Freiamt
Die 4. Säule soll Vereinsamung verhindern

Die Genossenschaft KISS möchte den Leuten ermöglichen, sich gegenseitig zu helfen.

Dominic Kobelt
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Die Genossenschaft KISS möchte Leute aus der Region untereinander besser vernetzen, damit sie sich gegenseitig helfen können. Symbolbild/Thinkstock

Die Genossenschaft KISS möchte Leute aus der Region untereinander besser vernetzen, damit sie sich gegenseitig helfen können. Symbolbild/Thinkstock

Getty Images/iStockphoto

Organisationen mit dem Ziel, dass Senioren länger in den eigenen vier Wänden leben können, gibt es einige. Die Genossenschaft KISS (Keep it small and simple, halte es klein und einfach) möchte diese untereinander vernetzen, ein Dach bilden, und neue Menschen für die Freiwilligenarbeit interessieren. Die Idee: Wer sich freiwillig um Mitmenschen kümmert, erhält als Anerkennung Zeit gutgeschrieben, die er wiederum für Unterstützung nutzen kann, wenn Hilfe benötigt wird. Genossenschafter sind gleichzeitig Nehmende und Gebende. Eine «geldfreie 4. Säule», wie es Martin Villiger, Präsident vom Förderverein KISS Aargau beschreibt. Braucht es wirklich eine Genossenschaft, die Nachbarschaftshilfe organisiert? Sind die Leute heute weniger bereit, von sich aus zu helfen? «Nein», sagt Villiger, «aber die Strukturen sind anders – früher waren die Familien grösser, die Dörfer kleiner und vernetzter», erklärt der Zufiker. Ziel ist es, mit 50 bis 80 lokalen Genossenschaften den ganzen Kanton abzudecken. Davon ist man aber noch weit entfernt: Im Oberfreiamt ist die erste Genossenschaft im Kanton aktiv. Im Freiamt sind in der Region Muri und Bremgarten Genossenschaften im Aufbau.

Millionen-Ersparnis

Villiger ist überzeugt, vor allem die Bewohner, aber auch die Gemeinden und der Kanton können durch KISS viel Geld sparen. «Wir reden hier vor allem von Personen, die in der Pflegestufe 1 bis 3 sind, also maximal eine Stunde Pflege am Tag benötigen», erklärt Villiger. Damit sie möglichst selbstständig leben können, brauchen sie nicht nur Pflege, sondern auch Betreuung. «Das geht von Hilfe beim Einkaufen, Waschen und Kochen über einen Spaziergang bis hin zu einem gemeinsamen Jass oder der Begleitung auf einen Ausflug.» Villiger rechnet vor: «Die jährlichen Kosten für eine Genossenschaft sind rund 60 000 Franken, für den ganzen Kanton macht das vier bis fünf Millionen. Ungefähr 20 bis 30 Prozent der Alters- und Pflegheimbewohner sind in den untersten drei Pflegestufen. Wenn nur einige Prozent von ihnen zu Hause leben könnten, liessen sich die Kosten um ein Mehrfaches dieses Betrages senken.» In den Genossenschaften entstehen Kosten hauptsächlich durch angestellte Koordinatorinnen, die die Qualität der Leistungen sicherstellen sollen. Genossenschaften haben das Ziel, in den ersten ein bis drei Jahren möglichst wenig von der öffentlichen Hand zu leben, sondern durch Beiträge von Stiftungen und Spenden finanziert zu werden. «So können wir zuerst den finanziellen Nutzen nachweisen, bevor wir die Behörden um Geld bitten», erklärt Villiger. Mit dem Nachweis für den Mehrwert möchte man mit dem Kanton und Gemeinden eine Leistungsvereinbarung eingehen.

Software hilft bei Partnersuche

Und wie möchte KISS die Leute vernetzen? «Gebende und Nehmende bilden ein Tandem. Koordinatorinnen bringen diese Menschen zusammen, wobei das Persönliche sehr wichtig ist. Weiter wird in einer Software erfasst, welche Leistungen jemand erbringen kann und was er benötigt. Die Übereinstimmungen geben Hinweise auf mögliche Tandems.» Aber auch Leute, die niemand anderem mehr helfen können, sollen profitieren können – für die meisten Leuten gehe es eh nicht um die Stunden, sie seien glücklich mit ihrer Aufgabe, erklärt Villiger. KISS organisiert zusätzlich in den Genossenschaften Veranstaltungen: So etwa ein «KISS Kaffi» bei denen die Leute sich treffen, um so neue Kontakte zu knüpfen. Aus anderen Kantonen, in denen das Konzept schon erfolgreich umgesetzt wurde, weiss man: Unter den Hilfeleistenden machen die Frauen zwischen 45 und 75 die grösste Gruppe aus, die Hilfebezüger sind meist über 80 Jahre alt – oder es sind ganz junge Menschen, die Hilfe brauchen.

Martin Villiger hat noch mehr Ideen, wie sich das Modell von KISS ausweiten liesse. «Wir können uns vorstellen, mit Firmen zusammenzuarbeiten, die den älteren Mitarbeitern einige Arbeitsstunden für Freiwilligenarbeit zur Verfügung stellen. Das hat einen positiven Effekt auf die Motivation und den Vorteil, dass man bei der Pensionierung schon ein Netz aufgebaut hat.»

Den Vorwurf, KISS konkurrenziere andere Organisationen, lässt Villiger nicht gelten. «Gemeinsam mit anderen Organisationen möchten wir die umfassende Betreuung sicherstellen. Wir haben schliesslich alle dasselbe Ziel, den Menschen zu helfen und die Gemeinschaft zu stärken.» Zudem könnten auch andere Organisationen die KISS-Software nutzen, um die geleistete Arbeit zu dokumentieren. Und was ist mit den Altersheimen? «Im Vorstand des KISS Vereins Aargau sind auch Paul Villiger, Leiter des Zentrums Aettenbühl in Sins und Josef Villiger, Leiter des Alterswohnheims St. Martin in Muri, was zeigt, dass KISS keine Konkurrenz ist. »