Beinwil

Deshalb will dieser Aargauer Auswanderer nie mehr ins Freiamt zurückkehren

Josef Müller zu Besuch auf dem Horben: Eine dauerhafte Rückkehr ins Freiamt kommt für den nach Kanada ausgewanderten Beinwiler nicht infrage.

Josef Müller zu Besuch auf dem Horben: Eine dauerhafte Rückkehr ins Freiamt kommt für den nach Kanada ausgewanderten Beinwiler nicht infrage.

Josef Müller lebt seit zwanzig Jahren in Kanada. Heimweh nach dem Freiamt oder nach der Schweiz hat der ehemalige Bauer und Baggerunternehmer nie, obwohl er hier 50 Jahre lang stark verwurzelt war.

Das erstaunt: «Nein», sagt Sepp Müller, «Beinwil gefällt mir nicht mehr.» Er hatte auch nie Heimweh nach dem Freiamt oder nach der Schweiz, obwohl er hier 50 Jahre lang stark verwurzelt war. «In Beuel hätten sie die Mehrfamilienhäuser nicht vor die Einfamilienhäuser bauen dürfen. Und die Aushubdeponie ist einfach zu hoch.»

Am Donnerstag reisen er und seine Frau Claire wieder zurück nach Clarence Creek in Ontario, Kanada. «Ontario ist 37-mal so gross wie die Schweiz», sagt Müller in der Alpwirtschaft Horben. Er ist auf Besuch in der alten Heimat. «Ein Heimatgefühl habe ich aber nicht, wenn ich hierher komme. Vermisst habe ich anfangs nur meinen Bekanntenkreis.»

Sepp Müller war kein Jungspund, als er sein Bündel packte. 50 Jahre hatte er auf dem Buckel, war Bauer und Baggerunternehmer in Beinwil, bestens vernetzt, unter anderem Präsident des Kavallerievereins, Präsident der Käserei, als Berufspilot auf dem Flugplatz Buttwil zu Hause. Ausschlaggebend für den Entscheid, auszuwandern, war sein Sohn Michael. Der sagte nach der Ausbildung zum Landwirt: «Ich bauere schon, aber nicht wie du.» Er gehe nach Frankreich oder Kanada.

Da fasste Müller den Entschluss, mit seiner Frau nach Toronto zu fliegen und mit einem Makler Verbindung aufzunehmen. Das war vor 20 Jahren. Seitdem sind weder Sohn Michael, der heute in Kanada als Hufschmied Pferde beschlägt, noch der jüngere Sohn Christoph, der seit fünf Jahren die ursprünglich väterliche Clearviewfarm führt, je wieder in die Schweiz zurückgekommen. 100 Kühe, 100 Rinder, vollautomatische Fütterung, 180 Hektaren Fläche total, davon 120 Hektaren Ackerbau – Mais, Weizen, Soja.

Die Traktorpneus haben nie Asphalt unter sich, alles Land liegt rund um den Hof. «Ich bin inzwischen nur noch für den Maschinenpark zuständig», lacht der 70-jährige Sepp Müller. Tochter Gaby, die ein Jahr später den Eltern und den zwei Brüdern nach Kanada folgte, führt heute zusammen mit ihrem Mann in Toronto eine portugiesische Spezialitätenbäckerei.

Andere Welt

Was Sepp Müller anders machen würde? «Ich würde 20 Jahre früher gehen», lacht er. Er verschweigt aber nicht, dass nicht immer alles Sonnenschein war. «Man fängt komplett bei null an. Niemand kennt dich. Ob du jemand warst oder nicht, interessiert keinen.» Dort ist man der Ausländer und kommt sich manchmal «gottvergessen blöd» vor: «Man weiss zum Beispiel nicht, wo man ein Stück Holz kaufen kann, die Sprache war anfangs ein Problem, obwohl Claire relativ gut englisch sprach – Büro-Englisch eben – und mir als Pilot Englisch auch nicht fremd war.»

Die Landwirtschaft in Kanada ist mit derjenigen in der Schweiz überhaupt nicht vergleichbar. «In Kanada wird ein Bauernhof wie ein anderer Gewerbebetrieb beurteilt. Staatliche Unterstützung gibt es nicht, Geld von den Banken nur, wenn du arbeitest und Einkommen erwirtschaftest.» Business also, keine Direktzahlungen. «Clearviewfarm inc.» steht folgerichtig auf der Visitenkarte von «Josef and Claire Mueller». Ihnen gehört offiziell noch das Land, den Hof haben sie vor fünf Jahren Sohn Christoph übergeben, verheiratet mit der eingewanderten Engländerin Abbie, drei Enkelkinder. «Auf der Farm sprechen nur Claire und ich noch deutsch.»

Zurückkommen ins Freiamt ist kein Thema, «überhaupt keines». Bis auf Sohn Dominik, der als Fernsehproduzent in der Schweiz lebt, sind alle aus der engeren Familie in Kanada.

Am Freitag ist Jasstag

Dort ist der Kontakt auch unter Schweizern gut: «Im Winter treffen wir uns jeden Freitag zum Jassen», erzählt Müller, der in der Schweiz noch nicht jassen konnte, «20 bis 40 Schweizer.» Gespielt wird in der Regel Coiffeur «mit Misere», dafür fährt Müller 40 Kilometer mit dem Auto. Überhaupt die Distanzen: «Hier fährt man immer weit.» Mit Claire einmal quer durch Kanada brachte in 14 Tagen 12'000 Kilometer auf den Tacho.

Dafür sind die Strassen in der Schweiz viel besser. «Man merkt, dass viel Geld dafür vorhanden ist, auch vom Staat.» Einfach zu schmal findet Müller die Schweizer Strassen inzwischen. Und den Verkehr zu dicht. «Aber die Schweizer haben sich offenbar gut daran gewöhnt: Sie verhalten sich auf den Strassen vorsichtiger als früher, sie nehmen mehr Rücksicht als auch schon.»

Am Freitag fliegen Claire und Sepp Müller zurück nach Kanada, in ihre Heimat. Er, der frühere Berufspilot, pilotiert selber keine Flugzeuge mehr, hat dafür ein Motorboot auf dem Ottawa-River. Flugzeuge gehören dennoch zu seinem Leben: Als Modellbauer gestaltet er sie aus Holz. «Im Winter kann man draussen nichts machen, zu kalt», sagt er. Dann zieht es ihn in den Hobby-Keller. «Dann bin ich versorgt, sagt meine Frau», lacht der 70-Jährige Beinwiler-Kanadier.

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