Tabubruch

Diagnose ADHS: «Ritalin gibt mir so viel Lebensqualität» – ein Aargauer Betroffener will mit seinem Buch aufklären

Stephan Rey will mit seinem Buch ADHS-Patienten eine Stimme geben.

Stephan Rey will mit seinem Buch ADHS-Patienten eine Stimme geben.

Stephan Rey aus Hägglingen schrieb das Buch «Warum zum Teufel Ritalin?». Darin zeigt er die positiven Seiten des oft verteufelten Medikaments auf. Das Buch soll ADHS-Betroffenen helfen, ihr Handicap zu enttabuisieren.

Stephan Rey sitzt im Auto und nervt sich nicht. Gemütlich fährt er zum Interviewtermin nach Wohlen. Ein anderer Automobilist nimmt ihm den Vortritt. Rey zuckt die Schultern und biegt hinter jenem Auto in die Strasse ein. Das sind im Grunde ganz alltägliche Situationen. Nicht aber für Stephan Rey. «Fast mein ganzes Leben lang habe ich mich über alles aufgeregt, konnte kaum Auto fahren, ohne zu schimpfen und zu gestikulieren. Es ist für mich so schön zu merken, dass ich das heute nicht mehr muss», erzählt der 51-Jährige mit einem breiten Lächeln. Stephan Rey hat das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Erst 2014 wurde dieses vererb- und unheilbare Syndrom bei ihm diagnostiziert. Gezeigt hatte es sich aber schon, seit er im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern vom kleinen Freiämter Dörfchen in ein grösseres Dorf im Freiamt zügelte, wo er immer das Gefühl hatte, einfach nicht rein zu passen.

Das änderte sich fast sein ganzes Leben lang nicht. Dass er heute eine «innere Ruhe» spüren kann, verdankt er vor allem einem: Ritalin. «Ich weiss, dass ich mit dieser Aussage anecke, dass viele wütend sein werden darüber. Aber es gibt mir so viel Lebensqualität, dass ich finde, die Öffentlichkeit soll aufhören, Ritalin generell zu verteufeln. In meinem Buch möchte ich jenen eine Stimme geben, die heimlich Ritalin nehmen müssen und sich dafür schämen.» So heisst sein Buch «Warum zum Teufel Ritalin?» – ein Titel, der ironisch gemeint ist, der fragt, warum Ritalin verteufelt wird, wenn es so viel Gutes bewirken kann.

«Ruhigstellen ist eine falsche Art der Therapie»

Stephan Rey ist nicht generell für oder gegen die Wirkstoffkombinationen, die unter dem Markennamen Ritalin bekannt sind. Als Pflegefachmann weiss er über die Nebenwirkungen Bescheid. «Ich war immer irgendwo in der Mitte: Ich habe eine Ausbildung zum Bachblütentherapeuten gemacht, finde aber, dass man Leuten, die extreme Schmerzen haben, sofort Schmerzmittel geben muss.» Dem heutigen Mitarbeiter der Psychiatriespitex ist wichtig, zu betonen: «Ritalin kann auch für Kinder gut sein, allerdings nie alleine. Es muss immer mit einer Verhaltenstherapie verbunden und genau abgestimmt werden. Kinder einfach damit ruhig zu stellen, ist vollkommen falsch. Das ist es nämlich, was sich viele Unbetroffene unter Ritalin vorstellen. Ruhigstellen ist eine falsche Art der Therapie.»

Auch Rey selbst hat nach seiner Diagnose versucht, durch verschiedene andere Therapieformen das Medikament zu umgehen. Doch nach zwei, drei Jahren, in denen er keine Besserung spürte, beschloss er, dem oft verteufelten Wirkstoffkomplex eine Chance zu geben. «Die Verbesserung, die bei mir sofort und glücklicherweise fast ohne Nebenwirkungen aufgetreten ist, war unglaublich», erinnert er sich. «Ich hatte bis dahin gar nicht gewusst, was innere Ruhe ist. Ich habe in meinem Leben vor Ritalin vielleicht eine Handvoll Bücher gelesen, weil ich meist sofort wieder vergass, was ich gelesen hatte. Seither verschlinge ich Bücher nur so, werde kaum mehr ausfällig, kann in meinem Beruf viel ruhiger und konzentrierter arbeiten und bin glücklich dabei.» Wichtig ist ihm, zu sagen, dass er sich dadurch nicht gedämpft und ruhiggestellt fühlt, sondern genauso aktiv denken kann, sich jedoch einfach weniger gehetzt fühlt.

