Bremgarten

Derselbe Arbeitsort seit 43 Jahren: Zwei Frauen schwelgen in Erinnerungen

Theresia Spinas lebt seit 65 Jahren in der St. Josef-Stiftung, Michèle Robadey arbeitet hier seit 43 Jahren.

Wer wissen will, wie es früher war, in der Bremgarter St. Josef-Stiftung zu leben und zu arbeiten, der muss keine historischen Dokumente hervorkramen. Es empfiehlt sich viel mehr, Theresia Spinas auf einen Kaffee zu treffen, den sie so liebt, und mit ihr über alte Zeiten zu plaudern, was sie zu ihren Hobbys zählt. Seit 65 Jahren lebt die ursprüngliche Bündnerin in der St. Josef-Stiftung Bremgarten und hat somit die Hälfte der 130-jährigen Heimgeschichte selber miterlebt.

22 Jahre jung war Theresia Spinas, als sie 1954 von einem Heim in Altstetten nach Bremgarten wechselte, das damals noch in erster Linie auf Kinder mit Behinderung ausgerichtet war. Hier war sie aber nicht nur, um zu leben, sondern auch, um zu arbeiten. «Es war streng», sagt sie heute über ihren damaligen Alltag. Bereits um 6 Uhr morgens stand Spinas in der Waschküche und faltete Kleider. Eine Büez, vor allem das Zusammenfalten der unzähligen Stoffwindeln der Heimkinder. Kinderhüten gehörte genauso zum Alltag von Spinas, wie das Stricken von Socken nach dem Znacht, bevor es Zeit war für ins Bett. Das Zimmer teilte sich die heute 87-Jährige mit zwei Mitbewohnerinnen. Eine Türe zum Schlafgemach gab es keine. Für die Privatsphäre der Bewohnerinnen sorgte einzig ein Stoffvorhang. Eines der Highlights im Alltag: das Abholen des Lohns beim Verwalter. «Das Geld bekamen wir in einem braunen Säckchen überreicht. Daran erinnere ich mich noch gut», sagt Spinas, lacht herzhaft und lässt einem keine Wahl, als selber mitzugrinsen.

Derselbe Arbeitsort seit 43 Jahren

Spinas war bereits seit 22 Jahren in der Wohngruppe, als Michèle Robadey hier ihre Lehre als Heimerzieherin begann. In dieser Zeit verstand man unter Förderung noch etwas anderes als heute. Im Vordergrund stand, im Gegensatz zu heute, viel weniger, dass man die Kinder lehrt, möglichst viel selber im Alltag zu machen. «Ich erinnere mich, dass wir die Kinder am Morgen möglichst schnell anzogen, damit wir rechtzeitig um halb neun am Tisch sassen, um Förderspiele zu spielen — anstatt ihnen zu helfen, sich möglichst selbstständig zu kleiden, wie wir es heute tun.» Als Robadey vor 43 Jahren ihre Stelle im Heim antrat, hatten im St. Josef noch die Ordensschwestern das Sagen. In weltliche Hände ging das Heim 1987 über. Neun Jahre, nachdem die Stiftung die erste offizielle Wohngruppe für Erwachsene mit Behinderung eröffnet hatte.

Zurück in der Gegenwart

Heute leben noch vier Ordensschwestern im St. Josef und helfen immer noch tatkräftig mit. Aber es sind nicht mehr über 30 wie damals, als Robadey ihre Stelle antrat. Auch sonst hat sich vieles verändert. Heute leben etwa mehr Erwachsene mit Behinderung im St. Josef als Kinder, von denen heutzutage die meisten nur tagsüber betreut und gefördert werden, weil sie weiterhin bei ihren Familien leben.

Auch für Theresia Spinas hat sich in den letzten Jahren so einiges geändert. Ihr Alltag ist viel gemütlicher als noch vor 65 Jahren. «Es gab für mich nie eine schönere Zeit als die jetzige», sagt sie und lacht ihr Theresia-Lachen. Häufig sitzt sie auf dem Balkon ihrer Wohngruppe und schaut hinunter auf den Trubel vor dem Eingang. Dreimal in der Woche gönnt sie sich ein Vollbad und geniesst dazu eine Tasse Kaffee. Eines aber ist gleich geblieben: Noch heute lismet sie fürs Leben gerne. Jetzt aber nicht mehr Socken, sondern vor allem Schals, die sie verschenkt. Und Robadey, die wird in drei Jahren pensioniert. Ein komisches Gefühl, sagt sie, doch sie freue sich auch darauf. Dem St. Josef ganz den Rücken zu kehren, das kann sie sich aber nicht vorstellen. «Gut möglich, dass ich mich auch als Pensionierte im St. Josef engagiere.»

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Autor

Fabio Vonarburg

Fabio Vonarburg

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