Stägers jährlich mehrere Säcke voll Sägemehl. «Diese wurden von Jungwacht, Blauring und anderen Vereinen abgeholt, die bunten Sägemehlbilder auf die Strassen malten. Man konnte die Farben mischen wie bei Farbstiften.»

Unfälle gab es in all den Jahren nur selten. «Gebrannt hat es nie, und der einzige Einbrecher, den wir hatten, hat nur Briefmarken und 50 Franken aus der Kaffeekasse gestohlen. Und ein Stück Torte aus dem Kühlschrank hat er gegessen», lacht Urs Stäger. «Nachts waren unsere Hunde frei auf dem Areal, die bewachten uns gut.» Apropos Tiere: «Vor dem ersten Lastwagen, wurde das Garn täglich mit Ross und Wagen ausgeliefert. Unser Pferd hiess Suri und war sehr schreckhaft.» Damals fuhr die Wohlen-Meisterschwanden-Bahn direkt am Haus der Stägers vorbei. «Manchmal hupte der Zugführer, das erschreckte Suri immer so, dass er samt Federwagen auf die Strasse rannte.»

Die Firma wurde immer moderner. «Als wir den ersten Lift erhielten, fuhren wir Buben immer hoch und runter. Der Werkstattchef hielt den Lift manchmal an, um uns zu erschrecken. Doch einmal vergass er, ihn wieder einzuschalten. Da mussten wir drei Stunden im Lift warten», berichtet Urs Stäger. Auch über den Transport eines Färbeapparats lachen die Brüder heute noch: Dieser wurde mit einem Transporter der Dambach-Mühle in Mailand abgeholt. «In Wassen war damals ein Haus über die Strasse gebaut, und der Apparat passte nicht untendurch. Da schlug der Chauffeur kurzerhand ein Stück Holz aus dem Balken des Hauses, liess die Luft aus den Transporterreifen - und passte unter dem Haus durch», erzählt Oskar Stäger. Die Brüder sind froh über die gute Zeit in der Färberei. Doch mindestens ein Auge weint auch über den Abbruch.