Runder Geburtstag

Die älteste Villmergerin wird 100 Jahre alt

Maria Zubler-Meyer feiert ihren 100. Geburtstag.

Maria Zubler-Meyer feiert ihren 100. Geburtstag.

Maria Zubler-Meyer hat im letzten Jahrhundert viel erlebt. Der az hat sie erzählt, wie es war, als sie bei Ausbruch des zweiten Weltkriegs den Marschbefehl erhielt – und dass ihr die Hotels in Baden nicht gefallen haben.

Maria Zubler sitzt an ihrem Tisch im Seniorenzentrum Obere Mühle in Villmergen und weiss gar nicht, wo sie anfangen soll. Am 11. April wird sie 100 Jahre alt – und in dem Jahrhundert, das hinter ihr liegt, hat sie viel erlebt. Am 11. April 1917 – mitten im Ersten Weltkrieg – wurde sie als ältestes von fünf Kindern der Familie Meyer in Villmergen geboren, auf dem «Beili-Hoger», nur einen Steinwurf entfernt von ihrem heutigen Daheim. «Unser Vater war Packer in der Strohfabrik. Und auch ich habe oft für die Strohindustrie gearbeitet», erinnert sie sich.

Doch ihr eigentlicher Beruf war «Saalmeitli» in Hotels. «Das Jugendamt Muri hat damals junge Mädchen und Burschen in Pensionaten in Frankreich untergebracht, wo wir für Kost und Logis arbeiteten. So lernte ich, in einer Pension mitzuarbeiten, die Zimmer zu machen, zu servieren – und Französisch.»

Danach arbeitete sie in verschiedenen Hotels in der ganzen Schweiz, denn Maria Zubler beherrschte neben Deutsch und Französisch bald auch Englisch. «Ich habe mir immer möglichst schöne Hotels in den Bergen ausgesucht, wenn ich konnte. Ich hätte ja auch nach Baden gehen können, aber das wollte ich nicht.» Stattdessen war sie in Martigny, im Grand Hotel Thunerhof, im Hotel Belvédère in Wengen, im Grand Hotel in Engelberg und vielen weiteren Häusern angestellt. Trotz ihren 100 Jahren erinnert sie sich gut an all die Namen und Orte. Doch an ein Hotel erinnert sie sich am besten: das «Palace» in Luzern. Dort arbeitete sie nicht freiwillig: Es war Krieg.

Fünf Villmergerinnen im Krieg

«In Villmergen war damals nicht viel los, also bin ich dem Samariterverein beigetreten», beginnt Zubler zu erzählen. «Dann kam die erste Mobilmachung im September 1939: Jedes Dorf musste je nach Einwohner eine Anzahl Samariterinnen stellen. Für Villmergen waren es unserer fünf.» Zubler war damals im Simmentalerhof in Boltigen angestellt, als sie den Marschbefehl erhielt. «Ich musste sofort packen und mit dem ersten Zug nach Luzern.» Dort war das Hotel Palace komplett ausgeräumt worden, «alles war nur noch für Soldaten eingerichtet». Die junge Villmergerin wurde im vierten Stock eingeteilt, wo sie mit einer Ordensschwester und einer weiteren Samariterin verwundete Soldaten pflegte, bis sie nach etwa drei Monaten abgelöst wurde.

«Bei der zweiten Mobilmachung im Mai 1940 dachten alle, die Schweiz werde überfallen. Da mussten wir sofort wieder einrücken», weiss die 100-Jährige noch. «Im Hotel Palace wurde es zu gefährlich, darum brachten sie uns in Baracken zwischen Flüelen und Altdorf.» Dort pflegten sie weiter verwundete Soldaten. Dabei blieb Maria Zubler ein strenger Winter besonders in Erinnerung: «Es wurden oft Kanoniere eingeliefert, deren Finger abgefroren waren. Das vergesse ich nie. Die Schwester sagte mir, ich solle die Hände verbinden, ich hätte kleinere Finger. Dabei wollte sie das bloss nicht tun.»

Glück auf dem Brienzer Rothorn

Doch auch ihr Glück fand die junge Villmergerin während ihrer Dienstzeit: «Als wir an einem 15. August frei hatten, fuhren wir Samariterinnen mit dem Velo nach Sörenberg und wanderten aufs Brienzer Rothorn. Unabhängig von uns entschlossen sich ein gewisser Hans Zubler und sein Freund zur selben Tour, brachen aber erst nach ihrer Nachtschicht in der Pulveri in Dottikon auf», berichtet Maria Zubler. «Oben auf dem Rothorn im Wirtshaus war kein Platz mehr, da stellte uns ein Bähnler eine Gondel zur Verfügung, in der wir schlafen konnten. Auch die beiden Herren schliefen dort. Hans teilte seine Pelerine mit mir, damit ich mich einpacken konnte.»

Davor hatten sich die beiden nur vom Sehen gekannt, obwohl beide Villmerger waren. Es braucht wenig Worte: Am 30. Mai 1944 heiratete das glückliche Paar. Und Maria wurde vom Aktivdienst befreit.

Maria Zubler feiert ihren 100. Geburtstag

1944 heirateten Hans und Maria Zubler in der Kirche Villmergen.

Maria Zubler feiert ihren 100. Geburtstag

Schöne und schwere Zeiten

Weil die Wohnungen knapp waren, lebten sie zehn Jahre im Obergeschoss der Metzgerei in Büttikon und amteten als Schulhausabwarte, bevor sie in Villmergen an der Weingasse ein Häuschen kaufen konnten. «Das war eine schöne Zeit.» Doch Maria Zubler hatte auch schwere Momente: Sie war Rhesus negativ, weshalb sie zwei Kinder verlor. Die beiden ersten, Hans (1945) und Rita (1946), waren jedoch kerngesund und schenkten ihr vier Enkel und bisher bereits zwei Urenkel.

Ihr Ehemann Hans verstarb im September 1996. Maria pflegte Garten und Haus weiter, bis sie 94 Jahre alt wurde und merkte, dass es nicht mehr ging. Nach einem Unfall kam sie ins Altersheim Auw, doch erst als sie in die «Obere Mühle» ziehen konnte, blühte sie wieder auf. «Ich esse immer genug, damit ich Kraft habe, um meine Schwester Anni im Elternhaus zu besuchen», erklärt sie. Jeden Tag macht sie mit ihrem Rollator Spaziergänge im Dorf.

Heute Dienstag darf Maria Zubler ihren grossen Tag mit ihren Lieben feiern. Von ihren Jahrgängern ist sie die Letzte, da kann leider keiner mehr gratulieren kommen. Doch der Gemeinderat wird ihr gratulieren, immerhin ist sie die älteste Frau im Dorf – genauso wie ihre Mutter damals: Diese ist 97 Jahre alt geworden.

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