Biografie kombiniert mit Spezialisteninterview

Ganz deutlich merkte Rey das, als er 2018 erstmals eine geführte Busreise durch die USA antrat. «Ich war schon sehr viel auf Reisen. Ein Jahr war ich mit dem Rucksack in Südamerika, ein Jahr in Indonesien und Indien, zwei Jahre in Russland, China und Indochina. Aber nach sechs, sieben Tagen reiste ich immer weiter, ich hielt es nie lange an einem Ort aus. Das Schlimmste waren die Busreisen dazwischen. Mehrere Stunden still zu sitzen, war eine Qual.» Doch was er in den USA erlebte, war eine Offenbarung: «Ich weiss noch, wie ich stundenlang im Bus durch Arizona sass, die unglaubliche Landschaft betrachtete und mich einfach wohlfühlte. Da habe ich erneut festgestellt, was es heisst, innere Ruhe zu fühlen.»

Schon viel früher hat er begonnen, sein Leben aufzuschreiben. Nach dieser erneuten Offenbarung war für ihn die Zeit reif, die Erfahrungen, die sonst kaum jemand laut auszusprechen wagt, in Buchform zu veröffentlichen. «Leute mit ADHS haben sehr oft Mühe mit Rechtschreibung. Darum habe ich mir jemanden gesucht, der meine Geschichte für mich aufschreiben würde.» Durch Glück konnte er die Co-Autorin Franziska K. Müller, deren Buch «Platzspitzbaby» gerade in den Kinos läuft, die aber auch über die beiden Wohler Bestatterinnen ein Buch geschrieben hat, ins Boot holen. Ursprünglich sollte es eine Biografie werden, die mit Interviews mit ADHS-Spezialistinnen angereichert werden sollte. «Doch dann fand ich den Cameo-Verlag, der Leuten Gehör schenken will, die sonst kaum zu Wort kommen würden. Sie wollten, dass die Interviews in die Biografie eingearbeitet werden.» Insbesondere ADHS-Spezialistin Ilona Maier der Praxis Dr. Davatz in Baden kommt darin immer wieder zu Wort. Das Buch geht Ende Monat in Druck und wird Ende Mai im Buchhandel erhältlich sein.

«Für mich ist Ritalin es ein Luxus, den ich mir gönnen darf»

«Heute ist Ritalin für mich ein Luxus, den ich mir gönne», sagt Stephan Rey und lächelt fröhlich. Mit einem Stirnrunzeln erinnert er sich: «Ich habe mein ganzes Leben lang gelernt, mit meinen Symptomen umzugehen. Früher, als ich noch nicht wusste, was ich habe, habe ich mein ADHS mit Cannabis und Alkohol selbst therapiert. Doch weil ich als Psychiatriepfleger gesehen habe, was Sucht auslösen kann, habe ich wieder damit aufgehört und mir stattdessen Fähigkeiten angeeignet, durch die ich trotz meines ständigen inneren Dranges mein Leben leben konnte. Ich war länger in einer Beziehung und habe eine 12-jährige Tochter. Ich habe mein Leben immer irgendwie gemeistert. Also bräuchte ich Ritalin heute im Grunde gar nicht.» Dann lächelt er wieder: «Aber Ritalin gibt mir so viel Lebensqualität, lässt mich gut schlafen und die schönen Seiten des Lebens geniessen. Und wenn ein Medikament das kann, dann darf ich mir das in Eigenverantwortung gönnen.»

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